Bundestagsrede 24.05.2007

Frauen in Aufsichtsratsgremien

Margareta Wolf (Frankfurt) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Meine lieben Kolleginnen und Kollegen! Wir diskutieren zu dieser späten Stunde über einen Antrag meiner Fraktion, in dem wir die Einführung einer Quote im Hinblick auf die Besetzung von Aufsichtsräten fordern. Wir sehen dafür eine Frist bis zum Jahre 2012 vor. Bis dahin sollen die Aufsichtsräte zu 40 Prozent mit Frauen besetzt sein. Wir führen in unserem Antrag aus, dass § 100 des Aktiengesetzes dahin gehend geändert werden soll, dass maximal fünf Aufsichtsratsmandate durch eine Person übernommen werden dürfen.

(Joachim Stünker [SPD]: Ein überflüssiger Antrag!)

Warum machen wir das? Wie Sie wissen, sind Frauen in den Aufsichtsräten der deutschen Unternehmen gegenwärtig zu 7,5 Prozent vertreten. Sie sind aber nur deshalb dort, weil sie in maßgeblichem Umfang von der Arbeitnehmerbank gestellt werden. In den Vorständen deutscher Unternehmen sind Frauen nur zu knapp 2,5 Prozent vertreten,

(Silke Stokar von Neuforn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Viel zu wenig!)

und dies trotz der Tatsache, dass wir in Deutschland, wenn auch nur langsam, einen Generationenwechsel in den Vorständen und in den Aufsichtsräten beobachten können. Man könnte hinzufügen: nicht immer mit großem Erfolg. Ich nenne an dieser Stelle nur die Namen Telekom und Siemens.

Ich möchte Ihnen sagen, dass wir uns mit der Erarbeitung dieses Antrags sehr schwergetan haben. Wir sind nicht prinzipiell, wie es der Kollege Wieland vorhin sagte, für neue Gesetze und neue Quoten. Nein, wir haben uns unter anderem mit Gertrud Höhler beraten und verschiedene Unternehmensberaterinnen angehört und uns dann für die Forderung nach Einführung der Quote entschieden, die auch eine gesellschaftspolitische Debatte auslösen soll.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Warum? Liebe Kolleginnen und Kollegen, vor sechs Jahren hat sich der Deutsche Bundestag darauf verständigt, mit der deutschen Industrie eine freiwillige Vereinbarung zu schließen, um das Potenzial der Frauen in Führungspositionen drastisch zu erhöhen. In diesen sechs Jahren wurden zwei Berichte der Industrie vorgelegt, in denen lediglich festgestellt wurde, dass sich der Status quo gegenüber 2001 nicht verändert hat. In der letzten Woche hat sogar der tschechische Sozialkommissar Spidla in Bad Pyrmont gesagt: Bekanntlich werden in Deutschland die drei Ks - Kinder, Küche, Kirche - hochgehalten. Dabei ist Karriere auch ein schönes K.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Bücher mit Titeln wie "Das dämliche Geschlecht" oder "Oben ohne" befinden sich in den Bestsellerlisten und werden auch von Frauen gelesen.

Wie ist die Situation? Im Durchschnitt sind Frauen im Studiengang BWL zu 44,1 Prozent vertreten, in Physik zu über 60 Prozent, in Mathematik zu über 50 Prozent, in Chemie zu über 50 Prozent etc. Dass sie bessere Abschlüsse machen, brauche ich hier nicht zu erwähnen.

(Jörg Tauss [SPD]: Das war auch zu meiner Zeit schon so!)

Die Bundesregierungen sind in der Vergangenheit nicht untätig gewesen. Das gilt auch für die gegenwärtige Regierung. Aber leider funktionieren die angewandten Instrumente nicht. Es gibt zum Beispiel die Plattform "genderdax", die Initiative "ChanGe" und verschiedene Netzwerke innerhalb des Ministeriums von Frau von der Leyen. Gleichwohl passiert gar nichts.

Wir haben uns für dieses Instrument der Quote entschieden, weil der VdU - der Verband deutscher Unternehmerinnen - eine Umfrage bei 2 000 weiblichen Führungskräften in seinem Verband durchgeführt hat, von denen 1 500 gesagt haben, sie hätten die Qualifikation und sie würden gerne in einen Vorstand oder einen Aufsichtsrat gehen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Die Zeitschrift "Brigitte" unterhält seit Anfang dieses Jahres ein Forum, in dem sie die Frage stellt, ob wir eine neue Frauenbewegung brauchen. Die Zeitschrift "Capital", deren Redaktion übrigens kein weibliches Mitglied hat und die uns auch nicht nahesteht, hat eine Umfrage bei 500 weiblichen Führungskräften gemacht und sie gefragt, warum sie nur im mittleren Management und nicht in einem Aufsichtsrat oder Vorstand sind. 70 Prozent sagen - hören Sie gut zu -, dass das an der Dominanz männlicher Netzwerke liegt. 63 Prozent sagen, die Sorge der Vorgesetzten vor familienbedingten Auszeiten und eingeschränkter Verfügbarkeit der Frauen sei der Grund. Diese These hat uns übrigens Frau Höhler bestätigt, und auch junge Führungskräfte bestätigen sie. Sie sagen, dass sie deshalb nicht hochkommen, weil sie schon Kinder haben oder weil befürchtet wird, dass sie Kinder bekommen.

Aus diesem Grunde haben wir diesen Antrag eingebracht. Ich finde, dass niemand die Augen vor dieser Ressourcenvergeudung, die wir in unserem Land betreiben, verschließen kann. Ich bitte Sie herzlich: Wenn Sie diese Quote nicht unterstützen, dann sind Sie gefordert, ein anderes Instrument zu benennen, weil die freiwillige Vereinbarung mit der deutschen Industrie - sie wurde von der deutschen Industrie konzediert - gescheitert ist. Das ist ein Nachteil für den Standort Deutschland und für die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes. Wir machen uns gegenüber den Norwegern, den Spaniern, die gerade ein solches Gesetz eingeführt haben, den Dänen und den Franzosen, die auch darüber nachdenken, lächerlich.

(Joachim Stünker [SPD]: Warten wir einmal ab, was die Franzosen machen!)

Lassen Sie uns in die Richtung denken, den Anteil der Frauen in den Aufsichtsräten und Vorständen mit verschiedenen Instrumenten zu erhöhen. Sie haben die notwendige Qualifikation, die sogar noch besser ist als Ihre, meine sehr verehrten Herren.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN - Silke Stokar von Neuforn [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Das wissen wir schon lange!)

 

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