Bundestagsrede 02.07.2009

Biotechnologische Innovationen

Ulrike Höfken (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Der vorliegende Antrag der FDP zeugt von naiver Technikgläubigkeit und ist eine Ansammlung falscher Behauptungen und absurder Vorschläge. Die FDP in­strumentalisiert mal wieder den Welthunger, um die Agrogentechnik schönzureden. Obwohl sie im Titel die Biotechnologie nennt, reduziert sie diese – wie schon seit über zehn Jahren – auf die Agrogentechnik in ihrem For­derungsteil. Das ist nicht innovativ, sondern veraltet. Agrogentechnik ist weder im Interesse der übergroßen Mehrheit der Verbraucher noch eines großen Teils der Landwirte noch eine Lösung zur Rettung der Welternäh­rung, sondern vielmehr Teil des Problems.

Schon durch gesunden Menschenverstand gelangt man zu dem Schluss, dass eine Technik allein und erst recht nicht die Agrogentechnik ein so komplexes und fa­cettenreiches Problem wie den Welthunger lösen könnte. Trotzdem ist dieses PR-Argument bei den Befürwortern der Agrogentechnik noch immer sehr beliebt, um ihre Profitinteressen unter einem humanitären Mäntelchen zu verbergen. Der Hunger von 1 Milliarde Menschen hat aber nicht seine Ursache darin, dass es auf der Erde zu wenig Nahrung gäbe. Hunger ist also vor allem eine Ver­teilungsfrage, nicht eine Frage der Produktion. Auch in Staaten, die Lebensmittel exportieren, gibt es nicht selten viele, die hungern, weil sie sich Nahrungsmittel nicht leisten können oder keine Produktionsmittel – Land, Wasser – dafür haben. Bereits heute wird genug Nahrung für 12 Milliarden Menschen produziert. Allerdings wer­den allein 34,5 Millionen Tonnen als Futtermittel für die Viehtröge der EU importiert.

Zwar werden im FDP-Antrag einige richtige Daten und Gründe zum Hungerproblem genannt wie Armut, fehlende Good Governance und mangelnde Investitionen in die Landwirtschaft und ländliche Infrastruktur in Ent­wicklungsländern. Dann wird jedoch ohne überzeugende Argumente oder gar Belege behauptet, der Anbau von GVO-Sorten leiste "schon heute einen erkennbaren Bei­trag zur Minderung der Armut in der Dritten Welt". Mit dieser Position steht die FDP – abgesehen von der Gen­techniklobby, zu deren Sprachrohr sie sich macht – in­zwischen fast alleine da. Sowohl im TAB-Bericht des Deutschen Bundestages als auch im Bericht des UN-Weltagrarrats, IAASTD, wird festgestellt, dass es keine nennenswerten Beiträge der Agrogentechnik zur Hun­gerbekämpfung gibt. Auch der UN-Menschenrechtsaus­schuss empfiehlt in seiner Stellungnahme zur Nahrungs­mittelkrise im Mai 2008, die Vorschläge des IAASTD in Richtung einer an regionale Strukturen angepassten Landwirtschaft umzusetzen. Keine einzige der deutschen Entwicklungshilfeorganisationen sieht in der Gentechnik ein geeignetes Instrument, um ihre Ziele zu verwirkli­chen.

Die Verheißungen der Befürworter der Agrogentech­nik – Ertragssteigerungen, Anpassung an schlechte Klima-, Boden- oder Wasserverhältnisse – sind bloße Versprechungen geblieben. Erreichte Fortschritte bei der Produktivität in der Landwirtschaft beruhen nicht auf gentechnischen Verfahren, sondern auf konventioneller Züchtung bei den verwendeten Ausgangssorten. Die mo­derne Züchtung ist da schon heute viel weiter als die Agrogentechnik, indem sie das Wissen um das pflanzliche Genom nutzt, aber die Pflanzen selbst nicht gentechnisch verändert; Stichwort Smart Breeding.

Die Saatgutkosten für Mais und Soja, wo die Gentech­nik bereits eine erhebliche Rolle spielt, sind innerhalb der letzten drei Jahrzehnte weltweit auf das Fünffache gestiegen, während der Ertrag nur um den Faktor 1,7 er­höht wurde, und das aufgrund des konventionellen Zuchtfortschritts der Ausgangssorten. Bei Weizen und Reis, wo Gentechnik keine kommerzielle Rolle spielt, stiegen die Preise parallel zum Ertrag.

Bei Baumwolle sind die Saatgutpreise im gleichen Zeitraum sogar auf das Zwölffache gestiegen. Sehr hohe Saatgutpreise bei Gentechbaumwolle waren mitverant­wortlich für die hohe Selbstmordrate unter indischen Baumwollbauern, die dadurch in extreme Verschuldung gerieten, auch weil die versprochene Pestizidersparnis nicht erreicht wurde. Viele Studien haben beim Anbau von Bt-Baumwolle sogar geringere Erträge festgestellt. Es ist zynisch von der FDP, die Verantwortung für diese Opfer der Agrogentechnik der mangelnden Wettbewerbs­fähigkeit dieser Kleinbauern gegenüber Billigimporten zuzuschreiben.

