Bundestagsrede von 27.06.2008

Verfahren in Familiensachen

Vizepräsidentin Gerda Hasselfeldt:

Nächster Redner ist der Kollege Jerzy Montag für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.

Jerzy Montag (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich habe immer wieder die Ehre und die Freude, in rechtspolitischen Debatten nach dem Vertreter der Linken zu reden. Das veranlasst mich oft zu Bemerkungen. Diesmal mache ich aber ausnahmsweise keine, weil über all diese Dinge in Berichterstattergesprächen drei- oder viermal geredet worden ist und sämtliche Argumente ausgetauscht sind.

Ein so großes Gesetz hat viele Väter und Mütter; viele berufen sich darauf, an ihm mitgewirkt zu haben. Da er heute nicht zu Wort kommt, will ich an dieser Stelle einen der Väter namentlich nennen. Ich meine den Parlamentarischen Staatssekretär Alfred Hartenbach.

(Alfred Hartenbach, Parl. Staatssekretär: Stiefvater!)

Ich will an dieser Stelle auch die Damen und Herren des Bundesjustizministeriums erwähnen - einige sitzen hinter den Regierungsbänken -, die uns geholfen haben. Wir wissen, mit welchem Sachverstand sie an diesem Gesetz über viele Jahre gearbeitet haben. Dafür herzlichen Dank!

(Dr. Jürgen Gehb [CDU/CSU]: Das ist ja die Woche der Vaterschaften!)

Das Gesetz ist in seiner Ursprungsfassung am 17. Mai 1898 vom deutschen Kaiser Wilhelm II. unterschrieben worden. Schon damals - hören Sie zu! - hat der Kaiser in seiner Weisheit anderthalb Jahre Zeit gelassen, bevor es in Kraft getreten ist, nämlich zum 1. Januar 1900. Ich werde auf dieses Problem noch zu sprechen kommen.

Es ist ein Gesetz, das in seinem Titel den Begriff "freiwillig" beinhaltet. Ich habe nachgeschaut, wie dieses Gesetz in verwandten Rechtsordnungen heißt. Die Schweizer haben es früher einmal die "willkürliche Gerichtsbarkeit" genannt. Mit Willkür hat es vielleicht nicht so viel zu tun gehabt; mit Freiheit und mit Freiwilligkeit hat es aber nie etwas zu tun gehabt. Es ist ein Gesetz, das erhebliche Eingriffe in Grundrechte regelt, zum Beispiel Freiheitsentziehung - Zwangsunterbringung und Abschiebehaft -, körperliche Unversehrtheit, Unverletzlichkeit der Wohnung, Eingriffe ins Postgeheimnis, Eingriffe in Elternrechte und in Kinderrechte.

Dieses Gesetz war viele Jahrzehnte von einem obrigkeitsstaatlichen Denken geprägt; so steht es in der Begründung des Gesetzentwurfs der Bundesregierung. Es war voller Lücken. In einer jahrzehntelangen Rechtsentwicklung durch die Gerichte konnten diese Lücken nicht immer gefüllt werden. Es war ein Flickwerk von Bezugnahmen und Kaskadenverweisungen. Ein Sachverständiger hat in der Anhörung von einem "Verweisungsirrgarten" gesprochen. Wie wir schon gehört haben, gibt es seit 50 Jahren eine Debatte über eine Reform. Wir Grüne finden es gut, dass es endlich zu einem klar gegliederten, normenklaren, verständlichen Gesetz kommt. Wir werden diesem Gesetzentwurf zustimmen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU und der SPD)

Das Gesetz hat fast 500 Paragrafen. Es ist nicht zuletzt deswegen so groß geworden, weil in ihm ein weiteres großes Reformwerk enthalten ist, nämlich das Gesetz über das Verfahren in Familiensachen. Auch hier ist es gelungen, Regelungen aus dem BGB, der ZPO, dem FGG und der Hausratsverordnung zu einem Gesetz zusammenzubringen. Es wird ein neues Großes Familiengericht eingerichtet. Die Rechte der Kinder - lieber Kollege von der Linken, hören Sie zu! - werden nicht missachtet, sondern gestärkt, erstmals auch durch einen eigenen Beistand.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der CDU/CSU)

Eine "Scheidung light" gibt es nicht. Deswegen sage ich: Auch dieser Teil des Gesetzes ist gelungen und findet unsere Zustimmung.

In meiner Rede zur ersten Lesung dieses Gesetzes habe ich für die Grünen an dieser Stelle gesagt, dass das Gesetz so, wie es damals vorlag, nicht zustimmungsfähig war, und zwar aus zwei Gründen:

Erstens sollten mit diesem Gesetz in einer allzu unkritischen Art und Weise Elemente des Cochemer Modells in das neue Familienverfahren übertragen werden. Dagegen sind die Betroffenen Sturm gelaufen, völlig zu Recht. Das ist bei den Verfassern des Gesetzentwurfs auf offene Ohren gestoßen. Als wir im Berichterstattergespräch gemerkt haben, dass die Ausnahmeregelungen an zwei Stellen noch nicht vollständig implementiert sind, ist das einvernehmlich in die Begründung aufgenommen worden, sodass ich heute für die Grünen sagen kann: Der Grundgedanke, dass das Gericht darauf hinwirken soll, Einvernehmen in Familien- und Kindschaftssachen herzustellen, ist richtig.

