Bundestagsrede von 26.06.2008

Gleichstellungspolitik im Wissenschaftssystem

Krista Sager (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Die Hälfte aller Hochschulabsolvierenden hierzu­lande sind Frauen. Dieser erfreuliche Befund gilt aber leider noch lange nicht für die nachfolgenden Qualifizie­rungs- und Karrierestufen des Wissenschaftssystems: Der Anteil der Professorinnen zum Beispiel dümpelt auf inter­national niedrigem Niveau, bei mickrigen 15 Prozent. Umso besorgniserregender ist die schleppende Aufholdy­namik der letzten Jahre: Wenn es weiterhin so langsam wie bisher vorangeht, dann ist ein ausgeglichenes Ge­schlechterverhältnis bei den Spitzenpositionen der Hoch­schulen laut Wissenschaftsrat erst 2090 erreicht. Von geschlechtergerechter Chancengleichheit im Wissen­schaftssystem sind wir derzeit also noch Lichtjahre ent­fernt. Dies führt zu beruflichen Einbußen für hochquali­fizierte Frauen. Dies führt aber auch zu Defiziten bei der Qualität von Forschung und Lehre und zu weniger Effizi­enz und internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Nun sind sich die meisten Akteure im Wissenschaftssystem über die Diagnose der Unterrepräsentanz von Frauen in der Wis­senschaft, zumindest auf der rhetorischen Ebene, weitge­hend einig. Es gibt mittlerweile kaum eine wissenschaft­liche Institution, die Chancengleichheit nicht als Teil ihres Leitbilds formuliert. An den Verhältnissen ändert sich gleichwohl nicht viel. Wir haben es also vorwiegend mit einem Umsetzungs- und nicht mit einem Erkenntnis­problem zu tun. Bündnis 90/Die Grünen haben diesen Missstand daher in dieser Legislaturperiode aufgegriffen und neben zwei Anträgen auch eine Fachanhörung des Forschungs- und Bildungsausschusses initiiert. Die über­aus große Publikumsteilnahme an der öffentlichen Anhö­rung im Februar gab uns darin recht, hier ein dringliches Problem aufgegriffen zu haben, bei dem trotz aller beste­hender Bemühungen hoher Handlungsbedarf besteht. Dabei wurde einmal mehr deutlich: Was wir brauchen, um nachhaltige Veränderungen zu erzielen, ist endlich ein echter qualitativer Sprung, ein turning point. Dies hinzubekommen, ist gleichwohl anspruchsvoller als all­gemeine politische Willensbekundungen oder die Neuauf­lage des einen oder anderen Einzelförderprogramms. Das Problem muss von seinen Voraussetzungen her gelöst werden.

Ein System, in dem hochqualifizierte Frauen unterpro­portional vertreten sind, kann nicht glaubhaft machen, dass es sich durch Auswahl der Besten rekrutiert. Und ge­nau das führt ins Zentrum des Problems: Im Wissen­schafts- und Forschungsbereich regiert entgegen dem wissenschaftlichen Selbstverständnis, objektiv Leistung zu beurteilen, eben gerade keine geschlechtsneutrale Bestenauslese. Der Vergleich insbesondere mit der angloamerikanischen Wissenschaftskultur zeigt, dass in Deutschland häufig personen- statt qualitätsorientierte Bewertungskriterien wissenschaftliche Bewerbungs- und Beurteilungsverfahren prägen. Ein fairer Zugang zum Wissenschaftssystem wird offenkundig verhindert, nicht nur durch schlechte Arbeitsbedingungen, sondern maß­geblich durch diskriminierende Strukturen, die den vorur­teilsfreien Blick auf wissenschaftliche Leistungen verstellt. Unzureichende Genderkompetenz führt zu verzerrten Ur­teilen über Wissenschaftsinhalte, bei Bewerbungsverfah­ren und in der Personalführung. Die Folge: Unsere geschlossene, männerbündische Wissenschafts- und För­derkultur kann mit den Anforderungen einer modernen, globalisierten Wissenschaft, in der zunehmend sozial ge­mischte Forscherteams multiperspektivisch komplexe Probleme bearbeiten, immer weniger mithalten.

Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, der zunehmenden Konkurrenz um gut qualifizierte Ar­beitskräfte und der Altersstruktur des Wissenschaftsper­sonals an den Hochschulen bleibt nur ein schmales Zeit­fenster, um den Sprung zu deutlich mehr Frauen in wissenschaftliche Positionen zu vollziehen. Was wir brau­chen, sind endlich faire und vorurteilsfreie Wettbewerbs­strukturen, die allen Talenten einen gleichberechtigten Zugang zum Wissenschaftssystem ermöglichen. Dazu sind in Zukunft sicher auch weiterhin Coaching- und Mentoringprogramme, Karriereberatungen und Trai­nings, Stipendien und Qualifikationsstellen wichtig. Sie haben nicht zu dem von einigen befürchteten Stigmatisie­rungseffekten für die geförderten Frauen geführt, sondern überhaupt erst zu mehr Sichtbarkeit von Wissenschaftle­rinnen im System beigetragen. Um nachhaltige Verände­rungen der Strukturen aber schnell und im notwendigen Maße zu bewirken, müssen Politik und Leitungen der wis­senschaftlichen Einrichtungen darüber hinaus vor allem den qualitativen Sprung zu mehr Verbindlichkeit schaffen, das heißt hin zu klaren und laufend überprüfbaren quan­titativen Steigerungsanteilen und qualitativen Anforde­rungen. Diese müssen auf die Bedingungen einer zuneh­mend wettbewerblich organisierten und am Prinzip der Autonomie orientierten Wissenschaftslandschaft hin aus­gestaltet werden.

Die Schweden machen vor, wie über staatlich vorgege­bene Zielquoten und deren fortwährende Kontrolle der Frauenanteil in der Wissenschaft signifikant und schnell gesteigert werden kann. Ein solches Steuerungsmodell mit den Kernelementen "verbindliche Zielvorgaben" und "Erfolgskontrolle" sollte sich auch bei uns endlich durch­setzen. Grundsätzlich geht es darum, Gleichstellungsziele spürbar an finanzielle Ressourcen zu knüpfen, indem man positive Anreizmechanismen schafft, die negative Konse­quenzen nicht ausschließen für den Fall, dass vereinbarte Ziele nicht erreicht wurden. Jene Institutionen, die Ziele verfehlen, müssen über das Controlling dazu angehalten werden, ihre Misserfolge zu rechtfertigen und ihre Gleich­stellungsinstrumente ergebnisorientiert anzupassen.

Hierbei ist der Bund in der Pflicht, überall dort Ein­fluss zu nehmen, wo er selbst Forschungs- und Institutio­nenförderung betreibt. Bislang hat er diese Aufgabe nur äußerst zögerlich ausgeübt. Bei der Weiterentwicklung der Exzellenzinitiative, einer möglichen Neuauflage des Hochschulpakts, bei der Steuerung des Pakts für For­schung und Innovation, in der Ressortforschung, beim Gender-Budgeting im Forschungshaushalt – überall kann und sollte der Bund entschlossen tätig werden. Nicht zu vergessen: Überall dort, wo der Bund als Geldgeber bzw. als Mitglied in Aufsichtsräten oder Kuratorien Ein­fluss auf wissenschaftliche Einrichtungen und For­schungsvorhaben hat, kann er dafür sorgen, überprüf­bare qualitative und quantitative Vorgaben und Steigerungsquoten zu implementieren, durchzusetzen und zu kontrollieren. Da nun endlich auch CDU/CSU und SPD in ihrem Antrag von mehr Verbindlichkeit in diesem Bereich sprechen, wäre es sehr erfreulich, wenn Sie sich dazu durchringen könnten, das von uns vorgeschlagene Kaskadenmodell nicht nur weiter mit den Ländern zu prü­fen, sondern es tatsächlich anzuwenden.

Die internationalen Gutachter zeigten sich im Exzel­lenzwettbewerb über die miserablen Karrierechancen von Frauen an deutschen Hochschulen schockiert. Und auch auf europäischem Parkett werden die Nachteile der Unterrepräsentanz von Frauen im deutschen Wissen­schaftssystem offenkundig: Dort kommen bei den streng geschlechterparitätisch besetzten wissenschaftlichen Kommissionen und Entscheidungspanels zunehmend skandinavische oder niederländische Wissenschaftlerin­nen zum Zuge. Andere Länder haben es sehr viel besser und vor allem sehr viel schneller geschafft, den Anteil von Frauen in der Wissenschaft zu steigern. Seit Ende der 1990er-Jahre setzt die schwedische Regierung jeder Uni­versität kontinuierlich steigende Zielwerte über die Frau­enanteile an den Professuren. Das Ergebnis: Der Frau­enanteil an den Professuren stieg in den 11 größten Unis innerhalb von neun Jahren von 9 auf 17 Prozent. Es ist überhaupt nicht einzusehen, warum wir keinen vergleich­bar dynamischen Aufholprozess hinbekommen sollten. In diesem Sinne hoffe ich, dass, nachdem die Koalition nun monatelang über ihre Erkenntnisse aus der Fachanhö­rung im Februar gebrütet hat, wir nach der Sommer­pause endlich zu klaren Beschlüssen kommen und dann auch endlich Taten sehen.

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