Die ständig wiederholte angebliche Pestizidersparnis durch Agrogentechnik hat mit der Realität ebenfalls nichts zu tun, wie Studien schon länger belegen, unter anderem Benbrook 2003. Aufgrund der zunehmenden Zahl von Superunkräutern bei herbizidtoleranten Gen­techpflanzen und resistenten Schädlingen bei Bt-Pflan­zen steigt die verwendete Pestizidmenge auf Agrogen­technikfeldern. Und bei insektenresistenten Pflanzen wie zum Beispiel dem MON810 wird kein Pestizid einge­spart. Im Gegenteil: Die ganze Pflanze ist das Pestizid, das auf die Felder ausgebracht wird. In Argentinien wird bei Menschen, die in Regionen mit großflächigem Anbau von Gensoja leben, eine steigende Rate an Missbildun­gen, Krebs und anderen Gesundheitsschäden beobachtet. Das beim Anbau verwendete Totalherbizid Roundup hat außerdem fatale Folgen für Amphibien und andere Tiere. Vor diesem Hintergrund ist die Argumentation der FDP, Kleinbauern durch Agrogentechnik vor Vergiftungen mit Pestiziden schützen zu wollen, völlig absurd. Die Förde­rung nach Schutz vor Pestiziden muss die Ablehnung der Agrogenpflanzen wie den herbizidresistenten Gensoja zur Konsequenz haben.

Alle Beispiele gentechnisch veränderter Pflanzen, welche im FDP-Antrag beschrieben werden, zeichnen sich durch Herumdoktern an Symptomen aus. Die Pro­blemursachen werden bei diesen technischen Lösungs­versuchen aber nicht angegangen. Ein Beispiel ist der Golden Rice, der Beta-Carotin als Vorstufe des Vitamin A enthält. Menschen mit Mangelernährung fehlen nicht nur Vitamin A, sondern viele weitere Nährstoffe. Zur Um­wandlung von Beta-Carotin in Vitamin A braucht der Organismus aber auch Nährstoffe wie Fett, Eisen und Vitamin E, sodass Goldener Reis allein den Betroffenen überhaupt nicht hilft. Zudem ist die Gefahr einer direkt gesundheitsschädigenden Über- und Fehldosierung durch "Vitamin A Reis" erheblich. Ebenso absurd ist es, Sojabohnen mit Lysin anzureichern oder das Viehfutter Baumwollsamen durch Genmanipulation zu menschli­cher Nahrung zu machen. Eine gesunde Ernährung lässt sich nicht durch Gentechpflanzen als eine Art Nahrungs­ergänzungsmittel ersetzen.

Probleme durch Pilzbefall bei Bananen entstehen vor allem durch Monokultur. Die rasant steigende Produk­tion von Biobananen zeigt, dass es auch anders geht. Auch für andere Nahrungsmittelpflanzen steckt enormes Potenzial in modernen biologischen Anbaumethoden, wie Greenpeace und "Brot für die Welt" in der Broschüre "208 Rezepte gegen den Hunger" belegt haben.

Eine Frechheit ist die Forderung in dem FDP-Antrag, dass die GTZ dazu gezwungen werden soll, sich für die Agrogentechnik in Entwicklungsländern einzusetzen, ge­rade wenn renommierte Entwicklungshilfeorganisatio­nen zu Recht davor warnen. An dieser absurden Forde­rung zeigt sich deutlich, dass es der FDP nicht um die Lösung des Welthungers geht, sondern darum, die Inte­ressen der Agroindustrie zu fördern. Ich erinnere mich noch gut an den FDP-Kongress zur Agrogentechnik in dieser Wahlperiode, bei dem auf der Tagungsmappe die Sponsoren der Veranstaltung standen, darunter Syn­genta, KWS und der Verein Chemische Industrie.

Gentechnisch veränderte Pflanzen sind nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Agrogentechnik ver­schärft Abhängigkeiten durch mehr Chemie und Patente, gefährdet durch Verdrängung lokaler Sorten die Vielfalt bei Kulturpflanzen und bindet knappe Ressourcen, die dringend an anderer Stelle gebraucht werden. Jeder Euro, der in die extrem teure Forschung und Entwicklung für Agrogentechnik gesteckt wird, fehlt für effizientere und weitaus erfolgreichere Methoden moderner Agrar­forschung und -züchtung wie Smart Breeding und mar­kergestützte Selektion. Erst gestern warnte im Übrigen eine Wissenschaftlerin der GTZ in der "FAZ" nochmals eindringlich vor Gefahren durch Biopatente, die den Zu­gang zu genetischen Ressourcen gerade in Entwicklungs­ländern einschränken und letztlich dadurch die Probleme verschärfen.

Wäre es der FDP wirklich an konstruktiven Lösungen gelegen, müsste sie sich gegen Biopatente zur Wehr set­zen.
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