Bundestagsrede von Katrin Göring-Eckardt 05.06.2008

Ehrung für Johann Georg Elser

Katrin Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Wenn ich an Johann Georg Elser und sein gescheitertes Attentat auf Adolf Hitler denke, dann gerate ich in retrospektive Spekulationen: Wie wäre die Weltgeschichte verlaufen, wenn Hitler damals eine viertel Stunde länger im Münchner Bürgerbräukeller geblieben wäre? Hätte es dann diesen schrecklichen Krieg nicht gegeben? Wäre der millionenfache Mord an den europäischen Juden dann nicht geschehen? Niemand kann das wissen und doch erfüllt uns das tragische Scheitern Elsers mit der seltsamen Ahnung, dass die Weltgeschichte oft von Zufällen gesteuert wird. Hinzu kommt das persönliche Schicksal Elsers, der 1945 in Dachau ermordet wurde, aber nach dem Krieg lange Zeit nicht angemessen gewürdigt wurde, weil er vielen als Marionette der Nationalsozialisten galt. Dies ist mittlerweile widerlegt, Elser war ein mutiger Einzeltäter mit einer eigenen moralischen Agenda.

Der Schriftsteller und Dramatiker Rolf Hochhuth mag Ähnliches gedacht und gefühlt haben, als er den Vorschlag machte, ein öffentliches Denkzeichen für Johann Georg Elser in Berlin einzurichten, und zwar am Ort der früheren Reichskanzlei, also an einer Stelle, die als Schaltzentrale des nationalsozialistischen Menschheitsverbrechens gilt. Die Linkspartei in Berlin hat sich diesen Vorschlag zu eigen gemacht und damit die Unterstützung aus anderen Fraktionen gewonnen. Im Februar hat das Berliner Abgeordnetenhaus denn auch einen entsprechenden Beschluss gefasst.

Doch wünsche ich mir, dass, bevor wir ein solches Projekt in die Wege leiten, einige inhaltliche und formale Grundsatzfragen geklärt werden. Inhaltlich wichtig finde ich die Frage, wie anhand einer Einzelperson das breite Spektrum des kommunistischen Widerstands dargestellt oder zumindest angedeutet werden kann. Auch müssen wir darüber nachdenken, wie sich dieser neue Erinnerungsort systematisch in das dichte Gesamtensemble der Berliner Gedenkstätten einfügen kann. Welche Korrespondenzen und pädagogischen Synergien wären dabei denkbar? Und formal-ästhetisch wäre mir doch sehr daran gelegen, dass wir kein klassisches Heldendenkmal in Bronze aufstellen, sondern bei der Ausschreibung die gerade in Berlin hochaktive junge Kunstszene um zeitgemäßere, gleichsam "experimentellere" Vorschläge bitten. Ich verstehe den Begriff "Denkzeichen" im Beschluss des Berliner Abgeordnetenhauses nämlich genau so: dass es darum geht, mit subtilen Mitteln eine historische und politische Nachdenklichkeit wachzurufen.

Über die weiterführenden Forderungen im vorliegenden Antrag bezüglich der Erinnerung an andere Opfergruppen des Nationalsozialismus – wie etwa die sowjetischen Kriegsgefangenen oder die osteuropäische Intelligenz – werden wir im Ausschuss für Kultur und Medien zu beraten und zu diskutieren haben.

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