Bundestagsrede von Britta Haßelmann 05.03.2009

Familie und Beruf

Vizepräsidentin Petra Pau:

Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hat nun die Kollegin Britta Haßelmann das Wort.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Britta Haßelmann (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Herr Staatssekretär! Liebe Kolleginnen und Kollegen der Linksfraktion, der SPD-Fraktion, der CDU/CSU-Fraktion, der FDP-Fraktion und meiner Fraktion! Es ist gut, dass wir heute mit Ernsthaftigkeit darüber diskutieren, wie wir es schaffen können, dass Familie und Beruf besser zu vereinbaren sind; denn für immer mehr Menschen wird Zeit zu einem wirklich knappen Gut. Das gilt insbesondere in der sogenannten Rushhour des Lebens. Am besten soll man im Alter zwischen 20 und 35 Ausbildung, Beruf, Karriereleiter, Studienabschluss, vielleicht Familiengründung und Kinder miteinander vereinbaren und schultern. Das alles soll man mit einem Diplom unter dem Arm im Eiltempo hinbekommen. Das ist für immer mehr Frauen wie für Männer ein wahnsinniges Problem; denn die eigene Lebenswirklichkeit deckt sich für immer mehr Menschen immer seltener mit den eigenen Lebenswünschen. Deshalb ist es gut, darüber zu diskutieren, welche Lösungswege es gibt, den vielfältigen Lebenswirklichkeiten von Frauen und Männern gerecht zu werden sowie jeder und jedem zu ermöglichen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen sowie Familie und Beruf zu vereinbaren.

Jörn Wunderlich, wir sollten uns einmal anschauen, welche Auswirkungen Ihre Vorschläge voraussichtlich auf die Erwerbstätigkeit von Frauen und die Einstellungs-praxis der Betriebe haben werden. Mit einer Elternzeit von sieben Jahren und den anderen bereits angesprochenen Maßnahmen geben Sie in Ihrem Antrag definitiv keine Antwort auf die anstehenden Herausforderungen bei der Zeitsouveränität von Frauen und Männern.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Ina Lenke [FDP])

Es geht um die Realität, in der wir leben, und die Re-alität der Erwerbstätigkeit von Frauen, ob jung oder alt. Ihre Vorschläge werden negative Auswirkungen auf die Einstellung von Frauen in der Praxis haben. Das kann man nicht wegdiskutieren. Ich finde es wahnsinnig wichtig, dass wir über Zeitpolitik, Rushhour des Lebens sowie die Zeitsouveränität von Frauen und Männern diskutieren und darüber nachdenken, welche gesetzlichen Rahmenbedingungen wir schaffen können und welchen Raum wir in der Gesellschaft für bestimmte Fragestellungen bieten können. Eines der großen Probleme dabei ist nämlich, dass es dafür eigentlich keine Akzeptanz gibt.

Die Ansprüche von Frauen entsprechen in der Regel - das belegen alle Umfragen, die wir kennen - nicht dem Wunsch, weniger zu arbeiten, sondern mehr zu arbeiten. Sehr vielen der befragten Frauen geht es um eine eigenständige Existenzsicherung und Erwerbstätigkeit. Wenn man Männer fragt, was sie machen wollen, so bekommt man als Antwort, dass sie Familienaufgaben mit Arbeit verbinden wollen.

Die Lebensrealität sieht aber ganz anders aus: Die Vollzeitquote von Vätern liegt bei der Erwerbstätigkeit bei 82 Prozent. Und diese Realität müssen wir anerkennen. Insofern müssen wir überlegen, ob die Maßnahmen, die Sie vorschlagen, nicht völlig kontraproduktiv sind und dazu führen, dass es keine egalitäre Arbeitsteilung von Frauen und Männern für Familie und Beruf geben kann, obwohl diese das wünschen. Deshalb finde ich Ihre Vorschläge hierzu im Antrag so problematisch.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Da geht es jetzt nicht darum, zu sagen: Nur weil es die Linken vorgeschlagen haben, muss man das alles ablehnen. Vielmehr frage ich: Sind das wirklich geeignete Maßnahmen, um eine egalitäre Arbeitsteilung hinzubekommen, wenn Frauen und Männer diese wollen? Das ist meiner Meinung nach nicht der Fall.

Wir brauchen eine Debatte über das Thema Zeitsouveränität. Wir brauchen eine Debatte über die Vielfalt der Lebensformen und der Lebensrealitäten, die Menschen leben wollen. Und wir brauchen eine Diskussion darüber, welche Auswirkungen Maßnahmen, die wir vorschlagen würden, auf die Geschlechtergerechtigkeit hätten.

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP)

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