Bundestagsrede 11.10.2007

Cornelia Behm, Agrobiodiversität

Cornelia Behm (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Artenvielfalt ist Ernährungssicherheit. Dies ist der Leitgedanke unseres Antrages zur Agrobiodiversität.

Heute beruht ein Großteil der Welternährung nur noch auf einer kleinen Zahl von Kulturpflanzenarten. Die Zahl der Nutztierrassen ist auf einen Bruchteil der aus dem vorletzten Jahrhundert bekannten Vielfalt zurückgegangen. Die Fruchtfolgen konzentrieren sich auf immer weniger ertragsstarke Sorten. Diese ertrags- und leistungsstarken Sorten und Rassen werden zudem intensiv angebaut und in Großanlagen gehalten. Eine solche Landwirtschaft aber ist gefährdet. Schädlinge und Krankheiten haben auf diese Weise ein leichtes Spiel. Schädlingskalamitäten und Seuchenzüge, die große wirtschaftliche Schäden verursachen, gehören heute zum Alltag der "modernen" Landwirtschaft. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, um zu erkennen, wie leicht dieses sensible Gefüge überdehnt und die Ernährung der Weltbevölkerung in Gefahr geraten kann.

Im Agrarausschuss haben uns die Kollegen von der Union entgegengehalten, die Agrobiodiversität zu erhalten hieße, so zu wirtschaften wie im 19. Jahrhundert. So könne man die Welt heute nicht mehr ernähren. Diese Polemik zeigt, dass Sie das Anliegen unseres Antrages - den Erhalt des Genreservoirs zur Absicherung zukünftiger Ernten - nicht wirklich verstanden haben.

Staatssekretär Müller ist da schon weiter. Er ließ im Oktober letzten Jahres erklären: "Unsere Verantwortung gegenüber den nach uns folgenden Generationen gebietet es, den großen Reichtum und die unermessliche Vielfalt der Nutzpflanzen, wie sie von Generationen von Bauern und Züchtern weltweit über Jahrhunderte aus Wildpflanzen entwickelt worden sind, als Nutzungspotenzial für weitere züchterische Fortschritte und neuartige Verwendungen von Pflanzen zu erhalten." Treffender kann man es nicht ausdrücken.

Ja, wir brauchen neue Sorten, die standortangepasst gute Erträge bringen, um die Welt mit Nahrung und nachwachsenden Rohstoffen zu versorgen. Es besteht auch gar kein Widerspruch zwischen der Züchtung ertragreicher Sorten und dem Erhalt der Agrobiodiversität. Vielmehr ist die Agrobiodiversität mit ihren großen Genpools Voraussetzung für die Züchtungsforschung.

Aber es geht nicht nur darum, die Arten- und Sortenvielfalt in Saatgutbanken zu erhalten. Wir wollen, dass sie auch angebaut und zur Bereicherung unseres Speisezettels genutzt werden. Und das ist kein Zurück ins Gestern, sondern wir sind gut beraten, wenn wir die Zahl der genutzten Kulturpflanzenarten und -sorten vergrößern. Das gibt den Landwirten die Möglichkeit, die Fruchtfolgen auszuweiten, was sowohl unter phytosanitären Aspekten als auch im Interesse des Erhalts der Bodenfruchtbarkeit nur sinnvoll sein kann.

Wenn wir über Agrobiodiversität reden, dürfen wir nicht nur Kulturpflanzen im Blick haben, sondern müssen wir auch die Ackerbegleitflora und -fauna sehen. Die EU hat sich zum Ziel gesetzt, den Artenrückgang bis 2010 zu stoppen. Dazu gehört auch die Artenvielfalt in unseren Agrarökosystemen, einschließlich Ackerkrautdiestel, Brauner Bär und Rebhuhn. Zu erreichen ist das nur durch den Ausbau von Agrar- und Waldumweltmaßnahmen, eine bessere Förderung des Ökolandbaus, die Verminderung chemisch-synthetischer Pestizide und einen verbindlichen Anteil an Strukturelementen anstelle der Flächenstilllegung. Auch qualifizierte Cross-Compliance-Regelungen und eine mittelständische Züchtungsforschung, die ihre Kraft nicht auf wenige gentechnisch veränderte Sorten, sondern auf Vielfalt und die Herausforderungen der Zukunft konzentriert, können einen Beitrag zum Erhalt der Biodiversität leisten.

Die vielfältigen, artenreichen Kulturlandschaften, die mit diesen Maßnahmen entstehen, sind genau diejenigen, die die Menschen in unserem Land schätzen. Kein Mensch liebt ausgeräumte Agrarlandschaften, in denen die Schläge fast bis zum Horizont reichen. Auch dies sollte für Sie ein Grund sein, unseren Antrag zu unterstützen.

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