Bundestagsrede 21.02.2008

Computerspiele und Medienkompetenz

Präsident Dr. Norbert Lammert:

Grietje Bettin ist die nächste Rednerin für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.

Grietje Bettin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Herr Präsident! Meine lieben Kolleginnen und Kollegen! Auch ich finde es klasse, dass wir uns hier heute einmal positiv mit dem Thema Computerspiele auseinandersetzen. Das Thema ist für viele Menschen leider immer noch sehr negativ besetzt. Die unsägliche Debatte über die Killerspiele, die gerade von der Union angestoßen wurde, wird nun endlich versachlicht, und das begrüße ich außerordentlich. Es wurde schon von meinen Vorrednerinnen und Vorrednern angesprochen, dass Computerspiele mehr sind als nur Gewaltspiele. Sie sind ein neues Massenmedium geworden. Computerspiele sind ein positives Beispiel dafür - Monika Griefahn hat die positiven Lerneffekte schon angesprochen -, dass man mithilfe neuer Technologien Medienkompetenz sinnvoll vermitteln kann.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Die Computerspielbranche ist international eine wichtige Zukunftsbranche, und wir müssen aufpassen, dass Deutschland den Anschluss nicht verliert. Kollege Waitz hat das angesprochen. Gerade in Asien und den USA finden die großen Entwicklungen statt. Dort entstehen die Spiele, die in Deutschland am meisten verkauft werden. Deshalb zielt unser Antrag darauf, in Deutschland insbesondere auf den Fachkräftemangel zu reagieren; denn der ist das Problem, das bei uns immer an erster Stelle steht.

Zu dem Antrag der Koalition: Wir begrüßen den Antrag grundsätzlich, aber wir glauben, dass aus dem Grund, den ich eben angesprochen habe, die Bedürfnisse der Branche noch nicht wirklich erkannt wurden und dass Computerspiele zu sehr mit dem Film verglichen werden. Es wird versucht, Computerspiele und Filme gleichzusetzen. Wir aber glauben, dass Computerspiele ein anderes Medium sind, das nach anderen Kriterien funktioniert. Wir kritisieren, dass das Einzige, was der Koalition einfällt, der Computerspielepreis ist. Er ist natürlich schön für die Spielentwickler, und es ist schön für den Herrn Staatsminister, wenn er sich auf Fotos mit den Preisträgern ablichten lassen kann, aber wir glauben, dass die strukturellen Probleme der Branche anders bekämpft und andere Antworten auf die Fragen gefunden werden müssen.

Außerdem haben wir die Sorge - das ist auch ein Kritikpunkt -, dass wahrscheinlich eher die großen Entwickler von diesem Computerspielepreis profitieren, jedoch eher die kleinen Entwickler Unterstützung brauchen. Deshalb wollen wir, dass - auch als wichtiger Hinweis für die Eltern - analog zum Siegel "Spiel des Jahres" ein Gütesiegel entwickelt wird, das alle beantragen können.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Zum Thema "Nachwuchsmangel bekämpfen": Die Fraktion der Grünen ist der Meinung, dass die Computerspieleentwicklung in Aus- und Fortbildung integriert werden muss, dass entsprechende Studiengänge an den Hochschulen und Fachhochschulen geschaffen und gerade kleine, innovative Spieleentwickler gefördert werden müssen - Stichwort Ideenvielfalt. Ein Computerspiel zu entwickeln, ist unendlich teuer; und kleine, innovative Spieleentwickler können sich das nicht unbedingt leisten, wenn sie nicht finanziell unterstützt werden. Einzelne Bundesländer haben eine entsprechende Unterstützung bereits als einen Teil der Wirtschaftsförderung aufgenommen. Wir wünschen uns eine flächendeckende Wirtschaftsförderung gerade auch für kleine und mittlere Spieleentwicklerfirmen in Deutschland.

Zum Thema "Computerspiele sind Kultur": Wir aus dem Fachgebiet sind uns, glaube ich, alle einig: Computer spielen ist eine moderne Fortschreibung des klassischen Spielens mit neuen technischen Mitteln. Computerspiele haben eine eigene Ästhetik, eigene Inhalte. Aber Computerspiele sind nicht mit Filmen gleichzusetzen, deswegen sind andere Maßnahmen notwendig.

Für uns ist wichtig - das wird in unserem Antrag angesprochen -, in Deutschland Archivierungsregeln für Computerspiele, ähnlich wie für Bücher und Filme, zu treffen. Kultur ist ein Spiegel der Zeit, und wir sollten diese Spiele für die Nachwelt erhalten. Technik verändert sich, und damit können diese Spiele nicht immer gespielt werden. Deshalb wollen wir uns für eine Archivierungsregelung auch für Computerspiele einsetzen.

Insgesamt ist klar, dass wir noch am Anfang einer sehr spannenden Diskussion stehen. Es ist zu begrüßen, dass wir uns endlich auch mit den positiven Aspekten der Computerspiele beschäftigen.

Den Antrag der Großen Koalition werden wir allerdings ablehnen.

(Dr. Stephan Eisel [CDU/CSU]: Unglaublich! Das passt gar nicht zur Rede! - Jörg Tauss [SPD]: Dafür werden wir uns revanchieren!)

Denn wir glauben, dass damit die zentralen Probleme nicht wirklich gelöst werden können.

Danke schön.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der FDP)

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