Bundestagsrede 19.12.2008

Deutsch-koreanische Beziehungen

Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:

Peter Hettlich hat jetzt das Wort für Bündnis 90/ Die Grünen.

Peter Hettlich (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Exzellenz, Herr Botschafter Choi Jung‑Il! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! Es ist immer schwer, als Letzter zu sprechen, da man vieles aus seinem Manuskript streichen kann, weil Detlef Dzembritzki und der Kollege Koschyk bereits darauf hingewiesen haben. Ich versuche, in den fünf Minuten, die mir zur Verfügung stehen, ein paar neue Punkte in die Debatte einzubringen.

Ich nehme meine Rede zum Anlass, den Kolleginnen und Kollegen aus der Parlamentariergruppe Deutschland‑Korea, insbesondere den älteren Kollegen Hartmut Koschyk, Detlef Parr und Johannes Pflug - dieser ist heute nicht da -, für eine spannende und sehr lehrreiche Zusammenarbeit in den vergangenen sechs Jahren zu danken. Gerade als junger Abgeordneter habe ich von ihnen viel nicht nur über Korea, sondern auch über die hohe Kunst der Diplomatie lernen können. Die beiden großen Koreareisen und die anderen Erlebnisse sind Erfahrungen, die ich so schnell nicht vergessen werde, vermutlich nie. Dafür mein ganz persönlicher Dank an die Kolleginnen und Kollegen!

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)

Ich will an dieser Stelle ausdrücklich die wichtige Rolle der vielen anderen Parlamentariergruppen des Deutschen Bundestages würdigen. Ihre Arbeit blüht leider meistens im Verborgenen. Sie ist aber unverzichtbar und wichtig - neben den offiziellen außenpolitischen Kontakten der Bundesregierung und der Parlamente - für die Völkerfreundschaft, da sie vielfältige Möglichkeiten im Kontakt zwischen den jeweiligen Parlamenten und Parlamentariern bietet. Ihre Bedeutung und Wichtigkeit wird auch dadurch zum Ausdruck gebracht, dass ein Gespräch mit den jeweiligen Parlamentariergruppen bei hochrangigen Staatsbesuchen einen hohen Stellenwert in den offiziellen Besuchsprogrammen hat. Den Menschen, die nicht tagtäglich mit dem Deutschen Bundestag zu tun haben, also die Besucher auf der Zuschauertribüne und die Zuschauer vor den Fernsehern, will ich deutlich machen: Hier haben wir eine Perle des Parlamentes. Ich wünsche mir, dass wir häufiger über solche Themen diskutieren.

(Beifall im ganzen Hause)

Als ich 2002 gefragt wurde, für welche Parlamentariergruppe ich mich entscheide, habe ich mich unter anderem für die Parlamentariergruppe Deutschland‑ Korea entschieden, weil es mich interessierte, wie die Situation in einem Land ist, das noch geteilt ist. Ich bin 1990 von Köln nach Sachsen gezogen und habe vom ersten Tag an den deutschen Transformationsprozess hautnah miterlebt. In der Tat hat mich bei meinen Besuchen in Korea positiv überrascht, dass eine Wiedervereinigung kein Tabuthema ist, weder im Norden noch im Süden. Es wurde immer wieder offensiv angesprochen. Wir wurden ständig gefragt: Wie habt ihr euren Prozess der Wiedervereinigung begleitet und erlebt? - Das ist in der jüngeren deutschen Geschichte ganz anders gewesen. In der DDR war die Wiedervereinigung ein Tabuthema, das bei offiziellen Kontakten nicht angesprochen wurde.

(Zuruf von der CDU/CSU: Da wurdest du eingesperrt!)

Daher waren die Erlebnisse in Korea für mich eine ganz neue, spannende Erfahrung. Wir wurden auch immer gefragt, ob wir uns eine Wiedervereinigung auf der koreanischen Halbinsel vorstellen könnten. Uns verbindet also vieles, viel mehr als nur der 125. Jahrestag der Aufnahme offizieller Beziehungen zwischen Deutschland und Korea.

Ich warne davor, unsere Erfahrungen mit dem deutschen Transformationsprozess zwischen Ost und West zu verallgemeinern. Wir sollten uns auch davor hüten, kluge Ratschläge zu geben. Hartmut Koschyk hat recht: Wir sollten ein ehrlicher Ansprechpartner für Nord- und Südkorea sein, wenn es darum geht, den Wiedervereinigungsprozess zu begleiten und vielleicht konstruktiv zu unterstützen. Die Koreaner werden vermutlich ab und zu unseren Rat benötigen. Aber ich rate den Koreanern: Vertrauen Sie auf Ihre eigenen Stärken! Sie werden in dem Transformationsprozess, vor dem Sie stehen, Ihre eigenen Erfahrungen sammeln und Ihre eigenen Fehler machen müssen. Das werden wir Ihnen nicht ersparen können.

Für mich ist eine weitere Erfahrung aus der jüngeren deutschen Geschichte wichtig, die ich gern weitergeben möchte: Wandel durch Annäherung. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass das damals, als ich noch Schüler war, politisch sehr umstritten war. Aber der KSZE-Prozess und die Entwicklungen, die in den 70er-Jahren angestoßen worden sind - Hartmut Koschyk hat darauf hingewiesen -, haben dazu geführt, dass es zu einer friedlichen Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten gekommen ist. Ich kann deshalb nur an beide koreanischen Staaten appellieren: Bleiben Sie im Gespräch, pflegen Sie weiterhin den Gedankenaustausch! Dann kann und wird eine friedliche Wiedervereinigung auch auf der koreanischen Halbinsel gelingen.

(Beifall im ganzen Hause)

Für mich ist die deutsch-koreanische Freundschaft keine Floskel. Ich habe sie bei Besuchen in Korea und bei Besuchen von koreanischen Parlamentariern tagtäglich erlebt. Für mich ist das wirklich ein Coming Home. Selbst in Nordkorea habe ich immer wieder erlebt, dass man uns wirklich herzlich und freundschaftlich empfangen hat. Insofern muss ich an dieser Stelle sagen: Ich hoffe, dass die Sechsergespräche im nächsten Jahr, auch durch die veränderte US-Administration, neuen Schwung bekommen. Ich wünsche mir, dass das Jahr 2009 nicht nur ein denkwürdiges Jahr der deutsch-koreanischen Freundschaft darstellen wird, sondern auch den von uns erhofften und erwünschten Durchbruch bei diesen internationalen Verhandlungen bringt. Etwas Schöneres kann ich mir als Mitglied dieser Parlamentariergruppe zum Ende dieses Jahres eigentlich nicht wünschen.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche uns allen ein frohes Fest und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

(Beifall im ganzen Hause)

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