Bundestagsrede 05.03.2008

Computermesse CeBit - IT-Forschung als Wachstumsimpuls

Vizepräsidentin Petra Pau:

Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hat nun der Kollege Peter Hettlich das Wort.

Peter Hettlich (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich kann meine Kollegin Flach sehr gut verstehen. Vielleicht fragen Sie sich auch, warum ausgerechnet ich, der ich ja nicht einmal mehr stellvertretendes Mitglied im Forschungsausschuss bin, hier heute stehe und für meine Fraktion rede. Das liegt daran, dass der Wirtschaftsausschuss in Hannover weilt und gleichzeitig der Ausschuss für Kultur und Medien mit Bundestagspräsident Lammert tagt. Insofern stellt diese Aktuelle Stunde jetzt für mich eher einen Ehemaligentreff dar. Ich freue mich natürlich, hier einige Kolleginnen und Kollegen wiederzusehen, die in der letzten Legislaturperiode Mitglied des Forschungsausschusses waren. Aber dafür braucht man, wie gesagt, keine Aktuelle Stunde. Das hätte man auch anders haben können.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der FDP sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Meine Damen und Herren, über die Bedeutung von Informationstechnologie in unserem tagtäglichen Leben brauche ich nicht mehr zu sprechen. Diese haben alle Kolleginnen und Kollegen vor mir schon hervorgehoben. Dass die CeBIT heute eine der weltweit führenden Leitmessen im Bereich der Informationstechnologie ist, brauche ich auch nicht noch einmal zu betonen. Ich finde, dass die Diskussion, ob die CeBIT öffentlich oder nur dem Fachpublikum zugänglich sein soll, sehr wichtig ist. Denn auch so eine Messe trägt dazu bei, dass sich junge Menschen dazu entscheiden, einen entsprechenden Beruf zu ergreifen.

(Beifall des Abg. Jörg Tauss [SPD])

Es wird ja auf den Messen immer despektierlich über die sogenannten Beutelratten gespottet, die dann mit Plastikbeuteln bepackt eine Unmenge an Prospekten abschleppen.

(Jörg Tauss [SPD]: Nicht nur Prospekte!)

Ich war auch so eine Beutelratte.

(Jan Mücke [FDP]: Peter, zeige einmal deine Taschen!)

Aber ich bin ganz ehrlich: So eine Messe kann einen sehr stark in der Entscheidung beeinflussen, welchen Beruf man später ergreift. Deshalb sollte man auf der CeBIT vor allem seitens der Aussteller nicht so sehr über diese jungen Besucher klagen, sondern sie eher für die entsprechenden Berufe interessieren und anwerben, um so für die Ingenieure und Facharbeiter von morgen zu sorgen.

Der erste Computer, mit dem ich zu tun hatte, war eine Olivetti P101; die kennt vermutlich kein Mensch mehr. Sie kostete 1970 25 000 D-Mark und wurde in meiner Schule in einem Raum aufbewahrt, der so gut wie Fort Knox gesichert war. Wir als Achtklässler durften gerade einmal ehrfurchtsvoll durch die Glasscheibe den Computer bestaunen. Drei Jahre später hatten wir alle schon einen kleinen programmierbaren Taschenrechner, und von Ehrfurcht vor dem erwähnten Computer, den wir alle nur den "flotten Wilhelm" nannten, war keine Rede mehr.

Wir haben damals nicht geglaubt, dass es eine so rasante Entwicklung geben würde und wir im Jahre 2008 über so große Fortschritte im Bereich der Informationstechnologie sprechen würden. Es war ein weiter Weg dorthin. Allerdings haben wir damals auch nicht daran gedacht, dass wir einmal über solche Dinge wie den Energieverbrauch von Computern, den Umgang mit Elektroschrott und die Frage der Arbeitsbedingungen sowie über durchaus mögliche kriegerische Auseinandersetzungen um die Rohstoffe, die diese Branche benötigt, sprechen würden.

