Bundestagsrede von 23.04.2009

Tourismus und Entwicklungszusammenarbeit

Bettina Herlitzius (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige der Welt, ein riesiges Geschäft, das auch in der Entwicklungszusammenarbeit klar von unseren, den westlichen Interessen dominiert wird. Aus den Industrieländern kommen die Ferienreisenden. Hier haben auch die großen Tourismuskonzerne ihren Sitz.

Neben vielen positiven Effekten für die Entwicklungs- und Schwellenländer hat das Thema Tourismus in der Entwicklungszusammenarbeit aber auch seine Schattenseiten: So bleiben laut Berechnung des Arbeitskreises Tourismus & Entwicklung in Basel nur 42 Prozent des Preises, der für eine Pauschalreise nach Südafrika gezahlt wird, auch in Südafrika. Weniger entwickelte Länder können oftmals sogar nur 10 Prozent der Einnahmen aus dem Tourismus zurückhalten.

Es kann nicht angehen, dass Tourismusförderung in Entwicklungs- und Schwellenländern dazu führt, dass es in immer mehr Ländern vergleichbare Angebote gibt: Strände, Luxushotels und "verwechselbare" Touristenattraktionen. Das kostet Geld für aufwendige Infrastrukturen: Straßen, Flughäfen, Wasser- und Stromversorgung, all das oder auch ein Golfplatz in der Wüste trägt aber den Bedürfnissen der einheimischen Bevölkerung kaum Rechnung. Das kann nicht unser Ziel sein!

Aus meiner Sicht geht es vielmehr darum, innovative Tourismuskonzepte zu fördern, die Natur und Umwelt als schützenswertes Kapital in Wert setzen und die das Wissen um Natur- und Kulturerbe beleben und erhalten. Wir sind gegen eine weitgehend vom Privatsektor und von internationalen Ketten geprägte Dynamik der touristischen Entwicklung in Entwicklungs- und Schwellenländern!

Abenteuer, Luxus, "Öko" oder Schnäppchen - die Tourismusindustrie setzt auf immer wieder neue Trends. Aber es geht um die Menschen mit ihrer Kultur, die in Tourismusgebieten in Entwicklungs- und Schwellenländern leben: Tourismus bringt Hoffnung, neue Perspektiven, aber auch brutale Ausbeutung und Menschenrechtsverletzungen. Das nehmen wir in der Hochglanzwelt der Urlaubskataloge nicht gerne zur Kenntnis.

Ich glaube, liebe Kollegen von der FDP, bezüglich Ihrer Forderung der Konzentration der finanziellen Mittel auf zukunftsweisende Projekte haben wir durchaus unterschiedliche Vorstellungen. Nicht die großen Hotelketten, insbesondere kleine und mittlere Hotels und Restaurants haben hervorragende Arbeitsplatzbilanzen. Regionale Wirtschaftskreisläufe stärken, dass muss auch touristisch in der Entwicklungspolitik unser Ziel sein. Ein positives Beispiel für Entwicklungszusammenarbeit im Tourismus ist Tobago. Hier ist es gelungen, die Einkünfte der Bauern durch den Verkauf ihrer Agrarprodukte an die Hotels binnen eines Jahres nahezu zu verdoppeln.

Das Leitbild des nachhaltigen Tourismus ist bislang der Rahmen für das Engagement der deutschen Entwicklungspolitik im Tourismus. Ich finde, das ist richtig so! Finanzielle Mittel darf es nur für sozial gerechte, kulturell angepasste, ökologisch tragfähige und, ganz wichtig, für die ortsansässige Bevölkerung wirtschaftlich sinnvolle und ergiebige Projekte geben. Wir dürfen hier nicht rein wirtschaftlichen Interessen folgen. Deshalb gehören die Mittel für Tourismus und Entwicklungszusammenarbeit auch nicht ins BMWi.

Tourismuspolitik ist und bleibt eine Querschnittsaufgabe, auch wenn wir uns grundlegende Gedanken darüber machen sollten, welche Wertigkeit wir hier in Berlin dem Tourismus zugestehen. Ohne Herrn Hinsken zu nahe zu treten, ein einzelner Tourismusbeauftragter im BMWi ohne wirkliche Anbindung an den Ministeriumsapparat wird auch in meinen Augen einem der wichtigsten Wirtschaftszweige politisch nicht gerecht.

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