Bundestagsrede von 16.10.2008

Biotechnologie in Entwicklungsländern

Ulrike Höfken (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Die Ursachen der Welternährungskrise sind vielfältig. Hunger und Armut sind auch das Ergebnis einer EU-Agrarpolitik, die vor allem am Wohlergehen der Industrieländer orientiert war. Agro-Gentechnik ist kein innovativer "neuer" Ansatz in der Landwirtschaft, der einen Beitrag zur Lösung des Hungerproblems leistet, sondern eine neue Gewinnsparte und in Abhängigkeit von der Agroindustrie.

Gentechnisch veränderte Pflanzen dienen nicht der Hungerbekämpfung, sondern werden zur Exportware - als Baumwolle für billige T-Shirts oder als Futtermittel für den Fleischkonsum in den Industrieländern. Zynischer sind noch einzelne Prestigeobjekte der Agro-Gentechnik-Industrie, zum Beispiel der "Golden Rice". Wenn Menschen sich nicht genug Reis zum Überleben leisten können, dann können sie sich auch keinen "Golden Rice" leisten.

Die Hungerdebatte wird von Befürwortern der Agro-Gentechnik genutzt, um ein verstaubtes Argument neu aufzupolieren: Die Sicherstellung der Welternährung erfordere eine Steigerung der Produktivität in der Landwirtschaft, und dies ginge nur mit gentechnisch veränderten Pflanzen. Doch auch diesen Nachweis ist die Agro-Gentechnik-Industrie schuldig geblieben, wie eine Studie der Universität Georgia von 2008 zeigt.

Schon 2004 wies die FAO darauf hin, dass eine Ertrags- und Gewinnsteigerung durch den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen wissenschaftlich nicht belegt sei. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Auch die Autoren einer von der EU-Kommission in Auftrag gegebenen Übersichtsstudie aus dem Jahr 2007 bestätigen, dass die Datenlage hinsichtlich einer Ertragssteigerung durch gentechnisch veränderte Pflanzen nicht belastbar sei. Auch der UN-Weltagrarrat erklärt in seinem Bericht von 2008, dass eine Auswertung der bisher vorgelegten Studien über den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen gezeigt habe, dass es in einigen Gebieten Ertragszuwächse, in anderen aber Ertragsrückgänge durch den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen gab.

Seit rund zehn Jahren werden gentechnisch veränderte Pflanzen zu kommerziellen Zwecken angebaut, vor allem in den USA, Argentinien und Brasilien. Dies sind fast ausschließlich herbizid- oder insektenresistente Soja-, Mais-, Raps- und Baumwollsorten, die auf fruchtbaren Böden angebaut werden müssen. Es werden inzwischen fast ausschließlich gentechnisch veränderte Sojasorten des US-Konzerns Monsanto angebaut.

Die Konsequenzen für die Landwirtschaft in Argentinien sind enorm: Waldflächen wurden für den Sojaanbau gerodet, der Einsatz von Pestiziden und Stickstoffdünger stieg an, und es gibt Probleme mit dem Durchwuchs von herbizidresistenten Sojapflanzen. Gleichzeitig nahm in Argentinien die landwirtschaftliche Fläche für die Eigenversorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln ab. Kleine und mittelständische landwirtschaftliche Betriebe wurden verdrängt.

Die Agro-Gentechnik kommt anders als der Ökolandbau nicht ohne Pestizide aus. Entweder werden die Pflanzen mittels Gentechnik selbst zu Pestiziden umgebaut, sodass sie in allen Pflanzenteilen - sogar im Pollen - einen toxischen Stoff des Bacillus thuringiensis - Bt - produzieren. Zu diesen insektenresistenten Pflanzen gehören auch die MON-810-Maissorten von Monsanto, die von Landwirtschaftsminister Horst Seehofer für den Anbau in Deutschland zugelassen wurden. Oder es werden Totalherbizide eingesetzt.

Die schädliche Wirkung dieser Kombination für die Biodiversität wurde unter anderem in einer langjährigen Studie der britischen Regierung nachgewiesen: Durch den Anbau von herbizidresistentem Raps waren 44 Prozent weniger Blütenpflanzen und weniger Schmetterlinge und Spinnen zu finden, während bei Anbau herbizidresistenter Zuckerrüben 34 Prozent weniger Blütenpflanzen sowie signifikant weniger Bienen, Schmetterlinge und Wanzen zu finden waren.

Das Beispiel des Soja-Anbaus in Argentinien zeigt neben den ökologischen Risiken auch die sozio-ökonomischen Risiken der Agro-Gentechnik deutlich an. Dazu gehören zum Beispiel Kosten für die Vermeidung von Verunreinigungen oder der Gefährdung der Biodiversität durch gentechnisch veränderte Pflanzen oder Folgen der Patentierung biologischer Ressourcen und der Monopolisierung des Saatgutsektors. Die Risiken in Entwicklungsländern sind laut UN-Weltagrarrat vor allem enorm hohe Kosten für Saatgut durch Patente. Und gerade Kleinbauern geraten laut GEPA durch den Einsatz von Hybrid- und gentechnisch verändertem Saatgut in eine Schuldenspirale, da sie Saatgut, Düngemittel und Pestizide jedes Jahr erneut zu vorgegebenen Preisen kaufen müssten. Die Schuldenfalle Agro-Gentechnik hat auch bei Baumwoll-Bauern in Indien zu einer hohen Selbstmordrate geführt.

Eine Studie des Sächsischen Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie ergab zudem auch für Deutschland als Industrieland, dass beim Anbau von Bt-Mais höhere Saatgutkosten von 35 bis 40 Euro pro Hektar entstehen. Diese Mehrkosten können erst recht nicht Bauern in Entwicklungsländern tragen.

Viele Ursachen steigender Lebensmittelpreise und Flächenkonkurrenz liegen in den reichen westlichen Ländern. Fleischhunger macht Welthunger - dagegen hilft keine Technik, erst recht keine Agro-Gentechnik, sondern hier müssen politische und strukturelle Lösungsansätze gefunden werden. Dazu gehört, in der Agrar- und Agrarsubventionspolitik umzusteuern und in der Entwicklungszusammenarbeit sowie in den Partnerländern selbst die bäuerliche Landwirtschaft und ländliche Entwicklung zu stärken. Auch müssen wir unsere Ernährungsgewohnheiten verändern. Und es muss rechtzeitig gegengesteuert werden, damit aus dem Energiehunger nicht noch mehr Welthunger wird.

Wichtig ist: Das Menschenrecht auf Nahrung muss Priorität haben. Die Bundesregierung schließt in ihrem Beschluss nicht aus, die Welternährungskrise auch mit industriellen Mitteln wie der Agro-Gentechnik zu bekämpfen. Dies ist keine Lösung. Eine nachhaltige, soziale und ökologische Landwirtschaft, die das Hungerproblem überwinden kann, braucht keine grüne Gentechnik. Agro-Gentechnik ist im Gegenteil eine erhebliche Gefährdung der Ernährungssicherheit.

254522