Bundestagsrede 24.05.2007

Brigitte Pothmer, Jugendarbeitsschutzgesetz

Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:

Jetzt spricht die Kollegin Brigitte Pothmer für Bündnis 90/Die Grünen.

Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Herr Burgbacher, das Jugendarbeitsschutzgesetz wird wieder einmal zum Sündenbock für die Ausbildungsplatzmisere gemacht. So einfach ist die Welt nur noch für die FDP.

(Ernst Burgbacher [FDP]: Nehmen Sie doch mal die Tatsachen zur Kenntnis!)

Eine Ihrer Behauptungen ist richtig, nämlich dass es immer weniger Hauptschüler gibt, die einen Ausbildungsplatz in der Gastronomie finden.

(Ernst Burgbacher [FDP]: Die würden sie aber gerne nehmen!)

Auch dass immer mehr Gymnasiasten in dieser Branche arbeiten, ist richtig. Das liegt aber wahrlich nicht am Alter der Jugendlichen.

(Ernst Burgbacher [FDP]: Doch! Es liegt am Alter!)

- Nein, es liegt an den gewachsenen Anforderungen auch in diesem Bereich. Der DEHOGA selbst sagt, dass nur noch knapp die Hälfte der Ausbildungsberufe in diesem Bereich für Hauptschüler angeboten wird, weil inzwischen die Anforderungen erheblich gestiegen sind. Das Problem besteht darin, dass die Hauptschüler nicht gut genug qualifiziert werden, um diesen Anforderungen zu entsprechen.

(Ernst Burgbacher [FDP]: Das stimmt doch nicht!)

Das hat in erster Linie nichts mit dem Alter der jungen Leute, sondern mit dem schlechten Bildungssystem zu tun.

Ich finde es langsam peinlich, dass Sie Debatte um Debatte auf das Ausgehverhalten der Jugendlichen abheben, um Ihre Forderung durchzusetzen.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNIS-SES 90/DIE GRÜNEN und der SPD)

Wenn Sie im jugendlichen Alter selber in einer Kneipe gekellnert hätten,

(Ernst Burgbacher [FDP]: Das habe ich gemacht!)

dann würden Sie auch den Unterschied zwischen Arbeiten und Feiern kennen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)

Schade, dass Sie solche Erfahrungen nicht mitbringen. Dann würden Sie zumindest dieses Argument nicht mehr vorbringen.

Das Jugendarbeitsschutzgesetz ist richtig und notwendig, weil Jugendliche, die sich in einem psychischen und physischen Entwicklungsprozess befinden, einen gewissen Schutz brauchen. Deswegen gibt es, glaube ich, keine Notwendigkeit, das Jugendarbeitsschutzgesetz an dieser Stelle zu ändern.

Aber, Frau Golze, es gibt auch keine Notwendigkeit, den Schutz der Jugendlichen weiter auszudehnen. Junge Leute wollen irgendwann gefordert werden.

(Ernst Burgbacher [FDP]: Richtig!)

Sie wollen ernst genommen und als Erwachsene behandelt werden.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNIS-SES 90/DIE GRÜNEN und der SPD)

Dazu gehört auch, dass sie versuchen, unter den Bedingungen der Erwachsenenwelt zurechtzukommen.

(Diana Golze [DIE LINKE]: Deshalb dürfen Arbeitslose bis 25 Jahren auch zu Hause wohnen!)

- Das haben wir nicht vorgeschlagen. So wenig wir wollen, dass junge Leute bis 25 am Rockzipfel ihrer Mutter hängen, so wenig wollen wir sie unter eine Käseglocke packen.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNIS-SES 90/DIE GRÜNEN und der SPD)

Ich halte das für falsch, weil es die Jugendlichen in ihrer Entwicklung behindert.

(Dr. Ralf Brauksiepe [CDU/CSU]: Da haben Sie mal recht!)

Wenn wir wirklich etwas für die Jugendlichen tun wollen, dann müssen wir woanders ansetzen. Dann müssen wir das Ausbildungssystem strukturell verändern und verbessern. Dann ist eine modulare Ausbildung notwendig. Außerdem muss endlich das Berufsbildungsgesetz umgesetzt werden, das zwar schon seit mehreren Jahren in Kraft ist, aber erst in vier von 16 Bundesländern umgesetzt worden ist.

Wir müssen vor allen Dingen die schulische Ausbildung verbessern. Es ist ein Skandal, dass Jahr für Jahr 20 Prozent bis 25 Prozent der Jugendlichen mit dem Etikett "nicht ausbildungsfähig" versehen die Schulen verlassen. Diese Jugendlichen werden wir in den nächsten Jahren brauchen. Wenn wir sie jetzt nicht qualifizieren, dann werden wir sie ein Leben lang alimentieren müssen.

(Ernst Burgbacher [FDP]: Darin sind wir uns einig!)

Darin besteht das Problem, nicht im Jugendarbeitsschutzgesetz, Herr Burgbacher.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)

Es wäre schön, wenn Sie Ihre Rolle nicht als parlamentarischer Arm des DEHOGA verstehen würden, sondern tatsächlich übergeordnete Interessen verfolgen würden. Das wäre gut für Sie und auch für die Jugendlichen.

Ich danke Ihnen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)

 

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