Bundestagsrede von 24.05.2007

Strategie zur biologischen Vielfalt

Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:

Ich erteile das Wort Kollegin Undine Kurth, Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.

Undine Kurth (Quedlinburg) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Vielen Dank. - Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Gäste auf den Tribünen! Jeder Vorredner hat bisher versichert, wie ungeheuer wichtig der Schutz der Artenvielfalt ist. Darin stimmen wir alle überein. Das ist ganz sicher richtig. Gestern im Ausschuss ist sogar gesagt worden, das sei eine der wichtigsten Menschheitsherausforderungen, die wir momentan zu bewältigen hätten. Das ist sicher auch richtig. Die im nächsten Jahr stattfindende 9. Vertragsstaatenkonferenz zum Schutz der biologischen Vielfalt in Bonn ist - ebenso wie die G-8-Verhandlungen - sicherlich ein guter Hintergrund, um diesem Thema politisches Gewicht zu geben.

Wenn das aber so ist und wenn wir uns alle darin einig sind, dass der Schutz der natürlichen Artenvielfalt für uns lebensnotwendig und eine große Herausforderung ist, dann, glaube ich, müssen wir wesentlich konsequenter handeln, als das bisher der Fall gewesen ist. Lassen Sie uns bitte nicht den Fehler, den wir beim Thema Klimawandel schon einmal gemacht haben, wiederholen. Jetzt, nachdem uns jemand vorgerechnet hat, wie teuer das werden könnte, wenn wir nicht reagieren, ist das Thema plötzlich in aller Munde. Dabei sind die Daten und die Fakten längst bekannt. Wir hätten längst handeln können, wenn wir die bekannten Fakten ernst genommen hätten und wenn wir das, was wir wissen, auch in Handeln umsetzen würden.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNIS-SES 90/DIE GRÜNEN)

Genau das ist notwendig, um dieser Herausforderung, die Sie alle gleichermaßen beschrieben haben, auch wirklich zu begegnen.

Wir haben uns in Europa vorgenommen, das Artensterben bis 2010 zu stoppen. Hier kann man nur sagen: Herzlichen Glückwunsch! Dann müssen wir aber langsam anfangen, konsequenter zu handeln. Deshalb glaube ich, dass es sehr wichtig ist, dass wir uns bei allem bewusst machen, was die ganze Zeit über passiert. In diesen 45 Minuten, die wir hier haben, um über dieses Thema zu reden, werden drei bis vier Arten für immer und unwiderruflich diese Welt verlassen haben, und zwar mit all den Potenzialen, die ihnen innewohnen und die wir vielleicht hätten nutzen können, zu deren Nutzung wir jetzt aber nicht mehr die Möglichkeit haben werden.

Minister Gabriel redet immer von diesem sehr schönen Bild von den Daten, die wir auf unserer Festplatte Natur unwiederbringlich löschen. Das ist so. Uns muss klar sein: Wir ersetzen sie durch keine neuen. Demzufolge ist es wirklich wichtig, dass Deutschland seine Verantwortung wahrnimmt.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

- Ja, das ist sehr wichtig. - Es ist wichtig, dass wir jetzt einen Entwurf zu einer nationalen Biodiversitätsstrategie vorliegen haben, über den wir heute auch reden. Wir begrüßen es, dass es diesen Entwurf gibt. - Im Jahr 2005 lag dazu der erste Entwurf einer Strategieempfehlung vor. Diese Regierung musste also nicht bei null anfangen. - Wir sind der Meinung, dass dort wesentlich mehr drinstehen könnte. Trotzdem glauben wir, dass dieser erste Schritt wichtig ist. Wir werden ihm auch zustimmen. Wir sagen aber auch: Jetzt ist der Punkt erreicht, an dem man nicht mehr sagen kann: Es gibt verschiedene Maßnahmen, und ich suche mir nur die Maßnahme heraus, die mir passt. - Entweder nutzen wir alle Möglichkeiten, etwas gegen den ständigen Artenverlust zu tun, oder wir werden scheitern.

Deshalb, glaube ich, ist es sehr wichtig, noch einmal darauf einzugehen, in welchen Bereichen dies so ist. Wir wissen, dass Biodiversität eine Querschnittsaufgabe ist. Das kann aber nicht heißen: Jeder ist zuständig und keiner macht etwas. Frau Dött, ich hätte es sehr gern, wenn Sie Herrn Tiefensee dies mitteilen würden: Einer der Gründe für den fortschreitenden Artenverlust ist die Zerschneidung von Lebensräumen und Flächen. Das stimmt völlig. Wir müssen in der Verkehrspolitik umsteuern. Es wäre wunderbar, wenn Sie Ihren Kollegen Tiefensee davon überzeugen könnten, das bitte schön ernst zu nehmen und darauf zu reagieren.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wir wissen, dass die Waldbewirtschaftung eines der Probleme darstellt. Wir wissen, dass wir im Wasserbau sehr viel falsch machen. Wir wissen, dass der Eintrag von Schad- und Nährstoffen zu groß ist. Wir wissen, dass die Fischerei falsch betrieben wird.

(Hans-Michael Goldmann [FDP]: Das können Sie jetzt alles in Bremen machen!)

- Wir werden in Bremen ganz sicher dazu beitragen, dass sich manches ändert. Keiner von uns wird behaupten, dass wir alles auf einmal regeln können. Ich wäre nur dafür, dass das ernsthaft angegangen wird. Das ist unsere Aufgabe.

Frau Tackmann, Sie wiesen eben darauf hin, dass wir Landwirtschaft und Biodiversitätsschutz brauchen. Wieso soll das eigentlich ein Gegensatz sein? Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, Landwirtschaft so zu betreiben, dass Agrobiodiversität für uns alle und für die Zukunft erhalten bleibt. Wir haben einen entsprechenden Antrag vorgelegt, der heute mitbehandelt wird. Wenn man es mit dem Schutz der biologischen Vielfalt ernst meint, dann ist eigentlich nicht zu verstehen, dass man diesem Antrag nicht zustimmen kann. Bitte nennen Sie mir einen Punkt in diesem Antrag, bei dem Sie sagen, der sei nicht zu verantworten, der sei nicht richtig, der führe nicht zu dem von allen hier als richtig erkannten Ziel!

Ich glaube, dass es sehr stark darum geht, dass wir uns darauf verständigen, das, was wir als Ziel erklärt haben, durchzusetzen, gemeinsam zu handeln und auch dort, wo es unbequem ist, wo es eine Auseinandersetzung mit Nutzungsinteressen gibt, immer wieder dafür zu sorgen, dass konsequent etwas geschieht. Sonst sind die Reden, die wir immer wieder halten, nur Sonntagsreden und offensichtlich nur dazu gut, sie zu zitieren. Aber wir müssen handeln und dürfen nicht nur reden.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)

 

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