Bundestagsrede 23.04.2009

Sanitäre Grundversorgung international

Dr. Uschi Eid (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Das internationale Jahr für sanitäre Grundversorgung ist vorbei, und es ist Zeit, ein Resümee zu ziehen. Das Jahr war insofern ein Erfolg, als sich eine Menge bewegt hat. Das Thema Toiletten und Abwasser wurde endlich enttabuisiert. Experten und Politiker wurden wachgerüttelt und haben angefangen, zu erkennen, dass sie dieses Thema nicht länger vernachlässigen dürfen, wenn sie die Lebensbedingungen der ärmsten Teile der Weltbevölkerung verbessern wollen. Zu lange wurde die Tatsache vernachlässigt, dass wir dauerhaft nicht genügend Trinkwasser zur Verfügung haben werden, wenn wir uns nicht um Abwasserentsorgungssysteme und Zugang zu anständigen Toiletten kümmern.

Besonders zwei Themen, die auch weiterhin unsere Aufmerksamkeit benötigen, möchte ich heute hervorheben: die Bedeutung der sanitären Grundversorgung für die Verbesserung der Situation der Frauen und die Entwicklung alternativer, nachhaltiger Abwasserkonzepte. Beim diesjährigen Weltwasserforum in Istanbul wurde endlich auch die Bedeutung von sanitärer Grundversorgung für die Gleichstellung der Frauen diskutiert; denn es sind besonders die Frauen und Mädchen, die unter dem Mangel an Toiletten und Hygiene leiden. Für sie stellt mangelnder Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitärer Grundversorgung einen Teufelskreis dar: Sie verlassen vorzeitig schon während der Pubertät die Schule, da ihnen dort keine abschließbaren und nach Geschlechtern getrennten Toiletten zur Verfügung stehen. Sie sind ständig der Gefahr von sexuellen Überfällen ausgeliefert, wenn sie nachts buchstäblich in den Busch gehen müssen, um sich zu erleichtern. Sie verbringen täglich Stunden mit dem Schleppen von Trinkwasserkanistern von weit entlegenen Trinkwasserquellen. Sie sind meistens verantwortlich dafür, die Kinder und Angehörigen zu pflegen, wenn diese wegen verunreinigtem Trinkwasser und unhygienischen Toiletten an Durchfall und anderen Infektionen erkranken.

Die Chancen für Frauen, eine Schulausbildung abzuschließen, selbst erwerbstätig zu sein oder einflussreiche Funktionen in der Gesellschaft einzunehmen, werden dadurch erheblich eingeschränkt. Ich fordere daher die Bundesregierung nachdrücklich auf, sich im Rahmen der G 8 für ein Programm zur Ausstattung von Schulen mit abschließbaren und nach Geschlechtern getrennten Toiletten einzusetzen und damit einen Anstoß für die Verbesserung der Lebenssituation und Gleichstellung der Frauen zu geben.

Im internationalen Jahr für sanitäre Grundversorgung wurden auch andere als die herkömmlichen Abwasserentsorgungssysteme diskutiert. Dies war allerhöchste Zeit; denn unsere auf großem Wasserverbrauch basierenden Systeme zur Entsorgung des Urins und der Fäkalien sind bei sinkenden Grundwasserspiegeln und abnehmenden Regenfällen nicht nur in den trockenen Weltregionen, sondern auch bei uns in Europa langfristig nicht haltbar. Allein für die Toilettenspülung werden in Deutschland täglich pro Person circa 45 Liter Trinkwasser verschwendet. Damit verschmutzen wir nicht nur unnötig viel Wasser, sondern vergeuden auch die darin enthaltenen wichtigen Nährstoffe, insbesondere Phosphate. Dadurch gehen weltweit jährlich wiederverwertbare Stoffe im Wert von 15 Milliarden Dollar verloren. Spätestens wenn die weltweiten Phosphatvorkommen endgültig erschöpft sind, werden wir diese Verschwendung sehr bedauern. Wir müssen daher zukünftig auf eine Wiederverwendung und Weiterverwertung der Abwässer setzen und der Entwicklung alternativer Methoden, wie sie unter dem Begriff Ecosan bekannt sind, mehr Aufmerksamkeit schenken. Mit Hilfe dieser Konzepte kann nicht nur immens viel Wasser eingespart werden, sondern aus den menschlichen Fäkalien können auch circa 40 Kilogramm Dünger pro Person gewonnen werden.

Um diese Methoden auch bei uns umsetzen zu können, wäre es aber notwendig, unsere Gesetzesgrundlagen den zukünftigen Anforderungen anzupassen und die legalen Voraussetzungen für eine flächendeckende Modernisierung unserer Systeme zu schaffen. Welche Folgen die Missachtung zukünftiger Bedarfe und Entwicklungen haben kann, sehen wir durch den Zusammenbruch der deutschen Autoindustrie derzeit nur allzu deutlich. Gleichzeitig zeigt sich der Nutzen von Investitionen in die Zukunft für unsere Wirtschaft im Bereich erneuerbarer Energien. Wir müssen daher dringend dafür sorgen, dass unsere Gesetzeslage dem flächendeckenden Einsatz alternativer und zukunftsfähiger Abwassersysteme nicht im Wege steht, um unsere Wasser- und Nährstoffressourcen zu schonen, Innovationen zu begünstigen und diesen Wirtschaftszweig - auch in Deutschland - zu fördern.

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