Bundestagsrede 09.05.2008

Kosten der Agro-Gentechnik

Ulrike Höfken (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):Die Kosten der Agro-Gentechnik müssen derzeit von den gentechnikfrei produzierenden Landwirten, den Verbrauchern und der öffentlichen Hand - die Lebensmittelkontrolle der Bundesländer und Kommunen - getragen werden. Die Gewinne ernten einige wenige Unternehmen. Dies läuft dem Verursacherprinzip diametral entgegen und ist ein politisches Desaster.

Mit der Agro-Gentechnik wird zusätzlich ein gigantischer Verwaltungs- und Bürokratieaufwand erzwungen. Nur einige Teilbereiche sind zum Beispiel von der ABL (Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft) und Grünen untersucht worden: Analysekosten und zusätzliche Reinigungsarbeiten kosten die konventionell und ökologisch arbeitenden Landwirte zwischen 200 und 2 000 Euro. Gerade jetzt versuchen die US-Konzerne und Futtermittelimporteure, sich von der Verpflichtung zur Vermeidung von Kontamination zu befreien. Dafür sollen tatsächlich sogar Bestandteile von ungenehmigten gentechnisch veränderten Organismen im Futter oder in Lebensmitteln erlaubt sein. Pharmagene oder ungeprüfte Bakterienbestandteile sollen in Futterkrippen und auf den Tellern der Verbraucher landen dürfen.

Damit wäre jedes Zulassungsverfahren ad absurdum geführt. Und genau das ist die Absicht dieser Industrievertreter, die zurzeit mit aller Macht auf die Entscheidungsträger Einfluss nehmen; ausdrücklich unterstützt von "Verbraucherminister" Seehofer und "Bauern"-Verbandspräsident Sonnleitner.

Milliarden fließen in die Biotechnologie, viel davon indirekt in die Grüne Gentechnik. Direkt wird die AgroGentechnik mit 25 Millionen Euro gefördert, völlig am Markt vorbei und obwohl fast 80 Prozent der Verbraucher und viele Landwirte die Agro-Gentechnik nicht wollen und die Vermeidung von GVO-Verunreinigung den Betrieben teuer zu stehen kommt. In den Regalen der Supermärkte findet sich kein einziges GVO-Lebensmittel, und sogar die tatsächliche Aussaatfläche gegenüber der gemeldeten Anbauflächen ist weit geringer. Auch ist die Zahl der Beschäftigten in der Biotechnologie im Zeitraum von 2001 bis 2006 gesunken: von 13 212 Mitarbeitern in 2001 auf 9 670 Mitarbeiter in 2006. Und von dieser bereits geringen Zahl sind die wenigsten Arbeitsplätze im Bereich des umstrittenen Anwendungsbereichs der Gentechnik zu finden.

Um den Verbraucherwillen endlich zu brechen, werden gleich noch einmal 2 Millionen Euro in ein "Kommunikationsmanagement" gepumpt, noch dazu aus Mitteln der biologischen Sicherheitsforschung. Gelder für eine unabhängige und fundierte Evaluation der Agro-Gentechnik werden dagegen verweigert. Und dabei sind gründliche Untersuchungen dieser Risikotechnologie überfällig.

Die waghalsigen Versprechungen der Gentechlobby generell sind mehr als fragwürdig. Erstens: Agro-Gentechnik rettet die Welternährung. Es ist allgemein bekannt, dass Hunger viele Ursachen hat: Verteilung, Wasserknappheit, Lagerungsprobleme, Kriege usw. Diese Probleme lassen sich nicht einfach durch eine technisierte und teure Ertragssteigerung lösen. Bauern und Kleinbauern werden in eine riskante Abhängigkeit geführt, und dies kostet sie ihre Existenz. Und selbst Ertragssteigerungen sind nicht wissenschaftlich glaubwürdig belegt, nicht bei uns und erst recht nicht unter den Anbaubedingungen, wie sie in den Entwicklungsländern gelten.

Das zynischste Produkt ist der "Golden Reis", der gentechnisch vitaminisiert ist. Menschen, die hungern und denen eine gute Ernährung vorenthalten wird, leiden an Mangelkrankheiten, etwa Blindheit, und sollen stattdessen mit dem Wunderreis "geheilt" werden. Dabei wäre eine ordentliche Gesundheits- und Nahrungsmittelversorgung die viel hilfreichere und effizientere Methode. Der "Golden Reis" ist eine unethische Marktdurchsetzungsstrategie. Stattdessen sollten wir auf Futtermittelimporte wie Gensoja und unseren exzessiven Fleischkonsum verzichten und die Flächen für die Nahrungsmittelerzeugung nutzen

Zweitens: Agro-Gentechnik spart Pestizide. Dies ist eine schöne Versprechung. Gelungen ist dies noch nie. Stattdessen werden die Resistenzen gegen Herbizide gesteigert, ergibt eine neue Studie des Bundesamtes für Naturschutz. Demnach gab es schon 2005 acht Unkräuter, die gegen Glyphosat resistent waren - Tendenz steigend.

Laut dem letzten ISAAA-Bericht - die ISAAA gibt im Auftrag der internationalen Biotechnologie-Industrie regelmäßig Berichte über die angeblichen Erfolge der Agro-Gentechnik heraus - wird für Brasilien angenommen, dass der Anbau von Round-up-Ready-Soja in den Jahren 2003 bis 2005 den Landwirten eine Einkommen-steigerung um 1,4 Milliarden Dollar gebracht habe. Wie aber ist diese Zahl zustande gekommen? Laut einer Einschätzung des Büros für Technikfolgenabschätzung beruht diese Zahl letztlich auf Zahlen einer Auswertung bzw. Schätzung der paranáischen Landwirtschaftsbehörde, also eines brasilianischen Bundesstaates. Erhoben wurde sie noch dazu nur für das Jahr 2004 für - eine nicht genannte Zahl von - Produzenten in West Paraná. Diese Schätzung ergab einen Kostenvorteil von 74 Dollar pro Hektar für das Jahr 2004 der HR-Sojabauern gegenüber den konventionell anbauenden Landwirten. Diese Zahl sagt noch nichts über den Gewinn aus, weil keine Ertragsangaben gemacht werden. Woher die Zahlen in der ISAAA-Studie dann für die anderen Jahre und für Brasilien insgesamt stammen, bleibt unklar. Das TAB vermutet, dass diese 74 Dollar pro Hektar für die restlichen Jahre mit den vom ISAAA geschätzten Anbauzahlen für Brasilien einfach multipliziert wurde.

Die Beispiele zeigen deutlich: Die volkswirtschaftlichen Kosten der Agro-Gentechnik sind viel zu hoch, der Nutzen für Landwirte, wenn überhaupt, gering, und Verbraucher haben gar keinen Nutzen von der Agro-Gentechnik - nur höhere Preise, weil die Vermeidungskosten steigen.

Die Forderung ist schon in zahlreichen Anträgen enthalten, aber es schadet ja nichts, dem noch einmal zuzustimmen.

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