Bundestagsrede 14.02.2008

Arbeitsplatzabbau bei Airbus

Dr. Thea Dückert (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Es dürfte weltweit nicht viele Unternehmen geben, deren Auftragsbücher so dick gefüllt sind wie die von Airbus. Wer heute einen Airbus-Jet ausgeliefert bekommt, hat diesen schon vor Jahren bestellt. Da ist es nur schwer zu begreifen, wenn der Chef des Unternehmens die Lage des Flugzeugherstellers als "lebensbedrohlich" beschreibt und unter dem Namen "Power 8" ein hartes Sanierungsprogramm auflegt, das nun sogar noch verschärft werden soll. Und doch: Airbus steckt tatsächlich in einer tiefen Krise.

Es ist also durchaus angebracht, sich Überlegungen zu machen, wie dieser Krise begegnet werden soll. Die Linksfraktion schlägt eine Verstaatlichung von Airbus vor. Das ist genau der falsche Weg. Der derzeitige staatliche Einfluss bei Airbus ist nicht zu niedrig, sondern zu hoch.

Der staatliche Einfluss ist nicht nur für die teilweise wenig rationale Standortpolitik, sondern vor allem auch für die ineffizienten Führungsstrukturen verantwortlich. Wenn auf jeder Ebene bis hinauf zum Vorstandsvorsitz nationale Parallelstrukturen installiert werden, ist irgendwann klar, dass die linke Hand nicht mehr weiß, was die rechte tut. Zum Glück ist es zwischenzeitlich gelungen, zumindest die Doppelspitze abzuschaffen.

Die zentralen Probleme bei Airbus hat das Management zu verantworten. Dies betrifft nicht nur die Pannen und Lieferverzögerungen beim A380, sondern auch die völlig unzureichende Absicherung gegen das Währungsrisiko. Firmen wie Porsche haben vorgemacht, wie sich auch bei steigendem Dollarkurs richtig gut Geld verdienen lässt. Bei Airbus schlägt dagegen ein um 10 Cent gesunkener Dollarkurs mit einer Milliarde weniger Gewinn zu Buche.

Für uns ist deshalb ganz besonders wichtig, dass die Sanierung nun nicht auf dem Rücken der Beschäftigten erfolgt. Diese leisten großartige Arbeit, und ihr Engagement ist auch weiterhin nötig; schließlich kommt Airbus mit dem Bau bestellter Flugzeuge kaum hinterher.

Deshalb muss es auch nach dem Verkauf der Werke in Nordenham, Varel und Augsburg eine langfristige Per-spektive für die Standorte und die Beschäftigten geben. Trotz des Verkaufs an die Bremer OHB wird sich erst noch zeigen müssen, wie tragfähig die gefundene Lösung für die verkauften Standorte ist. Hinter der Bremer OHB-Gruppe als Käufer steht vor allem der amerikanische Finanzinvestor Cerberus, der nicht unbedingt für langfristige Engagements bekannt ist.

Die Bundesregierung wollte aber unbedingt einen nationalen Zulieferer und hat ihn - auch dank dem großzügigen Zuschuss von Steuergeldern - bekommen. Doch nicht immer ist die nationale Lösung auch für die Beschäftigten langfristig die beste Lösung. Ich hoffe, dass der Wunsch nach einer starken deutschen Zulieferindustrie nicht die wirtschaftliche Vernunft außer Kraft gesetzt hat.

Wer die Arbeitsplätze dauerhaft sichern möchte, sollte nicht auf politische Einflussnahme sondern auf Innovation, Material- und Energieeffizienz setzen. Deshalb muss in innovative zukunftsfähige Technologien investiert werden, allen voran in die Kohlefasertechnik. Ich hoffe sehr, dass bei dem Verkauf auch verbindliche Investitionszusagen vereinbart wurden. Wer die sichersten, leisesten und verbrauchärmsten Flugzeuge baut, hat in der Zukunft die Nase am Flugzeughimmel vorn und braucht sich auch auf dem Boden keine Sorgen um seinen Arbeitsplatz zu machen.

Airbus hat die Unterstützung Frankreichs und Deutschlands als Geburtshilfe gebraucht - keine Frage. Doch zwischenzeitlich ist der Flugzeughersteller längst flügge geworden. Was früher eine Hilfe war, ist heute ein Problem. Denn der staatliche Einfluss hat die kriseauslösenden Fehlentscheidungen des Managements zumindest begünstigt, indem er für die intransparenten Managementstrukturen mitverantwortlich war. Doch auch die neue, verschlankte Führungsstruktur braucht Eigenständigkeit, um zu funktionieren. Wenn ständig von staatlicher Seite dazwischengefunkt wird, ist nichts gewonnen. Es ist also mehr als kontraproduktiv, jetzt auch noch eine Ausweitung der staatlichen Einflussnahme zu fordern, wie die Linksfraktion dies tut. Kein Arbeitsplatz wird sicherer, wenn das Unternehmen von Politikern geleitet wird.

Anstreben sollten wir das Gegenteil: Perspektivisch sollten sich Deutschland und Frankreich gleichermaßen zurückziehen. Zwar sollte die Balance zwischen den Ländern gewahrt bleiben, aber eben auf einem viel niedrigeren Niveau als heute. Angesichts der industriepolitischen Philosophie der Franzosen ist dies zugegebenermaßen ein Vorschlag, der einer Menge Überzeugungsarbeit bedarf. Doch die aktuelle Krise sollte der Bundesregierung genügend Argumente in die Hand geben, um jetzt mit den anderen Partnerstaaten eine Problematisierung des Staatseinflusses zu beginnen.

220437