Bundestagsrede von Kai Gehring 24.10.2007

Generation Praktikum

Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:

Jetzt hat Kai Gehring für Bündnis 90/Die Grünen das Wort.

Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Praktikaprobleme mit Augenmaß lösen - das ist sicher ein gutes Motto für die heutige Debatte hier, Herr Schulz.

(Swen Schulz [Spandau] [SPD]: Genau!)

Irgendwann müsste die Koalition aber auch wissen, ob sie sich wenigstens auf eine gemeinsame Problemanalyse verständigen kann. Nach Frau Bärs Beitrag kann ich Ihnen dafür nur sehr viel Erfolg wünschen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN - Dr. Ernst Dieter Rossmann [SPD]: Wir uns auch!)

Stellen Sie sich die Fachkräfte von morgen nur einen Moment lang vor. Junge Absolventen unserer Hochschulen sind bereit, in die Berufslaufbahn einzubiegen, für die sie qualifiziert und motiviert sind. Anstatt den Berufsstart jetzt erfolgreich hinlegen zu können, müssen sie erst einmal in die Warteschleife. Mit einem akademischen Zeugnis in der Tasche geht es ins Praktikum. Sie werden quasi Diplom-Praktikanten. Das Problem tritt bei jungen Akademikern keineswegs massenhaft auf.

(Uwe Barth [FDP]: Das ist der Punkt!)

Das ist hier auch unstrittig. Es aber völlig in Abrede zu stellen, wie es die Union und FDP mit ihren Beiträgen nahelegen, ist absolut realitätsfern.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN - Uwe Barth [FDP]: Man muss einfach einmal zuhören!)

Unterhalten Sie sich einmal mit jungen Leuten über Erfahrungen in unfairen Praktika. Dann können Sie wirklich abendfüllende Geschichten hören. Reden Sie einmal mit Absolventen, die keine andere Wahl als ein Praktikum hatten. Denen hilft das Versprechen, durch den Aufschwung werde das Praktika-Problem schon irgendwie gelöst, wie wir es in den letzten Monaten und Wochen immer wieder gehört haben, überhaupt nicht.

(Uwe Barth [FDP]: Aber gesetzlich die Praktika abzuschaffen, hilft ihnen auch nicht, Herr Gehring!)

- Jetzt hören Sie sich einmal die Zahlen an. Das könnte diese Debatte ja auch versachlichen.

Von 100 Praktikanten mit Hochschulabschluss beginnen 40 ein Praktikum einzig und allein deshalb, um der drohenden Arbeitslosigkeit zu entgehen. Wenn das Praktikum die letzte Rettung ist, dann ist der Missbrauch durch schwarze Schafe unter den Arbeitgebern nicht mehr fern. Es ist auch so: Jeder fünfte Absolvent im Praktikum wird ausgenutzt. Besorgniserregend ist auch, dass die Hälfte der Absolventenpraktika länger als drei Monate dauert. Damit ist einfach die Gefahr gegeben, dass reguläre Arbeitskräfte durch Praktikanten ersetzt werden.

(Dr. Ernst Dieter Rossmann [SPD]: Jetzt wird es präzise!)

Ein Drittel der Uni-Absolventen im Praktikum erhält keine Aufwandsentschädigung. All das sind Punkte, um die wir uns kümmern müssen.

(Beifall des Abg. Dr. Ernst Dieter Rossmann [SPD])

Sämtliche hier genannten Zahlen stammen aus der HIS-Studie, die im Auftrag der Bundesregierung durchgeführt und schon mehrfach angesprochen wurde.

Angesichts dieser Ergebnisse auf breiter Front Entwarnung zu geben, ist geradezu ein Holzweg.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Verharmlosung und Dramatisierung gehen nicht an. Die Generation Praktikum ist kein Massenphänomen, aber ganz sicher auch kein medialer Mythos. Prekäre Praktika betreffen im Übrigen nicht nur Absolventen, sondern auch Studierende und junge Menschen in anderen Ausbildungsphasen. Deshalb muss man sich dringend um Fairness in Praktika bemühen und darf die Ausnutzung nicht länger ignorieren. Darüber müsste es in diesem Haus eigentlich Konsens geben.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN)

Wo stehen wir in dieser Debatte? Die Debattenchronologie zeigt, dass die Bundesregierung das Problem ignoriert und die Generation Praktikum von einer schwarz-roten Warteschleife in die nächste schickt.

(Swen Schulz [Spandau] [SPD]: Es war so schön eben! - Ute Kumpf [SPD]: Kollege Gehring, da sind Sie auf dem Holzweg!)

- Ich kann Ihnen das noch einmal in Erinnerung rufen. Im September 2006 hat Arbeitsminister Müntefering im Bundestag wirksame Schritte gegen die Ausnutzung von Praktikanten versprochen. Im November 2006 haben wir Grünen einen Antrag mit konkreten Maßnahmen für faire Praktika vorgelegt. Im Januar 2007 haben wir im Bundestag erstmals die Anträge der Opposition diskutiert. Wir waren gemeinsam fleißig und haben uns gute Maßnahmen überlegt.

(Ute Kumpf [SPD]: Es ist gut, wenn die Opposition fleißig ist!)

Wir haben auch über die Konzeptionslosigkeit der Regierung diskutiert. Im März 2007 - auch das ist schon lange her - haben wir eine öffentliche Anhörung zu den Petitionen für faire Praktika durchgeführt. Über 100 000 Menschen haben diese Petitionen unterschrieben.

(Carsten Müller [Braunschweig] [CDU/CSU]: Wie viele waren davon betroffen?)

Auch darauf muss hingewiesen werden. Das sind so viele wie nie zuvor und hat die Koalition zum Handeln aufgefordert.

Die HIS-Studie ist im April 2007 veröffentlicht worden. Sie wurde immer als ausreichende Handlungsgrundlage dargestellt. Das ist uns monatelang gesagt worden, aber nichts ist geschehen. Stattdessen ist die EU-Kommission weiter als wir: Sie hat eine Qualitäts-Charta für Praktika angekündigt. Die Bundesregierung hat hingegen wieder einmal eine neue Studie angekündigt.

Wie lange wollen wir eigentlich noch warten? Warum schöpfen Sie nicht wenigstens alles aus, was an untergesetzlichen Maßnahmen funktioniert, wenn Sie sich noch nicht über gesetzliche Maßnahmen einigen können? Es geht um die Perspektiven junger Menschen, die mitten in der Rushhour des Lebens Berufseinstieg und Familiengründung vereinbaren müssen. Es geht im Übrigen auch um die Attraktivität des Studiums und damit auch um den Fachkräftenachwuchs für die Wissensgesellschaft. In diesem Zusammenhang interessiert mich, wo Ihre Konzepte bleiben und welchen Zeitplan Sie vorsehen.

Wir haben längst ein konkretes Maßnahmenpaket vorgelegt. Sie können sich aus den besten Vorschlägen in allen Anträgen bedienen. Dann wären Sie schon einen großen Schritt weiter.

(Cornelia Hirsch [DIE LINKE]: Bis auf den von der FDP! Das hilft nicht so gut!)

Die Linken haben noch einen Gesetzentwurf vorgelegt. Jetzt wird es höchste Zeit, dass Schwarz und Rot Farbe bekennen. Wann kümmern Sie sich endlich um die Perspektiven für den Fachkräftenachwuchs? Was sind Minister Münteferings warme Worte vor einem Jahr wirklich wert? Diese Fragen müssen Sie jetzt langsam beantworten.

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

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