Bundestagsrede von Sylvia Kotting-Uhl 24.04.2008

Nachwachsende Rohstoffe

Sylvia Kotting-Uhl (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Inzwischen ist es ja weitgehend unbestritten, dass wir uns aus ökologischen, ökonomischen und vor allem auch friedenspolitischen Gründen vom Erdöl als Rohstoff und Energieträger verabschieden müssen. Dieser Abschied ist mehr als überfällig. Gerade die ökonomische Bedeutung unseres Abhängigkeitsverhältnisses zum Erdöl zeigt sich derzeit wieder besonders gravierend. Am Dienstag dieser Woche kletterte der Preis für ein Barrel Öl der US-Sorte West Texas Intermediate, WTI, erstmals über die Marke von 118 US-Dollar. Und auch die Kosten für Rohöl aus Ländern der Organisation erdölexportierender Länder, Opec, stiegen auf eine neue Rekordmarke von 108,93 Dollar. Tendenz weiter steigend. Die Internationale Energieagentur schließt auch eine globale Rezession aufgrund der steigenden Ölpreise nicht mehr aus. Dies ist auch nicht verwunderlich, denn der Rohstoff Erdöl hat zwei Funktionen: Es ist global der wichtigste Primärenergieträger und gleichzeitig Rohstoff für die Petrochemie.

Doch wie sieht der Umstieg aus? Neben den erneuerbaren Energien wie zum Beispiel Sonne, Wind und Wasser kommt vor allem der Biomasse, den nachwachsenden Rohstoffen eine zentrale Bedeutung zu. Biomasse wird derzeit mehr oder weniger nur als Energierohstoff verstanden, Biomasse aber kann erheblich mehr. Der vorliegende TAB-Bericht zur industriellen stofflichen Nutzung von nachwachsenden Rohstoffen, über den wir heute diskutieren zeigt, dass Biomasse ein gewaltiges Potenzial hat, den klimaschädlichen Erdölverbrauch sowohl in der Energiewirtschaft als auch in der chemischen Industrie zu vermindern.

Wir sehen uns durch diesen Bericht in unserer Strategie "Weg vom Öl" bestätigt, nach der bis 2020 ein Viertel der erdölbasierten Produkte durch solche aus nachwachsenden Rohstoffen ersetzt werden sollen. Nicht nur die energetischen, sondern vor allem auch die stoffliche Nutzung nachwachsender Rohstoffe hat ein großes ökologisches und ökonomisches Potenzial. Sie ist neben der Förderung der Bioenergien ein zentraler Bestandteil des Umbaus unserer Wirtschaft auf die Nutzung erneuerbarer Energie- und Rohstoffquellen.

Nach dem vorliegenden Bericht des Büros für Technikfolgenabschätzung wird eine stoffliche Nutzung nachwachsender Rohstoffe zur Verringerung von Import-abhängigkeiten von fossilen Ressourcen führen und Klima und Umwelt schützen. Die stoffliche Nutzung nachwachsender Rohstoffe hat darüber hinaus ein beachtliches Innovationspotenzial sowohl bei der Entwicklung neuer Produkte als auch bei der Entwicklung neuer Herstellungsverfahren.

Das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag erwartet weiter, dass nachwachsende Rohstoffe mittel- bis langfristig eine zentrale Rolle für die Herstellung chemischer Grundstoffe spielen können. Die Verwendung von Erdöl in der chemischen Industrie kann durch die Nutzung nachwachsender Rohstoffe in Bioraffinerien fast völlig überflüssig werden.

Der Bericht legt dar, dass Bioraffinerien in vielen untersuchten Bereichen überwiegend ökologische Vorteile gegenüber etablierten Verfahren zeigen und gerade den Reststoff verarbeitenden Bioraffinerien große Potenziale zugesprochen werden, da für ihre Rohstoffversorgung keine zusätzliche Anbaufläche notwendig wird. Wir haben bereits vor Wochen einen Antrag "Mit Bioraffinerien in Deutschland die Biomasse effizienter nutzen und zusätzliche Ressourcen erschließen" eingebracht und hier im Haus auch schon in erster Lesung beraten. Dieser Antrag steht jetzt in den Ausschüssen zu den Beratungen an.

Nehmen Sie den Bericht des Büros für Technikfolgenabschätzung nicht einfach nur zur Kenntnis, sondern ziehen Sie auch die notwendigen Konsequenzen. Unterstützen Sie unseren Antrag zur Förderung von Bioraffinieren. Denn wer die Chancen der industriellen stofflichen Nutzung von nachwachsenden Rohstoffen in Bioraffinieren verkennt, der verspielt große Chancen für Umwelt und Wirtschaft.

Nachwachsende Rohstoffe sind ein universeller Rohstoff, der natürlich nicht unendlich zur Verfügung steht. Aber eine stoffliche Nutzung nachwachsender Rohstoffe bringt keine zusätzliche Konkurrenz um Anbaufläche mit Nahrungsmitteln oder Bioenergien mit sich, wenn sich der stofflichen Nutzung nachwachsender Rohstoffe im Sinne einer Kaskadennutzung eine energetische Nutzung anschließt und vor allem durch Bioraffinerien Rest- und Abfallstoffe zu wertvollen Rohstoffen umgewandelt werden.

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