(Christine Lambrecht [SPD]: Ja!)

Jetzt ist im Gesetzentwurf aber auch enthalten, dass in Ausnahmefällen - und zwar nicht nur in Gewaltschutzfragen, sondern es ist ausdrücklich auch von Sachverhalten von ähnlicher Schwere und Bedeutung die Rede - entschleunigt und getrennt anzuhören ist. Dieser Kritikpunkt der Grünen braucht also nicht mehr aufrechterhalten zu werden.

Der zweite Kritikpunkt, den wir damals hatten, war ebenfalls gewichtig. Wir haben gesagt, dass der Rechtsschutz für die Bürgerinnen und Bürger durch die Reform nicht beschränkt werden darf. Gerade bei den in die Grundrechte am wesentlichsten eingreifenden Teilen, nämlich bei der Freiheitsentziehung - Zwangsunterbringung, Abschiebehaft und andere Formen -, hatte der ursprüngliche Gesetzentwurf eine Beschneidung des bisherigen Rechtswegs, der Möglichkeiten, sich vor Gericht zu wehren, vorgesehen. Deshalb wollten die Grünen dem Gesetzentwurf so nicht zustimmen; auch die anderen Oppositionsparteien haben sich in diesem Sinne geäußert.

Im Laufe der Diskussion haben wir erreicht, dass die Rechtsbeschwerde - wenn ein Bürger oder eine Bürgerin der Auffassung ist, dass auf seinen Fall das Recht nicht richtig angewendet worden ist -, die im ursprünglichen Entwurf nur dann möglich gewesen wäre, wenn das Gericht sie nach eigener Willkür, nach eigener Entscheidung zugelassen hätte, jetzt, lieber Kollege Gehb - weil Sie so nachdenklich schauen -, zulassungsfrei ist. Im ersten Entwurf war sie an eine Zulassung gebunden. Die Beibehaltung des alten Rechtszustands ist als Fortschritt zu verzeichnen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN - Dr. Jürgen Gehb [CDU/CSU]: Ich habe nur kritisch geguckt bei dem Begriff "Willkür" des Gerichts!)

- Dann nehme ich das zurück. Aber es war die freie Entscheidung des Gerichts, die Zulassung zu verweigern;

(Dr. Jürgen Gehb [CDU/CSU]: Das ist besser so!)

das ist jetzt nicht mehr vorgesehen.

Die zweite Beschränkung ergab sich aus der Verweisung an den Bundesgerichtshof. Im Entwurf stand, dass die Rechtsbeschwerde nicht zur Klärung des Einzelfalls, sondern nur zur Rechtsfortbildung und zur Klärung allgemeiner Rechtsfragen zulässig gewesen wäre. Auch dies haben wir moniert. Wir haben darum gebeten, dass man den Zustand von vor der Reform wiederherstellt. Das ist auch geschehen.

Die Koalition ist den Vorschlägen gefolgt, sodass jetzt eine Rechtsbeschwerde wie nach altem Recht, nur nicht mehr vor dem OLG, sondern vor dem BGH möglich ist, also eine zulassungsfreie und absolut unbeschränkte Rechtsbeschwerde. Das war der zweite gewichtige Grund, weswegen wir Grüne ursprünglich gesagt haben, dass dieses Gesetz nicht zustimmungsreif ist. Jetzt aber ist es zustimmungsreif geworden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wir wären aber keine Opposition, wenn wir nicht noch einige kritische Punkte hätten. Sie sind auch vom Kollegen der Linken erwähnt worden. Die Beschwerde im Verfahren der einstweiligen Anordnung in Umgangssachen war ein Punkt, über den wir uns bis zum Schluss nicht einig waren. Die Pauschalen als Bruttobeträge - nicht als solche - und nicht als Nettobeträge sind ein weiterer Punkt, bei dem wir anderer Meinung waren. Schließlich ist der Zeitpunkt des Inkrafttretens ein solcher Punkt; denn es ist nicht so, dass nur Einzelne meckern, sondern der Vorsitzende der Bund-Länder-Kommission für Datenverarbeitung und Rationalisierung der Justiz, in der alle Bundesländer vertreten sind, hat dem BMJ geschrieben, dass sich die Länder nicht in der Lage sehen, zum 1. September 2009 die Umstellung auf das neue Gesetz vorzunehmen. - Das sind aber drei Punkte, die nicht rechtfertigen können, ein wirkliches Jahrhundertreformwerk abzulehnen. Deswegen gebe ich diese Kritikpunkte zu Protokoll. Wir haben Ihnen gesagt, dass es da noch Probleme geben könnte. Ansonsten stimmt meine Fraktion dem Gesetzentwurf zu.

Danke schön.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der CDU/CSU und der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD)

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