Bundestagsrede von 24.04.2008

Berufsbildungsbericht 2008

Vizepräsidentin Dr. h. c. Susanne Kastner:

Das Wort hat die Kollegin Priska Hinz, Bündnis 90/ Die Grünen.

Priska Hinz (Herborn) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Es gibt tatsächlich eine leichte Verbesserung auf dem Ausbildungsmarkt,

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

die auch der Konjunktur geschuldet ist;

(Horst Friedrich [Bayreuth] [FDP]: Wie so vieles andere!)

das ist sicherlich richtig. Trotzdem dürfen wir uns und die Jugendlichen nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir noch lange nicht über dem Berg sind und dass wir in der Berufsausbildung nach wie vor strukturelle Probleme haben. Es sind nicht nur konjunkturelle Probleme, die verhindern, dass Ausbildungsplätze geschaffen werden. Frau Hirsch, es geht bei der Entscheidung, ob Betriebe ausbilden oder nicht, nicht allein ums Geld. Vielmehr muss man sich die Strukturen anschauen. Aus diesem Grund ist Ihr ewig gleicher Vorschlag einer Ausbildungsplatzumlage nicht das Allheilmittel. Deswegen haben wir uns damals anders entschieden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Natürlich kann man den Ausbildungspakt kritisieren. Auch wir tun das, aber aus anderen Gründen. Es stimmt nicht, dass mit dem Pakt nichts erreicht wurde. Damit wurde etwas erreicht, aber die Ziele sind uns nicht ambitioniert genug. Man muss nicht nur neue, sondern auch zusätzliche Ausbildungsplätze vereinbaren, weil bisher nicht diejenigen gegengerechnet werden, die wegfallen. Das ist unter anderem ein Problem.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Natürlich müssen in den Ausbildungspakt noch andere Unternehmen als die kleinen und mittleren Unternehmen aufgenommen werden, die auch in den letzten Jahren dankenswerterweise viele Ausbildungsplätze geschaffen haben. Man muss auch sagen: Wir stehen deswegen in diesem Jahr besser da, weil es viele außerbetriebliche Ausbildungsplätze gibt; Herr Meinhardt hat darauf hingewiesen. Das heißt, auch die öffentliche Hand ist eingestiegen. Das ist in diesem Fall nicht schlecht. Trotzdem müssen wir sehen, dass es nicht nur im dualen System neue Ausbildungsplätze gegeben hat, sondern auch außerbetriebliche Ausbildungsplätze. Wir stellen höhere Anforderungen an die Wirtschaft, die immer wieder den Fachkräftemangel beklagt. Ihr müssen wir klar und deutlich sagen, dass sie ausbilden und für ihren Nachwuchs sorgen muss.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Ich jedenfalls lasse mir als einer Abgeordneten, die schon seit 20 Jahren - zunächst in einem Landesparlament - Berufsbildungspolitik für die Jugendlichen macht und die als eine der wenigen und auch im Gegensatz zu Ihnen eine berufliche Ausbildung hat, nicht vorwerfen, dass mich dieses Thema nicht kümmert. Das brauche ich mir von Ihnen nicht sagen zu lassen, Frau Hirsch.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU - René Röspel [SPD]: Da sitzt so mancher auf einem hohen Ross! Da haben Sie recht!)

Wir müssen über die Zukunft reden. Das künftige Jahr wird als schwierig prognostiziert. Im Berufsbildungsbericht wird damit gerechnet, dass etwa 1 Million junger Menschen inklusive Altbewerber und Schulabbrecher einen Ausbildungsplatz suchen werden. Ihnen steht voraussichtlich ein Angebot von 620 000 Ausbildungsplätzen gegenüber. Diese Lücke schließt man nicht mit einem Ausbildungsbonus, der auch noch Mitnahmeeffekte produziert.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wir müssen das Hauptproblem sehen: Wir haben zu wenig Ausbildungsplätze, und wir haben ein zu großes Übergangssystem. 43 Prozent der Jugendlichen landen in einem Schulberufssystem, das keinen Abschluss bietet, oder in berufsvorbereitenden Maßnahmen und in sonstigen Qualifizierungsmaßnahmen, die keinen Abschluss bieten. Was antwortet uns die Regierung auf unsere Anfrage, was sie gegen diesen Wildwuchs im Übergangssystem macht? Sie hat uns geantwortet, dass es sich im Übergangssystem um Jugendliche handelt, deren Entwicklungsstand eine erfolgreiche Ausbildung in einem anerkannten Ausbildungsberuf noch nicht erwarten lässt.

