Bundestagsrede von Claudia Roth 13.03.2008

Sicherung des deutschen Filmerbe

Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:

Die Kollegin Claudia Roth spricht jetzt für Bünd-nis 90/Die Grünen.

Claudia Roth (Augsburg) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es ist ein wirklich gutes und positives Signal, dass wir uns heute in großer Gemeinsamkeit mit der wichtigen Frage des Schutzes des Filmerbes beschäftigen, uns dafür einsetzen und engagieren. Ich möchte mich bei allen dafür bedanken, dass unsere Initiative so unbürokratisch und so unmittelbar aufgegriffen worden ist.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Monika Griefahn [SPD])

Wenn wir die bei der Filmarchivierung offenen Fragen angehen, dann tun wir das nicht unreflektiert. Archivierung meint ja nicht Sammeltrieb oder blindes Habenwollen, sondern meint eine Verpflichtung, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichermaßen betrifft. Filme sind Gedächtnisarchive. Sie sind Ausdruck unserer Geschichte und schaffen Zugänge zu historischen und fiktiven Orten, zu Hoffnungen und Träumen, zu Vergessenem und Verdrängtem. Filmarchivierung meint an erster Stelle Erhalt und Erschließung eines unvorstellbaren künstlerisch-historischen Reichtums, eines Reichtums, der für uns ganz eigene Lebens- und Erfahrungsmöglichkeiten beinhaltet, Möglichkeiten, mit denen wir Gegenwart und Zukunft immer wieder neu zu sehen lernen und uns in Zukunft erinnern können.

Wie bereits gesagt, leider ist schon sehr viel von unserem Filmerbe – das weiß kaum jemand – verloren gegangen. Von den frühen Stummfilmen ist nur noch ein Bruchteil vorhanden. Kollege Wolfgang Börnsen hat einen späteren Film genannt: Der Theodor im Fußballtor. Es ist eigentlich unvorstellbar, dass so wichtige Filmwerke wie zum Beispiel Die Abenteuer eines Zehnmarkscheines von Friedrich Murnau überhaupt nicht mehr auffindbar sind. Andere müssen mühsam aus Versatzstücken rekonstruiert werden, um sie jetzt vor dem Verschwinden zu bewahren.

Auch viele Filme der Gegenwartsproduktion gehen verloren, insbesondere solche, für die es keine Verpflichtung zur Abgabe eines Archivexemplars gibt. Das betrifft die Filme – Frau Kollegin Winterstein, ich glaube, Sie haben das angesprochen –, die ohne öffentliche Förderung entstanden sind, aber gleichwohl archiviert werden sollten, weil sie Teil des wichtigen künstlerischen Erbes sind.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Wolfgang Börnsen [Bönstrup] [CDU/CSU])

Der Deutsche Bundestag hat im Jahr 1969 eine Pflichtabgabe für das geschriebene Wort, für Bücher beschlossen. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir auch für den Bereich des Films eine generelle Pflichtabgabe brauchen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Wir brauchen auch eine nationale Filmografie; ich glaube, auch das ist unstrittig. Wir müssen dokumentieren, wie reich Deutschland an Filmproduktionen war und ist. Diese Datenbasis ist Voraussetzung für eine weltweite, systematische Suche nach verschollenen Filmen, damit die Lücken in der Archivierung geschlossen werden können, soweit das überhaupt noch möglich ist.

Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass das Europäische Übereinkommen zum Schutz des audiovisuellen Erbes sehr bald ratifiziert wird. Es ist klar, dass die Ratifizierung dieses Übereinkommens die Verpflichtung beinhaltet, das dort festgelegte Schutzniveau zu garantieren.

Die Novellierung des Archivgesetzes ist eine gute Chance, die rechtliche Grundlage für die Filmarchivierung weiterzuentwickeln. Ich freue mich auf eine spannende Expertenanhörung im Kulturausschuss. Ich glaube, dass der Ausschuss mit einem solchen Gespräch wichtige, neue Anstöße geben kann.

Ich denke, dass es neben dem, was wir in dem vorliegenden Antrag behandeln, sinnvoll wäre, die Videokunst in die Überlegungen einzubeziehen. Hier ist eine ganz eigene, eine neue, eine junge, sehr innovative und einflussreiche Kunstform entstanden, über deren archivarischen Schutz und Erfassung wir dringend nachdenken müssen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Vom BKM kommen Signale, dass die Aufgaben, die wir in dem heutigen Antrag beschreiben, ohne den Einsatz zusätzlicher öffentlicher Mittel zu bewältigen sind. Ich bin sehr erwartungs- und hoffnungsfroh, dass sich mit überschaubaren Mitteln vieles erreichen lässt. Ich glaube aber ebenso wie die Kollegin Krüger-Leißner, dass es zusätzliche Aufgaben gibt und uns der Schutz des Erbes einiges wert sein muss. Ich weiß, dass Bernd Neumann sich mit Nachdruck in diese Debatte einbringt. Dafür bin ich ihm dankbar. Er hat parteiübergreifend eine starke Lobby hinter sich. Lieber Kollege Neumann, wir lassen nicht locker. Wenn wir es schaffen, das große, hohe, spannende und aufregende Kulturgut Film zu schützen, dann wäre das ein großer Erfolg.

Danke schön.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD und der LINKEN)
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