CeBIT goes green. Das Schlagwort lautet Green IT: Der Vorstand der Hannover-Messe jubelte, dies sei ein Megatrend der diesjährigen Messe. Selbst die Automobilbranche hat im letzten Jahr das Green Car entdeckt. Das Wort "Green" ist also in aller Munde. Wir hören die Worte; natürlich wollen wir aber Taten sehen. Das betrifft verschiedene Aspekte.

Kollege Bisky hat zu Recht auf den Energieverbrauch hingewiesen. Herr Staatssekretär Rachel, der schnellste Rechner der Welt ist nicht mehr JUGENE, sondern der Rechner Ranger in Texas, der am gleichen Tag eingeweiht wurde.

(Jörg Tauss [SPD]: Nichtmilitärisch!)

Der Unterschied beim Energieverbrauch ist hochinteressant: Ranger erbringt zwar die doppelte Rechenleistung, verbraucht dafür aber fünfmal so viel Energie. Ich denke, es sollte gar nicht mehr um die Entwicklung des schnellsten Rechners, sondern um intelligente Entwicklungen gehen. JUGENE ist ein Beispiel dafür, dass beim Energieverbrauch gerade im Bereich der Computer noch eine ganze Menge geht. Wir haben die Debatte über Stand-by gerade erst begonnen und längst noch nicht abgeschlossen.

Es gibt eine ganze Reihe von Themen, die wir besprechen müssen. Zum Beispiel stellt sich die Frage, wie in den Herkunftsländern produziert wird. Die Wertschöpfungsketten sind heute so unübersichtlich, dass wir sie gar nicht mehr verfolgen können; selbst die Chinesen können sie nicht verfolgen. China hat zwar sehr strenge Richtlinien zur Verwendung gefährlicher Inhaltsstoffe erlassen; aber spätestens in der nächsten Produktionsstufe weiß man eigentlich gar nicht mehr, ob diese Richtlinien eingehalten werden. Wir müssen hier Transparenz schaffen.

Wir müssen auch über die Frage der Rohstoffausbeutung diskutieren, zum Beispiel beim Coltan-Abbau im Kongo. Das ist keine Petitesse, sondern eine wichtige Sache, mit der wir uns beschäftigen müssen.

Wir können auch nicht einfach sagen, dass uns die Frage der Verwertung von Elektroschrott nicht interessiert; denn Elektroschrottfirmen in der Dritten Welt beuten Menschen unter unzumutbaren Bedingungen aus. Diese Firmen verpesten nicht nur die Natur, sondern auch die Menschen. Wir können nicht sagen, das interessiere uns nicht, weil wir das schon mit der Elektroschrottverordnung der EU geregelt hätten. Wir müssen uns politisch mit dieser Frage auseinandersetzen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Vielleicht kann man das - Kollege Bisky hat das vorgeschlagen - über Zertifikate und Labels regeln.

Ich bin also der Meinung, dass es nicht reicht, sich über den Energieverbrauch zu unterhalten; wir müssen das Thema weiter spannen. Greenpeace veröffentlicht den Guide to Greener Electronics. In Zukunft sollten bei Computertests auch die sozialen Standards in den Herkunftsländern unter die Lupe genommen werden. Noch ist es ein weiter Weg, bis sich Green IT und Fair IT durchgesetzt haben, doch der Anfang ist gemacht. In allen Zeitungen steht in der Werbung für die CeBIT, die Technik der Zukunft sei grün; ich hoffe, das trifft tatsächlich irgendwann zu.

Übrigens gibt es den "flotten Wilhelm" immer noch; er steht bei mir zu Hause, die Schule hat ihn mir geschenkt. Ich habe es nicht übers Herz gebracht, ihn zum Elektroschrott zu bringen. Vielleicht wird er irgendwann einmal reaktiviert.

Danke schön für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

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