Bundestagsrede von 09.05.2008

Agroforstsysteme

Cornelia Behm (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Agroforstwirtschaft - also das Kultivieren von Bäumen auf landwirtschaftlich genutzter Fläche - ist nicht neu. Über Jahrhunderte wurden optimierte Systeme entwickelt. Dazu gehören beispielsweise Streuobst auf Grünland oder fruchttragende Hecken am Feldrain. Durch Industrialisierung und Mechanisierung der Landbewirtschaftung wurden Bäume und Hecken beseitigt und die Landschaft ausgeräumt.

Eine Renaissance der Agroforstwirtschaft begann in den Entwicklungsländern. Dort, wo Wasser und Düngemittel oft die begrenzenden Faktoren für den Ernteertrag sind, ist man sich der Vorteilswirkungen dieser Landnutzungsform stärker bewusst als bei uns: Schatten, Windschutz, Erosionsschutz, die phytosanitären Effekte und die bessere Ressourcenausnutzung machen sich in einer Low-level-Landwirtschaft mit einem geringen Betriebsmitteleinsatz natürlich besonders bezahlt.

Aber auch in der EU werden die Ressourcen knapp und damit teurer. Deshalb finanzierte die EU in den Jahren 2001 bis 2005 ein Forschungsprojekt über die Agroforstwirtschaft mit dem Namen SAFE, Silvoarable Agroforestry For Europe. Am SAFE-Pojekt beteiligten sich acht Länder: Frankreich, England, Niederlande, Spanien, Italien, Griechenland, Schweiz und Deutschland. Deutschland war mit einem Teilprojekt in Schleswig-Holstein, Herzogtum Lauenburg, beteiligt. Die Federführung lag bei INRA, dem nationalen Agrarforschungsinstitut Frankreichs.

Sieht man sich die Ergebnisse dieses europäischen Forschungsprojektes an, so kann man feststellen, dass bei regional optimierten Systemen mit standorttypische Pflanzen höhere Erträge sowohl für die Agrar- als auch für die Forstkultur erzielt werden können. Auch unter Klimaschutzaspekten sind die zusätzlichen Bäume in der Landschaft positiv zu bewerten, denn im Falle der Wertholzproduktion wird CO2 langfristig festgelegt, im Falle der Energieholzproduktion können fossile Brennstoffe ersetzt und damit CO2-Emissionen vermieden werden.

Unter der Voraussetzung, dass ein Markt für die Erzeugnisse aus Agroforstsystemen besteht oder neu aufgebaut wird, führt Agroforstwirtschaft zu einer Steigerung der regionalen Wertschöpfung. Davon konnten wir uns jüngst auf einer Delegationsreise des Agrarausschusses in Frankreich und Großbritannien überzeugen.

Insbesondere in der Region Montpellier boomt die Agroforestry, denn mit ihrer Hilfe konnte der darniederliegende Weinbau aufgewertet werden. Die Qualität des Weines hat sich erhöht, ebenso die biologische Vielfalt, und auch das Landschaftsbild wurde deutlich attraktiver. Sehr hilfreich für diese Entwicklung war das Kompetenzzentrum, das Forschung und Entwicklung sowie Beratung interessierter Landwirte durch praktische Beispiele ermöglicht. Das Gelände ist 50 Hektar groß und hat inzwischen nicht nur viele Landwirte, sondern auch den französischen Präsidenten überzeugt. So wurden in Frankreich im letzten Winter 1 400 Hektar Agroforstsysteme angelegt. Das Ziel in Frankreich ist, 500 000 Hektar mit Wertholz zu bepflanzen, um den Import von Tropenholz vollständig ersetzen zu können.

Nach einer Umfrage im Rahmen des SAFE-Projektes haben 40 Prozent der Landwirte Interesse an der Agroforstwirtschaft. Was ist zu tun, damit deutsche Landwirte auch in diese Landnutzungsform einsteigen? Die bündnisgrüne Bundestagsfraktion hat bereits auf einem Fachgespräch, zu dem auch Vertreter des BMELV - damals noch BMVEL - eingeladen waren, folgende notwendige Voraussetzungen identifiziert:

Erstens. Im Bundeswaldgesetz muss klargestellt werden, dass Bäume auf landwirtschaftlichen Nutzflächen kein Wald sind.

Zweitens. Die Bundesregierung sollte die Entwicklung durch ein Kompetenzzentrum beschleunigen.

Drittens. Die Forschung über Agroforstwirtschaft muss ausgebaut werden.

Viertens. Der Weg muss freigemacht werden, dass die Fördermittel für die Anlage von Agroforstsystemen aus dem ELER-Fonds auch bei den deutschen Landwirten ankommen.

Unseren entsprechenden Antrag vom September 2006 haben Union und SPD bei Enthaltung der FDP im Mai 2007 abgelehnt. Aber immerhin hat die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe inzwischen einiges an Forschung zum Thema auf den Weg gebracht.

Der aktuelle Antrag der FDP enthält viele der genannten Maßnahmen, die wir für die Einführung der Agroforstwirtschaft in Deutschland erforderlich halten, aber leider auch einige Punkte, die wir für falsch bzw. verzichtbar halten. Der Antrag der Linken stimmt mit unseren Zielen überein. Allerdings geht es darin mehr um das Bundeswaldgesetz und nur am Rande um Agroforstwirtschaft. In Bezug auf die Waldgesetznovelle werden wir einen deutlich detaillierteren Antrag vorlegen.

Ich freue mich auf die Diskussion im Ausschuss und hoffe, dass danach auch die Koalitionsfraktionen zu dem Schluss kommen, dass mit Agroforstwirtschaft alle gewinnen und keiner verliert. Endlich mal wieder ein prima Thema für einen gemeinsamen Antrag. Überwinden Sie die ideologischen Schranken, liebe Kollegen von der Union. Die Landwirte werden es Ihnen ganz sicher danken.

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