Bundestagsrede von Markus Kurth 04.12.2009

Kosten der Unterkunft nach SGB II

Markus Kurth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer! Wir werden heute Zeugen eines bemerkenswerten Doppelschlages gegen die kommunalen Finanzen und gegen die kommunale Selbstverwaltung.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

Heute Vormittag haben Sie mit Ihrem Klientelbegünstigungsgesetz die Einnahmeseite der Kommunen ruiniert. Jetzt, am frühen Nachmittag, packen Sie bei der Ausgabenseite noch eine zusätzliche Belastung drauf. Das NRW-Innenministerium hat heute bekannt gegeben: 400 Millionen Euro kostet das sogenannte Wachstumsbeschleunigungsgesetz. Meine Heimatstadt Dortmund hat 12 Millionen Euro Mindereinnahmen.

(Karl Schiewerling (CDU/CSU): Die war vorher schon pleite!)

Auf der anderen Seite haben wir bundesweit 1,6 Milliarden Euro an zusätzlichen Kosten der Unterkunft, die die Kommunen jetzt tragen müssen.

Wer zahlt dafür die Zeche? Nicht die reichen Familien, die Sie begünstigen, nicht die Erben, die Sie noch zusätzlich unterstützen. Die Zeche zahlen diejenigen, die auf Leistungen der öffentlichen Daseinsvorsorge angewiesen sind.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN)

Diejenigen, die Büchereien brauchen, um sich Bücher auszuleihen, diejenigen, die Schwimmbäder brauchen, zahlen die Zeche.

(Karl Schiewerling (CDU/CSU): Soll der Bund denn Schwimmbäder fördern?)

Die Zeche zahlen auch die Arbeitslosengeld-II-Beziehenden, die jetzt noch zusätzlich unter Druck kommen.

(Zuruf der Abg. Ingrid Fischbach (CDU/CSU))

- Frau Fischbach, hören Sie doch erst einmal zu. Der liebe Gott hat Ihnen zwei Ohren und einen Mund gegeben: einmal reden, zweimal zuhören.

(Heiterkeit und Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Es ist so, dass auch die Arbeitslosengeld-II-Beziehenden die Zeche zahlen. Sie werden mit völlig unrealistischen Mietobergrenzen konfrontiert. Bereits jetzt ist die Situation so, dass die bewilligten Heizkostenpauschalen die tatsächlichen Heizkosten gar nicht mehr abdecken.

(Gitta Connemann (CDU/CSU): Das entspricht nicht dem Ergebnis der Anhörung!)

Das Bundessozialgericht hat festgestellt, dass diese Praxis rechtswidrig ist. Sie aber wollen sie verallgemeinern.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Das heißt, der finanzielle Druck wird über die Kommunen an die Betroffenen weitergegeben.

An dieser Stelle muss ich schon sagen: Der Verweis auf die Bundesländer ist doch mehr als kläglich. Die Sache wird nicht dadurch besser, dass Sie sich geeinigt haben. Das zeigt doch nur, dass die Berechnungsformel, die sich an der Zahl der Bedarfsgemeinschaften orientiert, schon längst Gegenstand eines unglaubwürdigen und, wie ich finde, unwürdigen Kuhhandels der Länder geworden ist, die die Verantwortung für die Kommunen an dieser Stelle nicht wahrnehmen wollen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Die Anhörung hat eindeutig ergeben, dass die Kosten der Unterkunft nicht mehr mit der Zahl der Bedarfsgemeinschaften korrespondieren. Ich will gerne konzedieren, dass wir am Anfang gedacht haben: Das könnte eine Formel sein, mit der man die Kostenrelation halbwegs ausgleichen kann. Aber die Mietnebenkosten steigen dauerhaft an, die Zahl der größeren und teureren Bedarfsgemeinschaften wächst, und auch die Zahl der Aufstocker nimmt zu, weil wir keine Mindestlöhne haben.

Zuerst werden eigene Einkünfte mit den Bundesleistungen der Agentur für Arbeit verrechnet. Erst wenn das Einkommen hoch genug ist, kommt die Kommune zum Zuge. Diese Entwicklungen machen die Formel, die wir bis jetzt hatten, untauglich. Warum machen wir es nicht einfach und sagen: "Wir nehmen einen bestimmten prozentualen Anteil"? Das gibt den Kommunen Planungssicherheit, weil sie dann mit einem festen Anteil an den tatsächlichen Kosten der Unterkunft rechnen können. Dann können wir uns auch diesen jährlich wiederkehrenden Streit sparen, schaffen, wie gesagt, Planungssicherheit und können uns hoffentlich einer vernünftigen Arbeitsmarktpolitik für die Betroffenen zuwenden.

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN)

 

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