Bundestagsrede von Kai Gehring 25.09.2008

Wissenschaftlicher Nachwuchs

Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Es gibt in Deutschland zu wenige Forscherinnen und Forscher und zu wenige junge Menschen, die sich für eine Karrie-re in der Wissenschaft entscheiden. Über diese Dia-gnose sind wir uns alle einig - und auch darüber, dass angesichts des demografischen Wandels und der Anforderungen unserer modernen Wissensökonomie Bund, Länder und die anderen Wissenschaftsakteure dieser zukunftsfeindlichen Entwicklung entgegensteuern müssen. Nach dieser Absichtserklärung ist es aber meist auch schon vorbei mit der Einigkeit. Die Bundesbildungsministerin scheint die Wissenschaft und vor allem den wissenschaftlichen Nachwuchs gedanklich schon komplett aus ihrer Zuständigkeit entlassen zu haben. Das ist aber ein fataler Trugschluss!

Die Wertschätzung von Wissenschaft, das Wecken von Forscherdrang und das Fördern aller Potenziale und Talente müssen so früh wie möglich ansetzen. Die Weichen werden von Anfang an gestellt: durch eine stärkere frühkindliche Bildung, durch eine individuelle Förderung und längeres gemeinsames Lernen anstatt Aussortierens im mehrgliedrigen Schulsystem. Hier brauchen wir schleunigst Strukturreformen.

Aber ich will mich auf die Nadelöhre zu und an den Hochschulen konzentrieren. Fangen wir bei den Studierenden an: Die Bundesregierung lobt sich in der Unterrichtung selbst, wie deutlich sie die Talentförderung gesteigert habe. Da muss ich gleich das erste Wasser in den Wein kippen: Der Hochschulpakt I hat das Zeug dazu, sich zum Rohrkrepierer zu entwickeln. Die erste Zwischenbilanz zeigt, dass er keine 13 000, sondern nur gut 3 000 zusätzliche Studienanfänger gebracht hat. Wie soll das Potenzial von Zehntausenden Studienberechtigten gefördert werden, wenn sie es nicht einmal auf den Uni-Campus schaffen, und vor verschlossenen Hörsaaltüren stehen bleiben? Dass Sie diesen überaus mageren Start tatsächlich als "Teilerfolg" bewerten, ist unerhört! Sie müssen beim Bildungsgipfel mit den Ländern alles da-ransetzen, den Pakt I zu retten und nachzuverhandeln.

Als Nächstes fällt der Blick auf erfolgreiche Hochschulabsolventinnen und -absolventen. Wie werden die finanziellen und strukturellen Promotionsbedingungen umfassend verbessert? Was wird getan, damit mehr Absolventinnen und Absolventen eine Promotion als sinnvolle Bildungsinvestition ansehen und als ersten Schritt in die Wissenschaft als Beruf angehen?

Ihre Maßnahmen im Rahmen der Exzellenzinitiative reichen nicht aus. Es müssen mehr Promotionsstellen und Graduiertenkollegs geschaffen werden. Daneben muss auch für Promovierende mit Stipendien die Anbindung an Hochschulen und Forschungseinrichtungen erleichtert werden. Auch ist die systematische Weiterbildung über das eigentliche Promotionsprojekt hinaus nötig. Hier sollten unserer Auffassung nach die Begabtenförderungswerke stärker einbezogen werden.

Das Promotionsrecht wiederum darf keinesfalls zu einer Statusfrage verkommen. Es muss von den Universitäten nicht nur lautstark reklamiert, sondern auch verantwortlich ausgeübt werden. Wir wollen auch die Fachhochschulen stärker für die Nachwuchsqualifizierung gewinnen. Deswegen sollten Unis und FHs verstärkt gemeinsame Teams zur Promotionsbetreuung einrichten können.

Ein leidiges Thema ist und bleibt die lange wissenschaftliche und tatsächliche Abhängigkeit deutscher Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler. Warum, liebe Kolleginnen und Kollegen der Union, sperren Sie sich noch immer gegen die Juniorprofessur? Natürlich lässt sich über den Umfang der Lehrverpflichtung streiten. Aber warum erkennen Sie die Attraktivität dieser Stellen, die darin besteht, nach der Promotion selbstständig forschen zu können, nicht endlich an? Wir fordern Sie auf, beim Hochschulpakt II die Juniorprofessur endlich aufzunehmen und sie zu fördern. Dazu müssen von Beginn an klare Bedingungen für die weitere Karriereplanung feststehen. Wissenschaft als Beruf kann für junge Frauen und Männer nur attraktiv sein, wenn eine dem angelsächsischen "Tenure Track" entsprechende Planbarkeit der Karriereschritte geschaffen wird. Hochschulen und Forschungseinrichtungen müssen in der Lage sein, eine mittel- und langfristige Personalpolitik mit transparenten Entscheidungsverfahren zu machen. Wo die Habilitation als Qualifikationsweg bestehen bleibt, muss gewährleistet werden, dass sie in größerer wissenschaftlicher Unabhängigkeit als bisher durchgeführt werden kann. Warum intensivieren Sie nicht die Förderung von Nachwuchsgruppenleitungen?

Was mich ebenfalls umtreibt: Denken Sie ernsthaft, mit dem Professorinnenprogramm sei alles Mögliche und Notwendige für mehr Chancengerechtigkeit für Frauen getan? Sicher nicht! Denn die Gleichstellung der Geschlechter muss umfassend durchgesetzt werden. Dazu müssen sich Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen zu messbaren und realistischen Steigerungsquoten des Frauenanteils verpflichten. Diese Kaskaden müssen gewährleisten, dass auf allen Ebenen und in allen Fachbereichen unseres Wissenschaftssystems ein Frauenanteil von mindestens 40 Prozent erreicht wird.

Daneben müssen unsere Hochschulen familienfreundlicher werden - andernfalls müssen sich Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler weiterhin zwischen Kind und wissenschaftlicher Karriere entscheiden. Gerade für junge Männer hat die Kombination "Kinder, Küche, Kolloquium" absoluten Seltenheitswert. Daher brauchen wir einen Aufbruch zu mehr Familienfreundlichkeit. Dies sind im internationalen Wissenschaftsraum wichtige Voraussetzungen für eine hohe Mobilität und eine produktive Brain Circulation der Talente. Gute Arbeitsbedingungen hierzulande entscheiden darüber, ob wissenschaftliche Nachwuchskräfte im Inland bleiben bzw. nach Auslandsaufenthalten zurückkehren. Dazu gehört übrigens auch eine bessere Bezahlung. Daher müssen wir alles daransetzen, die Arbeitsbedingungen und Karriereperspektiven in der Wissenschaft zu verbessern. Unser Ziel muss sein, dass die akademische Laufbahn wieder beliebter wird. Packen wir es endlich an!

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