Bundestagsrede von Markus Kurth 17.12.2009

Kinderregelsätze

Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:

Das Wort hat jetzt der Kollege Markus Kurth für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.

Markus Kurth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir haben jetzt insbesondere von den Vertretern der Koalitionsfraktionen wortreiche Erklärungen gehört, warum sie die Anhebung der Regelsätze für Kinder in Haushalten von Langzeitarbeitslosen nicht wollen.

(Widerspruch bei der FDP – Otto Fricke [FDP]: Doch!)

Der Tenor war: Abwarten! Abwarten, bis das Bundesverfassungsgericht entschieden hat. Abwarten, bis die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe ausgewertet ist. Abwarten, bis genug überlegt worden ist. Ich sage Ihnen: Wir sind der Gesetzgeber. Wir sind nicht gewählt worden, um abzuwarten, bis das Bundesverfassungsgericht ein Urteil spricht.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Das zeigt doch nur eines: Wenn es um Geldleistungen für Langzeitarbeitslose geht, sind Sie alle, wie Sie da sitzen, passive Klötze.

(Beifall bei der LINKEN – Brigitte Pothmer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Genau!)

Wenn es allerdings darum geht, Familien mit sehr hohem Einkommen zu begünstigen, dann haben Sie offensichtlich weniger Schwierigkeiten, etwas zu tun. Ich zitiere, was Wolfgang Schäuble am 12. November dieses Jahres, also vor einem Monat, im Deutschen Bundestag zur Erhöhung des Kinderfreibetrages und des Kindergeldes gesagt hat. Er sagte – Zitat -:

Das ist wirklich eine sozial ausgewogene Maßnahme, die auch der Stärkung der privaten Nachfrage dient.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Paul Lehrieder [CDU/CSU]: Da hat er recht!)

Es ist schon ein sehr merkwürdiges Verständnis von sozialer Ausgewogenheit,

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

wenn einerseits Spitzenverdiener gut 400 Euro netto im Jahr mehr haben und andererseits ALG-II-Bezieher, die für Kleinkinder gerade einmal 215 Euro pro Monat bekommen, keinen Cent mehr erhalten.

Es ist ein sehr merkwürdiges und eigentümliches Verständnis von sozialer Ausgewogenheit beim Finanzminister und der Koalition, wenn einerseits ein Luxushotel wie das "Adlon" durch die Mehrwertsteuerermäßigung jetzt 1,9 Millionen Euro pro Jahr Zusatzgewinn macht und andererseits die Reinigungskraft desselben Hotels, die wegen ihres niedrigen Lohns ergänzendes ALG II bezieht, für sich und ihre Kinder nicht einen Euro von der Kindergelderhöhung sieht.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN)

Meine Damen und Herren, es ist beinahe schon dreist, wenn derselbe Herr Schäuble, der die Staatskassen zugunsten der gutbetuchten schwarz-gelben Klientel leeren will, heute verbreiten lässt, ab 2011 werde richtig gespart. So wie Sie von Union und FDP heute als Bedenkenträger gegen die Erhöhung von Kinderregelsätzen aufgetreten sind, kann man sich schon heute denken, wer dann wieder sparen muss, nämlich diejenigen, die bereits jetzt nur wenig Spielräume und Chancen haben. Wenn dank Ihrer Steuergeschenke im kommenden Jahr das Defizit beängstigend ansteigt, dann ahne ich schon jetzt, wer gemeint ist, wenn es dann heißen wird: Ja, jetzt müsse man sich wirklich einmal Gedanken darüber machen, was wir uns in Deutschland überhaupt noch leisten können.

Meine Damen und Herren von der Koalition, wir sind uns sicherlich einig, auch mit einigen Sozialdemokraten, dass passive Leistungen alleine nicht ausreichen. Dennoch bleiben diese Voraussetzung für Teilhabe und auch für Aktivierung, auch wenn ich das Wort "Aktivierung" mittlerweile nur noch sehr ungern in den Mund nehme; denn die Rede von der Aktivierung bleibt schal, wenn wirksame individuelle Hilfen ausbleiben. Wenn, wie das IAB vorgestern bestätigte, mehr als die Hälfte der Alleinerziehenden über drei Jahre ununterbrochen im ALG-II-Bezug stecken bleibt, dann stimmt offensichtlich etwas mit der individuellen Hilfegewährung nicht.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

Gegenüber diesen Müttern, gegenüber diesen Alleinerziehenden sagen Sie dann: Ihr erhaltet nicht den Betrag, den ihr für den notwendigen Lebensunterhalt der Kinder bräuchtet.

(Ingrid Fischbach [CDU/CSU]: Den haben Sie doch gekürzt, Herr Kurth!)

Meine Damen und Herren von den Koalitionsfraktionen, Sie sind die letzten Mohikaner. Verbände der Freien Wohlfahrtspflege, die Arbeits- und Sozialministerkonferenz haben festgestellt – künftig vermutlich sogar das Bundesverfassungsgericht –, dass die Festsetzung der Kinderregelsätze nicht in Ordnung ist. Nur Sie stehen noch allein in der Landschaft. Machen Sie das, was auch wir von Bündnis 90/Die Grünen wollen: endlich einen klaren Schnitt. Wir Grüne wollen die Regelsätze für Kinder so anheben, dass sie der Lebenswirklichkeit näher kommen. Wir wollen des Weiteren einen eigenständigen Kinderregelsatz und in einem zweiten großen Schritt eine armutsfeste Kindergrundsicherung. Das sind klare Perspektiven – und nicht so ein jämmerliches Suchen nach Ausflüchten, wie Sie es hier darbieten.

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

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