Das ist entweder bare Unkenntnis oder Ignoranz oder Zynismus.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Man kann doch nicht sagen, dass 43 Prozent der Jugendlichen nicht ausbildungsreif sind. Da müssten Sie eigentlich nacharbeiten, Frau Schavan.

Wir brauchen strukturelle Veränderungen. Das Übergangssystem muss dahin gehend verändert werden, dass jeder Ausbildungsschritt zu einer anerkannten Qualifikation führt, die in einer Ausbildung angerechnet wird. Nur dann werden wir das Problem verringern, dass die jungen Menschen im Schnitt 20 Jahre alt sind, wenn sie mit einer Ausbildung beginnen. 20 Jahre - und dann reden wir über das G 8 und eine Verkürzung der Studienzeiten! Scheinbar interessiert es uns aber nicht, dass junge Leute erst mit 20 eine Berufsausbildung beginnen. Das ist eine Verschwendung von Lebenszeit, eine Dequalifizierung von jungen Leuten, die wir uns sozial und ökonomisch nicht leisten können.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Wir Grünen wollen integrierte Maßnahmen statt immer nur eins drauf: Ausbildungsbonus, EQJ, neue Berufsorientierungsprogramme in überbetrieblichen Ausbildungsstätten. Berufsvorbereitende Maßnahmen müssen auf jene konzentriert werden, die sie wirklich nötig haben, weil sie noch nicht ausbildungsreif sind. Dazu gehört, dass das Dickicht der Vorbereitungs- und Qualifizierungsmaßnahmen von Bund, Ländern, Kommunen und BA gelichtet wird. Das, Frau Schavan, wäre eine Aufgabe für die Nationale Qualifizierungsinitiative.

Zweitens. Die im Übergangssystem erworbenen Kompetenzen müssen zertifiziert und anerkannt werden. Keine Berufsfachschule darf ohne Abschluss enden. BVJ, BGJ und wie sie alle heißen führen ins Nirwana, sie machen die jungen Leute schulmüde und führen dazu, dass die jungen Leute keine Lust mehr auf Ausbildung haben.

Drittens. Alle ausbildungsreifen Jugendlichen müssen eine vollwertige Ausbildung absolvieren können. Wir schlagen vor, die duale Ausbildung um öffentlich bereitgestellte Ausbildungsplätze zu ergänzen, die in einer stärkeren Kooperation von Berufsschulen, überbetrieblichen Zentren und Betrieben entstehen sollen. Das ist keine klassische duale Ausbildung; aber es ist nach dem Prinzip der dualen Ausbildung - auf das es uns ankommt - aufgebaut: starke Praxisverschränkung mit theoretischer Ausbildung.

Viertens. Wir brauchen mehr Produktionsschulen. Hamburg ist ein super Beispiel: In Hamburg sollen mehr Produktionsschulen eingerichtet werden, bei denen das BVJ und das BGJ integriert werden, also die Berufsvorbereitung in einen Abschluss mündet. Diese Schulen haben viel höhere Erfolgsquoten.

Fünftens. Wir brauchen eine Berufsorientierung, die nicht nur zwei Wochen in drei verschiedenen Berufsfeldern bedeutet, wir brauchen eine Berufsorientierung an den allgemeinbildenden Schulen, von Anfang an und - am heutigen Girls' Day kann ich das deutlich sagen - genderorientiert; denn die Frauen haben immer noch das eingeengte Berufswahlspektrum ihrer Mütter und Großmütter im Kopf.

Das sind strukturelle Vorschläge, mit denen wir, wie wir glauben, Verbesserungen erreichen können. Spätestens wenn der nationale Bildungsbericht vorgelegt wird, -

Vizepräsidentin Dr. h. c. Susanne Kastner:

Frau Kollegin!

Priska Hinz (Herborn) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

- werden wir dieses Thema wieder auf der Tagesordnung haben.

Danke schön.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

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