Bundestagsrede 12.10.2007

Deutsche Personalpräsenz in internationalen Organisationen

Dr. Uschi Eid (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Seit vielen Jahren wird zu Recht immer wieder darüber geklagt, dass Deutschland in internationalen Organisationen zu wenig vertreten ist - sei es bei den Vereinten Nationen, ihren Unterorganisationen wie UNDP, UNICEF, WHO, FAO oder in internationalen Finanzorganisationen wie Weltbank und IWF oder den Regionalen Entwicklungsbanken, um nur einige zu nennen. Die Gründe dafür sind vielfältig, und ihre Beseitigung dauert lange. Eine oder auch zwei Legislaturperioden genügen offenbar dafür nicht.

Ich sage dies, weil es schon im Juni 1998 einen Bundestagsbeschluss gab, der in die gleiche Richtung ging wie der jetzt vorgelegte Koalitionsantrag. Seitdem ist - auch unter Rot-Grün - immerhin einiges geschehen, zum Beispiel wurden hemmende Regelungen verändert und Informationsmöglichkeiten verbessert. Die einzelnen Ressorts haben für ihre Zuständigkeitsbereiche personalwirtschaftliche Gesamtkonzepte vorgelegt, die inzwischen in einer ressortübergreifenden Zusammenarbeit zu einem Rahmenkonzept weiterentwickelt wurden. Konzepte allerdings müssen auch umgesetzt werden. Und bisher sind immer noch zu viele gut gemeinte Bemühungen im bürokratischen Räderwerk steckengeblieben.

Die Schlüssel für eine Eignung für Aufgaben in internationalen Organisationen sind Qualifikation und Motivation.

Woran es ganz sicher nicht fehlt, sind geeignete Menschen in Deutschland. Allerdings genügt die fachliche und sprachliche Ausbildung an Hochschulen und Universitäten allein nicht für die Übernahme von Aufgaben in internationalen Organisationen. Um die Voraussetzungen dafür zu verbessern, müssen zum Beispiel Auslands-praktika absolviert werden. Obwohl es eine ganze Reihe von geeigneten Einrichtungen dafür gibt, werden Praktika in internationalen Organisationen und in EU-Institutionen staatlicherseits noch immer viel zu wenig gefördert. In den internationalen Finanzinstitutionen ist mangelnde deutsche Präsenz besonders auffällig, ein Zustand der schleunigst durch geeignete Fördermaßnahmen zu beenden ist.

Außerhalb von Auswärtigem Amt und BMZ wird die Eignung für internationale Aufgaben noch zu wenig als Kriterium bei der Einstellung und Beförderung angewandt. Darüber hinaus braucht der Nachwuchs spezielle Vorbereitungskurse auf internationale Aufgaben. Auch davon gibt es eine Reihe nationaler wie internationaler Programme, die noch zu wenig genutzt werden.

Mindestens so wichtig wie die Eignung ist jedoch der Anreiz, sich auf offene Stellen in internationalen Organisationen zu bewerben. Wenn das - wie es der Fall ist - zu wenige Menschen tun, muss nach den Gründen gefragt werden. Ohne motivierte Bewerberinnen und Bewerber nützen auch perfekte Qualifikationen nicht viel.

Woran liegt die Zurückhaltung? Die Rückkehrer machen die Erfahrung, dass ihr Einsatz im Ausland wenig oder gar nicht honoriert wird. Schlimmer noch: Die zeitweilige Abwesenheit führt oft genug zu einem Karriereknick. Dieser unhaltbare Zustand schadet nicht nur den Betroffenen. Wegen seiner negativen Auswirkungen auf die Bewerberzahlen beeinträchtigt er auch die Präsenz Deutschlands auf dem internationalen Parkett. Wo es keine deutschen Mitarbeiter, Kollegen oder Vorgesetze gibt, kann man Deutsche auch nicht wahrnehmen oder kennenlernen.

Um diesen Missstand zu beheben, sind bereits eine Reihe von Maßnahmen ergriffen worden oder geplant. Die Förderung von zeitweiligen Auslandseinsätzen muss zu einer Selbstverständlichkeit werden. Für viele Bereiche sollte sie geradezu notwendige Voraussetzung für Beförderungen werden. Bisher ist jedoch oft das Gegenteil der Fall: Auslandserfahrungen werden personalpolitisch vielerorts als Komplikation für die Planung und als überflüssig angesehen. Dies deutet auf einen Grad an Provinzialität hin, der in einer international vernetzten Welt einfach kontraproduktiv ist.

Es ist eine Banalität, muss aber gesagt werden: Reisen bildet, und Auslandserfahrungen erweitern den Horizont. Ein Land wie Deutschland, vielfach verflochten mit der Welt, kann sich keine Personalpolitik leisten, die nicht ausreichend auf internationale Strukturen ausgerichtet ist. Und last but not least: Deutschland hat Kompetenzen. Deutsches Personal kann Fähigkeiten und Fachwissen einbringen, sei es im Umwelt-, Gesundheits-, Agrar- oder Friedens- und Sicherheitsbereich. Diese Kompetenzen müssen international besser eingesetzt und genutzt werden. Das zu tun, dient uns allen.

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