Bundestagsrede von Kerstin Andreae 29.05.2008

Initiative für Kleinstkredite

Kerstin Andreae (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Wir beraten heute über einen Entschließungsantrag der Regierungskoalition und der FDP im Zusammenhang mit der europäischen Initiative zur Entwicklung von Kleinstkrediten für mehr Wachstum und Beschäftigung. Im Kern geht es um das Aufstocken von Fachpersonal zur Unterstützung und Koordinierung von Mikrofinanz-instituten beim Europäischen Investitionsfonds, EIF. Normalerweise bin auch ich skeptisch, wenn es um Gründungen oder Erweiterungen von EU-Einrichtungen geht. Bürokratieabbau sei hier als Schlagwort genannt. Aber: In diesem Fall lohnt es sich doch einmal, näher hinzuschauen.

Mikrofinanzierungen sind ein effektives Instrument zur Armutsbekämpfung in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Aber auch in Deutschland sind sie insbesondere zur Förderung von Existenzgründungen von großer Bedeutung. Ich denke, Sie stimmen mir in diesem Punkt zu. So können oft gerade diejenigen, die am nötigsten auf kleine Darlehen angewiesen sind, vom Bankkredit bei der Existenzgründung nur träumen. Kleingründer mit wenig Eigenkapital und Kreditbedarf, die den Schritt in die Selbstständigkeit womöglich noch aus der Arbeitslosigkeit heraus wagen, haben kaum Zugang zu Banken. Hier helfen Mikrofinanzierungen oft schnell und unbürokratisch.

Grundsätzlich sind das Know-how und die Bereitschaft für bankfremde Mikrofinanzierungen in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Insbesondere die öffentlichen Stellen in Deutschland lernen glücklicherweise dazu. Wie Mikrofinanz aber praktisch funktioniert, wissen viele Entscheidungsträger bis heute nicht.

Das birgt aber große Gefahren. DB Research schätzt den aktuellen weltweiten Bedarf an Mikrokrediten auf 250 Milliarden Dollar. Bisher konnten nur circa 100 Millionen Mikrokreditnehmer bedient werden. Das ist ein Bruchteil von den geschätzten potenziellen 1 Milliarde Nachfragern. Wir reden also nicht mehr nur von ein paar wenigen kleinen Investments, sondern von einer immensen Mikrokreditnachfrage. Wenn wir auch nur annährend diese Nachfrage bedienen wollen, benötigen wir in den kommenden Jahren kompetente Fachleute und insbesondere ein koordiniertes Vorgehen in Europa. Hier kann der EIF in Brüssel wertvolle Arbeit leisten. Wir reden übrigens auch nicht von der Gründung einer neuen Behörde sondern lediglich über weiteres Fachpersonal beim EIF bei schon bestehender Infrastruktur.

In der EU-Kommission, im EIF, aber auch bei NGOs wie dem European Microfinance Network gibt es das notwendige Wissen und die Erfahrungen für Mikrofinanz, das uns auch in Deutschland entscheidend weiterbringen kann. Es mangelt aber an einer Stelle, die die verschiedenen Förderprogramme transversal betrachtet und koordiniert.

Experten aus dem Mikrofinanzsektor, wie zum Beispiel dem Deutschen Mikrofinanzinstitut und Oikocredit, raten uns deshalb zu einem solchen europäischen Thinktank. Sie sehen in Brüssel derzeit eher zu wenig als zu viel fachkompetentes Personal. Wir müssen uns die Frage stellen: Was ist zeit- und personalintensiver? Eine europäische Koordinierung, wo laut den Fachleuten bereits das notwendige Know-how liegt und eine gute, aber ausbaufähige Infrastruktur gegeben ist oder ein unkoordiniertes, nicht abgestimmtes Verfahren auf nationaler Ebene? Subsidiarität in allen Ehren, aber hier scheint mir der europäische Weg vielversprechender zu sein.

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