Bundestagsrede von Kai Gehring 07.03.2008

Hochschullehre

Ich eröffne die Aussprache und erteile als erstem Redner dem Kollegen Kai Gehring vom Bündnis 90/Die Grünen das Wort. - Herr Gehring, einen Moment. Ich darf die Kollegen, die an dieser Debatte nicht teilnehmen wollen, bitten, den Saal zu verlassen. - Bitte schön, Herr Kollege Gehring.

Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Fügen wir mal eins und eins zusammen:

(Michael Kretschmer [CDU/CSU]: Schaffen Sie das, Herr Gehring?)

Selbst bei konservativen Annahmen fehlen uns künftig jedes Jahr 50 000 neue Akademikerinnen und Akademiker. Dies entspricht einem Viertel des heutigen Absolventenjahrgangs. Dazu passt die Zahl der Studienabbrecher: Von fünf Studierenden verlässt mindestens einer die Hochschule ohne Abschluss. Das verwundert nicht. Denn von fünf Studierenden geben nur zwei der Qualität der Lehre an deutschen Hochschulen gute Noten. Wer da noch glaubt, gute Lehre an Universitäten und Fachhochschulen sei ein Thema für Sonntagsreden, hat nichts verstanden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Es geht um Studienqualität, Studienerfolg und um unseren Fachkräftestandort in der Wissensgesellschaft. Bei der Bundesregierung ist dies noch nicht richtig angekommen. Sie beteuern zwar immer, dass Initiativen für gute Lehre eine gute Sache seien. Warum initiieren Sie dann aber keine, warum setzen Sie einseitig nur auf Forschungsförderung? Wo beginnt denn gesamtstaatliche Verantwortung, wenn nicht bei der Bekämpfung des Fachkräftemangels?

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Bereits im Oktober 2006, vor eineinhalb Jahren, haben wir Grüne die Bundesregierung aufgefordert, sich gemeinsam mit den Ländern für eine bessere Lehre einzusetzen. Weil seitens der Großen Koalition noch immer nichts geschehen ist, haben wir einen zweiten Antrag vorgelegt. Darin finden Sie ein Gesamtkonzept mit drei Schritten zu mehr Qualität in der Hochschullehre.

Der erste Schritt: Wir brauchen eine höhere Grundfinanzierung der Hochschulen. Wenn an deutschen Unis jeder Professor bzw. jede Professorin mehr als 60 Stu-dierende betreuen muss, lässt sich keine Lehre organisieren, die der Begabung und Neugierde des einzelnen Studierenden gerecht wird.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Die Betreuungsrelation an deutschen Hochschulen ist im internationalen Vergleich mehr als peinlich. Natürlich sind in erster Linie die Länder dafür verantwortlich. Aber spätestens beim Hochschulpakt kommt der Bund ins Spiel. Mit dem mickrigen Beitrag, den Sie für zusätzliche Studienplätze bereitstellen, lassen sich gute Betreuung und gute Lehre nicht organisieren, schon gar nicht in den Fächern, die es am dringendsten brauchen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Daher fordern wir: Hochschulpakt und Bologna-Prozess müssen endlich anständig finanziert werden. Klar ist auch: Gute Lehre muss gebührenfrei sein. Die Studiengebühren müssen daher wieder abgeschafft werden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN - Monika Grütters [CDU/CSU]: Ländersache!)

Der zweite Schritt: Wir wollen gute Lehre in Personalentwicklung und Qualitätsmanagement verankern.

(Monika Grütters [CDU/CSU]: Hochschulsache!)

Mehr Hochschullehrer allein reicht nicht aus - gute Lehre braucht gute Professorinnen und Professoren. In der wissenschaftlichen Ausbildung, bei der Berufung und in regelmäßigen Fortbildungen müssen didaktische Kompetenzen eine zentrale Rolle spielen. Einen wichtigen Beitrag dazu leisten hochschuldidaktische Zentren.

Um gute Lehre zu identifizieren, brauchen wir zudem eine systematische Evaluierung von Studienqualität und Studienerfolg: Was hat das Seminar gebracht? Hat sich der Dozent engagiert? Diese Fragen müssen methodisch erhoben werden und Konsequenzen haben, bis hin zu einer, leistungsbezogenen Bezahlung. Auch in der Lehre muss gelten: Leistung zahlt sich aus.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Der dritte Schritt: Mit den bislang genannten Maßnahmen können wir gute Lehre in der Fläche erreichen; aber genau wie in der Forschung dürfen wir uns damit nicht zufriedengeben. Wir müssen weitere Impulse geben. Auch in der Lehre braucht es immer wieder neue Ideen, Best-Practice-Beispiele und innovative Zukunftskonzepte. Deshalb wollen wir einen Wettbewerb für he-rausragende und innovative Lehre.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNIS-SES 90/DIE GRÜNEN)

Nach seiner Erprobung sollte dieser Wettbewerb als vierte Säule in die bestehende Exzellenzinitiative integriert werden. Das heißt, dass ab 2011 eine Hochschule nur dann als Spitzenuniversität gelten kann, wenn sie neben herausragender Forschung auch exzellente Leistungen in der Lehre erbringt. Das Erfolgsrezept der deutschen Hochschulen - die Einheit von Forschung und Lehre - spiegelt sich dann endlich auch in der Exzellenzinitiative wider.

Liebe Kolleginnen und Kollegen in den Regierungsfraktionen, erkennen Sie endlich an, dass qualitativ hochwertige Lehre an den Hochschulen nicht nur in Grußworten und Länderappellen ein Thema sein darf. Was die KMK auf Initiative des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft beschlossen hat, ist ein erster Schritt, reicht aber bei weitem nicht aus. Der Bund selber muss aktiv werden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Es geht letztlich darum, dass die Studienbedingungen in Deutschland international wettbewerbsfähig werden. Sie müssen auf ein anständiges Niveau angehoben werden, damit die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass künftig deutlich mehr junge Menschen zufrieden und erfolgreich ihr Studium abschließen können. Das wollen wir Grünen mit unserer Initiative erreichen. Ich hoffe auf breite Unterstützung in diesem Haus.

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

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