Bundestagsrede 11.05.2007

Krista Sager, Bologna-Prozess voranbringen

Krista Sager (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die Wissenschaftspolitiker sind sich sicher einig, dass wir die Ziele des Bolognaprozesses unterstützen. Förderung der Mobilität, internationale Vergleichbarkeit und Anerkennung von Abschlüssen - das sind gute Ziele. Diese unterstützen wir alle.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD und der FDP)

Die Ministerkonferenz, die nächste Woche in London stattfindet, ist aus unserer Sicht ein guter Ansatz, um auch die Probleme ins Visier zu nehmen und zu schauen, wo es stockt und nicht gut funktioniert. Denn die Umstellung der Studienstruktur ist ein riesiges Reformprojekt. Wir müssen aufpassen, dass wir die Akzeptanz für dieses große Reformprojekt nicht verlieren. Bei den Zeitzielen und den quantitativen Zielen ist Deutschland sicher gut dabei; das kann man nicht anders sagen. Wir müssen jetzt aber aufpassen, dass die Qualität des Studiums und die Lernprozesse im Studium diesen ehrgeizigen Zeitzielen nicht zum Opfer fallen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

In den Ländern besteht durchaus Anlass zur Sorge. Wir können feststellen, dass die Qualität des Studiums bei der Reform nicht überall gewahrt worden ist und dass es nicht überall gelungen ist, Qualitätssicherung und Akkreditierung zusammenzuführen. Bei der Akkreditierung gibt es einen Stau, und Sammelakkreditierungen sind keine Qualitätslösung. Oft sind Zwischenprüfungen einfach in Bachelorabschlüsse umgewandelt worden. Oft hat eine Verschulung stattgefunden, und die Spezialisierung erfolgte zu früh. Das darf so nicht weitergehen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Ich sehe mit großer Sorge, dass der erhöhte Betreuungsaufwand im Bachelorstudium oft dazu führt, dass Studienanfängerplätze abgebaut werden. Auch damit gefährden wir die Akzeptanz dieser großen Reform. Wenn die Betreuung in den Studiengängen, die noch nicht umgestellt sind, verschlechtert wird, dann gefährdet auch das die Akzeptanz dieser Reform.

Wenn Landesregierungen im Windschatten dieser Reform eine Sparpolitik betreiben, die dazu beiträgt, dass die Möglichkeit zum Übergang vom Bachelor zum Master zum Teil nur noch bei 30 Prozent liegt,

(Jörg Tauss [SPD]: Oder ein Jahr dauert!)

dann ist das sicher nicht im Sinne des Erfinders und der Erfinderin. Da können wir nicht ruhig zuschauen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Diese Sparpolitik untergräbt die Reform. Deswegen muss gegengesteuert werden.

Genauso problematisch ist es, dass viele Studierende immer noch keine Klarheit darüber haben, wie es mit der Akzeptanz der neuen Abschlüsse in der Wirtschaft aussieht. Es gab durchaus entsprechende Kampagnen: "Bachelor welcome", "More Bachelors welcome". Aber das reicht nicht. Wir müssen auch von den Sozialpartnern fordern, dass sie Klarheit darüber schaffen, was die Studierenden mit diesen Abschlüssen von der Wirtschaft erwarten können. Wir brauchen mehr Daten und mehr Informationen. Die Londoner Konferenz muss einen Beitrag dazu leisten.

Besonders schwierig wird es aber, wenn das eigentliche Hauptziel, Mobilität, geradezu konterkariert wird. Wenn zum Beispiel die Leistungspunktsysteme, die neu eingeführt worden sind, am Ende gar nicht ECTS-kompatibel sind oder deutsche Hochschulen dazu übergehen, bilaterale Verträge zur Anerkennung deutscher Abschlüsse abzuschließen, dann sind das Indikatoren für Umstellungsdefizite. Diese Umstellungsdefizite müssen angegangen werden. Wir dürfen nicht länger abwarten.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Die Mobilität wird auch eingeschränkt, wenn Probleme in der sozialen Dimension hinzukommen, wenn man sich aufgrund der Verengung und Verschulung des Bachelorstudiums nicht für Mobilität entscheidet, sondern dafür, zu Hause zu bleiben. Auch das entspricht nicht der Intention dieser Reform.

(Vorsitz: Vizepräsidentin Petra Pau)

Ein wichtiges Thema in London wird die Promotion sein. Wir begrüßen grundsätzlich, dass die Promotion in den Bolognaprozess einbezogen wird. Wir erwarten aber auch, dass Sie, Frau Ministerin, sich dafür einsetzen, dass der Zugang zur Promotion vielfältig bleibt, dass es ein freier Weg bleibt und der Weg nicht verschult wird. Ich glaube, auch darin sind wir uns einig.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Cornelia Pieper [FDP])

Ich appelliere weiter an Sie: Sorgen Sie dafür, dass das Bolognakompetenzzentrum bei der Hochschulrektorenkonferenz erhalten bleibt. Ich appelliere ausdrücklich an alle nationalen Bolognaakteure, an die Teilnehmer der nationalen AG: Gehen Sie die Defizite gemeinsam, koordinierter und sehr viel entschiedener an. Die Akzeptanz dieses großen Reformvorhabens darf an den Hochschulen nicht verloren gehen. Das wäre ein großer Schaden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

 

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