Bundestagsrede 15.11.2007

Erhaltung der Weinbaukultur

Ulrike Höfken (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Die größte Bedeutung des Weins liegt in seiner Rolle als Kulturgut: als solches steht er für hohe Qualtität, für Handwerk, Charakter und Herkunft. Aus einem guten Wein riecht und schmeckt man den Charakter einer ganzen Region.

Auch seine wirtschaftliche Bedeutung darf nicht unterschätzt werden. Mit einem Produktionswert von circa 1,2 Milliarden Euro und mehr als 34 000 Winzern und weinverarbeitenden Betrieben in Deutschland stellt der Sektor Weinbau eine beachtliche Größe dar. Tourismus und Gastronomie sind eng mit dem Weinbau verbunden.

Die einmaligen deutschen Traditionsweine sind jetzt durch die Reform der europäischen Weinmarktordnung erheblich bedroht. Die erfolgreiche Ausrichtung des deutschen Weinbaus auf Qualität, Weinkultur, Erhalt der Kulturlandschaften, Verbrauchernähe und Marktorientierung sind in Gefahr.

So soll es unter anderem eine Prämie für die freiwillige Rodung von 200 000 Hektar Reben und bei gleichzeitigen Wiederbepflanzungsrechten geben. In Zukunft sollen die Zuckeranreicherung durch Mostkonzentrat ersetzt werden und die Beihilfen für die Destillation sowie Mostbeihilfen gestrichen werden. Ebenso soll die ganze Struktur der Weinmarktordnung aufgelöst werden

Wir denken, dass es durchaus richtig ist, die teure Vernichtung der Überschüsse mit Hilfe der Destillation zu beenden. Aber diese Überschüsse wurden in Betrieben in Spanien und Frankreich erzeugt, nicht bei den qualitätsbewussten deutschen Winzern, die sich diese neue Verbraucherausrichtung hart erarbeitet haben. In den genannten Länder haben zu viele Betriebe in den letzten Jahren auf Masse statt Klasse gesetzt.

Die Rodung von rund 200 000 Hektar Rebflächen ist keine Lösung der Probleme: Sie benachteiligt EU-weit kleine Winzer und die Qualitätserzeuger, zerstört die traditionellen Weinregionen, wo es bisher für die Weine genügend Absatz gab. Gleichzeitig will die EU-Kommission wieder Bepflanzungsrechte ausgeben. Das heißt in der Konsequenz: Statt Winzerhandwerk wird es in der EU zu einer Entwicklung in Richtung einer industriell-technisch ausgerichteten Weinproduktion kommen - wie in den USA. Darin sehen wir eine erhebliche Schwächung der Wettbewerbssituation und einen Verlust des erfolgreichen europäischen Profils beim Verbraucher.

Viel sinnvoller als Fehlinvestionen in Rodungen sind unserer Meinung nach Investitionen in Maßnahmen, die die Qualität steigern: Das würde beispielsweise bedeuten, dass die Anforderungen an die Hektarhöchsterträge in die Diskussion gebracht werden müssen.

Für die deutschen Weinbauern und -wirtschaft ist das geplante Verbot, Wein mit Saccharose anzureichern ebenfalls von Nachteil. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die EU-Kommission damit Deutschland zur Akzeptanz der Gesamtreform pressen will. Zwar wird die Zuckerung sehr begrenzt eingesetzt, ist aber in klimatisch schlechten Jahren in den nördlichen Regionen teilweise nötig. Statt des geschmacksneutralen Zuckers soll dann nach dem Willen der EU-Kommission Traubenmostkonzentrat aus anderen EU-Ländern beigemischt werden. Dadurch sollen die dort produzierten Überschüsse auf "elegante" Weise doch noch genutzt werden. Deutschen Winzern drohen mit der Reform zusätzliche Mehrkosten, wie etwa durch das überteuerte und verordnete Traubenmostkonzentrat. Den gesamten deutschen und nordischen EU-Ländern entstehen große Wettbewerbsnachteile gegenüber der "Neuen Weinbauwelt" wie etwa den USA. Denn dort ist Saccharoseverwendung erlaubt, auch für den Import in die EU

Ich freue mich, dass es gelungen ist, mit allen Fraktionen der Bundesregierung und der Weinwirtschaft zu einer gemeinsamen Haltung zu kommen.

In diesem gemeinsamen Antrag fordern wir die EU-Kommission auf, die Reform massiv nachzubessern und Qualität und Weinkultur in den Vordergrund zu stellen. Beim Besuch des Agrarausschusses am 5. November in Brüssel haben wir unter anderem diese Positionen vertreten und die EU-Kommission aufgefordert: sich für eine kohärente Weinbaupolitik in Europa einzusetzen; die umfangreichen Rodungsprogramme widersprechen dem vorgesehenen Wiederbepflanzungsrecht, die Saccharoseanreicherung weiterhin anzuerkennen und Bezeichnungsrecht für Qualitätsweinen zu erhalten.

Deutschland und die gesamte EU-Weinwirtschaft brauchen keine Industriealisierung des Weinbaus, sondern eindeutig eine Unterstützung zu Regionalität, Identität und handwerklicher Qualität. All dies verhindert der derzeitige Entwurf der EU-Kommisssion.

Mit Nachdruck fordern wir die EU-Kommission auf, die Reform zugunsten der qualitätsbewussten Winzerinnen und Winzer nachzubessern und keine überschnelle Entscheidung während der portugiesischen EU-Ratspräsidentschaft zu erzwingen.

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