Bundestagsrede 21.02.2008

Maßnahmen gegen Magersucht

Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat die Kollegin Irmingard Schewe-Gerigk für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.

Irmingard Schewe-Gerigk (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es gibt Themen, die viele Menschen berühren, die aber in der Politik ein Schattendasein fristen. So ist das auch beim Thema Magersucht. Während seit Jahren darüber diskutiert wird, dass über die Hälfte der Deutschen zu dick ist, spielt das gegenteilige Phänomen, die Magersucht, kaum eine Rolle. Dabei leiden 1,4 Millionen Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren unter den Symptomen einer Essstörung. Schon neunjährige Mädchen machen Diäten, die häufig die Einstiegsdroge für Magersucht sind.

Was ist der Grund dafür? Magersucht hat immer viele Ursachen: Auf der einen Seite ist sie eine Form des seelischen Verhungerns, auf der anderen Seite spielt unser gesellschaftliches Schönheitsideal eine nicht zu unterschätzende Rolle; vor allem Frauen können gar nicht dünn genug sein. Dabei ist Magersucht eine unterschätzte und oft tödlich verlaufende Krankheit, an der zwischen 100 000 und 200 000 Personen, davon 90 Prozent Frauen, leiden. Magersucht ist die Erkrankung mit der höchsten Todesrate unter jungen Frauen: Bei über 15 Prozent der Erkrankten führt sie zum Tode, wie die Deutsche Gesellschaft für Essstörungen feststellte. Wer die Krankheit überlebt, hat trotzdem schlechte Heilungschancen: Nur knapp jede zweite Erkrankte kann wirklich geheilt werden.

Wir dürfen es nicht länger hinnehmen, dass sich in Deutschland, in einer Überflussgesellschaft, junge Frauen für ein fragwürdiges Schönheitsideal zu Tode hungern. Wir müssen handeln.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)

Hier ist die Gesellschaft, aber auch die Politik gefragt.

Bei diesem fragwürdigen Schönheitsideal spielt die Modebranche naturgemäß eine gewichtige Rolle. Die Magermodels sind die Vorbilder für viele Essgestörte. Kaum irgendwo hat das Dünnsein einen so großen Stellenwert. Meist männliche Spitzendesigner - ich will hier keine Namen nennen - entwerfen Modelle für Knabenfiguren, und die Models müssen sich hineinhungern. Erst die Todesfälle mehrerer Models haben zu einem Problembewusstsein geführt. Länder wie Italien, Spanien und Österreich haben Vereinbarungen mit der Modebranche abgeschlossen und einen Antimagersuchtkodex vereinbart. So war es nur konsequent, dass in der letzten Woche bei der Madrider Modewoche drei Models nach Gewichtskontrollen ausgeschlossen wurden. Genau das brauchen wir auch in Deutschland.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Darum haben wir, die Grünen, im Dezember einen Antrag mit umfangreichen Forderungen eingebracht.

Ich habe mich sehr gefreut, dass Ministerin Schmidt und einige ihrer Kolleginnen mit einigen Prominenten eine Kampagne gegen den Magerwahn ins Leben gerufen haben. Es ist sicher ein Gewinn für die Kampagne, dass sich prominente Unterstützerinnen gefunden haben, die selbst der Glamourwelt entstammen; aber Glamour ist nicht alles. Der mediengerecht inszenierten Selbstdarstellung müssen jetzt endlich auch Taten folgen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der FDP)

Da reicht es nicht, wenn Ministerin Schmidt auf der Düsseldorfer Modemesse in einen Dialog mit der Branche eintritt. Wir brauchen endlich verbindliche Selbstverpflichtungen der Modeindustrie.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Auch die Modelagenturen tragen eine Verantwortung. Sie sollten die Richtlinien der Academy of Eating Disorders anwenden und keine untergewichtigen Models einsetzen. Magersüchtige gehören nicht auf den Laufsteg; Magersüchtige gehören in ärztliche Behandlung.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD und der LINKEN)

Nicht immer sind Allgemeinmediziner und -medizinerinnen - sie sehen die kranken Frauen oft als Erste - in der Lage, die Krankheit zu erkennen und gezielt zu behandeln. Darum fordern wir nicht nur eine bessere Aus- und Weiterbildung, sondern auch Leitlinien für die Diagnose und Behandlung sowie eine verbesserte Forschung.

Auch wenn es nicht in der Bundeskompetenz liegt: Wir brauchen einen Ausbau und eine bessere Vernetzung der Beratungsstellen, die über ein enormes Fachwissen verfügen und oft die erste Ansprechstelle für die jungen Frauen sind.

Magersucht ist nicht nur für die Betroffenen ein Problem: An dieser psychischen Erkrankung leiden auch die Angehörigen mit. Darum sind kostenlose Telefonhotlines und Internetberatung für Betroffene und ihre Angehörigen unabdingbar. Die Themen Essstörungen und Schönheitsideale gehören aber auch in den Schulunterricht. Kinder müssen lernen, dass Nahrungsmittel Lebensmittel - wirklich Mittel zum Leben - sind.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/ DIE GRÜNEN und der FDP)

Der Umgang mit Lebensmitteln muss genauso wie die Mathematik erlernt werden.

Das Thema Essstörungen ist komplex. Es umfasst nicht nur die Magersucht, sondern auch die Bulimie und die Fettsucht. Alle Krankheitserscheinungen haben aber eines gemeinsam: Sie sind ein Hilfeschrei. Wir alle stehen in der Verantwortung. Das, was die Politik beitragen kann, haben wir in unserem Antrag formuliert. Lassen Sie uns in den Ausschüssen darüber diskutieren, welche Hilfen wir den jungen Menschen anbieten können.

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

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