Bundestagsrede 01.03.2007

Undine Kurth, Wirtschaftswachstum durch Tourismus

Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:

Das Wort hat die Kollegin Undine Kurth vom Bündnis 90/Die Grünen.

Undine Kurth (Quedlinburg) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Vielen Dank. - Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Gäste auf den Rängen! Sehr geehrter Herr Hinsken! Die ITB beschert uns eine Debatte über den Tourismus. Wir freuen uns darüber, weil sicherlich wir alle der Meinung sind: Man kann gar nicht oft genug darüber reden, dass die Tourismuswirtschaft ein ernstzunehmender Wirtschaftszweig ist. Gelegentlich scheint es ja wirklich so zu sein, dass man sowohl auf kommunaler Ebene als auch auf Landesebene als auch im Bund unterstreichen muss, dass man die Tourismuswirtschaft wirklich ernst zu nehmen hat.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Wir alle wissen: Es gibt drei Dinge, an denen die Entwicklung der Tourismuswirtschaft hängt.

Erstens: an den Akteuren, den Anbietern selber, den Hoteliers, den Restaurantbetrieben, an allen, die mit Tourismus zu tun haben. Sie leisten unglaublich viel Gutes. Übrigens haben sie nicht nur Fesseln; sonst wären sie ja nicht so weit.

(Klaus Brähmig [CDU/CSU]: Das ist richtig!)

Die Akteure sind also das eine.

Zweitens: an den regionalen Voraussetzungen. Dazu zählen Naturausstattung, Kulturgut, die Gründe dafür, dass Menschen überhaupt in eine Gegend fahren.

Drittens - das muss uns hier am meisten beschäftigen -: an den politischen Rahmenbedingungen. Wir setzen sie, damit die unter "Erstens" Genannten richtig arbeiten können und damit die unter "Zweitens" aufgezählten Voraussetzungen auch wirklich genutzt werden können. Schließlich sind nicht immer Fußballweltmeisterschaften.

(Ernst Burgbacher [FDP]: Handball!)

Ich frage mich, wie viele Jahre wir davon noch reden werden.

Wir müssen uns auch um andere Dinge kümmern. Das Thema dieser Aktuellen Stunde lautet "Den positiven Beitrag des Tourismus zum Wirtschaftswachstum festigen".

Die Frage an uns ist also: Was müssen wir tun, damit diese positive Entwicklung weitergeht? Hier sind wunderbare Zahlen genannt worden. Es sei noch einmal daran erinnert: Es sind nicht exportierbare Arbeitsplätze, die da entstehen.

Wenn wir die Tourismuswirtschaft in ihren Erfolgen weiter festigen wollen, müssen wir uns nach den Ursachen ihrer Erfolge fragen. Herr Präsident, Sie erlauben mir, aus der "Mitteldeutschen Zeitung" von gestern zu zitieren. Da wird unter der Überschrift "Ostharztourismus weiter im Aufwind" Folgendes gesagt:

Während der weit gehend ausgebliebene Schnee die Tourismusstatistik ehemals schneesicherer Orte verdarb, verzeichneten Bäder, Museen und die Innenstädte von Orten mit kulturellem Angebot deutlich höhere Besucherzahlen. Vermehrt beeinflusse dieser Mehrwert die Buchungsentscheidung der Gäste.

Die Enquete-Kommission "Kultur" hat vorgeschlagen, 2 Prozent aus dem Korb II des Solidarpakts doch bitte schön für Kultur festzuschreiben. Von Herrn Minister Tiefensee haben wir aber die Antwort bekommen, dass das Engagement des Bundes für Kultur in Ostdeutschland nicht als spezifische Aufbau-Ost-Leistung bewertet wird. Angesichts dessen wäre es vielleicht hilfreich, wenn wir alle zusammen versuchen würden, Herrn Minister Tiefensee davon zu überzeugen, dass Kultur durchaus Infrastruktur ist und dass es dem Tourismus helfen würde, wenn man da etwas täte.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Annette Faße [SPD])

Es ist schon vom demografischen Wandel gesprochen worden. Wir alle reden davon, dass wir erfreulicherweise älter werden, dass wir dann aber vielleicht nicht mehr ganz so beweglich sind. Jeder Vierte ist heute älter als 60 Jahre. 2020 wird es jeder Dritte sein. Also ist Herstellen von Barrierefreiheit nicht nur eine gute Tat; Barrierefreiheit ist Voraussetzung für die Wirtschaftsentwicklung im Tourismus.

Es ist vielleicht wichtig, doch noch einige Zahlen zu nennen. 10 Millionen Menschen in Deutschland müssen mit einer Behinderung leben. Nur 55 Prozent von ihnen konnten im letzten Jahr einen Urlaub buchen, obwohl wesentlich mehr das gern getan hätten. Allein diese 55 Prozent haben 5 Millionen Urlaubsreisen und 4,7 Millionen Kurzurlaube gebucht. In Geld heißt das: Es sind 1,6 Milliarden Euro im Übernachtungstourismus und 1,5 Milliarden Euro im Tagestourismus ausgegeben worden. Umgerechnet in Vollzeitarbeitsplätze sind das 65 000. In diesem Bereich sollte also nicht gespart werden. Tatsächlich ist das jetzt aber leider passiert; denn die Bundesregierung hat bei den für den Bereich "Barrierefreier Tourismus" relevanten Haushaltstiteln drastisch gekürzt bzw. die Ansätze auf null reduziert. Wer die nationale Koordinierungsstelle für den barrierefreien Tourismus nicht weiter fördert, tut nichts Kluges für den Tourismus.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Die Reihe der Beispiele aus vielen Bereichen könnten wir fortsetzen.

Ich will versuchen, mich an meine Zeit zu halten - deshalb ganz zum Schluss ein Appell für den Tourismus in Brandenburg. Auch da könnte ein Bundesminister viel tun, nämlich der der Verteidigung. Es gibt einen Luft-Boden-Schießplatz, das sogenannte Bombodrom, in der Kyritz-Ruppiner Heide. Wir alle wissen, dass eine ganze Region, die dort auf Tourismus setzt, sich gegen diesen Übungsplatz ausspricht, weil die Entwicklung der Region abgebrochen würde. Daher der dringende Appell an uns: Lassen Sie uns versuchen, Herrn Jung davon zu überzeugen, dass dieser Schießplatz der Tourismusentwicklung ganz und gar nicht förderlich wäre!

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

 

171165