Bundestagsrede 26.03.2009

Elektromobilität

Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt:

Peter Hettlich spricht jetzt für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.

Peter Hettlich (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Elektromobilität wird in diesen harten Zeiten offensichtlich die Heilsaufgabe zugewiesen, einerseits unser Klima und dazu auch noch unsere Automobilindustrie zu retten und uns andererseits unabhängig von Erdölimporten zu machen und gleichzeitig auch noch für dauerhaft niedrige Treibstoffkosten zu sorgen. Ich glaube, damit haben wir uns etwas vorgenommen, was durch die Elektromobilität nicht geleistet werden kann und wird; denn sie ist nicht die eierlegende Wollmilchsau.

(Dr. Andreas Scheuer [CDU/CSU]: Herr Kollege, Sie sprechen aber schon für die Grünen, oder?)

- Warten Sie einmal ab.

Es ist ein fundamentaler Irrtum, wenn die Automobilindustrie und auch einige Politiker glauben, dass es reicht, einfach den Verbrennungsmotor und den Benzintank auszubauen und dafür einen Elektromotor und Batterien einzubauen.

(Horst Meierhofer [FDP]: Doch!)

- Nein, das reicht eben nicht; denn es ist auch ein Umdenken hinsichtlich der Technologie und auf vielen Ebenen erforderlich. Das heißt konkret: Wir brauchen nicht nur technischen Lösungen an den Fahrzeugen, sondern wir brauchen auch Lösungen um die Fahrzeuge herum bzw. bezogen auf unsere Infrastruktur.

Auch wenn die CO2-Emissionen, die geringe Geräusch-entwicklung - übrigens nur bei niedrigen Geschwindigkeiten - und die hohe Energieeffizienz der Motoren natürlich eindeutig für Elektromobilität sprechen, so lösen wir damit ganz und gar nicht die Probleme, die ich auch als Baupolitiker immer wieder anspreche, nämlich die zerfaserten Siedlungsstrukturen, die mangelnde Tragfähigkeit unserer Infrastruktur und besonders den Flächenverbrauch.

Ob Ihnen das gefällt oder nicht: Durch die Elektromobilität wird von uns ein anderes Mobilitätsverhalten verlangt und sind neue Mobilitätsketten erforderlich; denn auf längere Sicht werden die Reichweiten gering sein. Das liegt an der Speichertechnologie. Wir werden sie eben mit anderen Verkehrsträgern sehr viel enger vernetzen müssen. Aus meiner Sicht wird beispielsweise das Elektrocarsharing in Zukunft eine viel stärkere Rolle spielen als im Augenblick das normale Carsharing.

Deswegen unterstützen wir als Grüne alle Bemühungen um eine verbesserte Mobilitätskultur und -qualität; denn eines sage ich Ihnen auch: Ein "Weiter so wie bisher!" kann es in der Verkehrspolitik, ob mit oder ohne Elektromobilität, nicht geben.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Dorothée Menzner [DIE LINKE])

Wir als Grüne haben schon 2007 in unserem Energiekonzept bis zum Jahre 2020 mit 1 Million Elektrofahrzeugen gerechnet. Wir haben aber auch darauf hingewiesen, dass der Weg bis dahin steinig und lang ist und dass der Beitrag, der mit der Elektromobilität zum Klimaschutz geleistet wird, zunächst einmal gering ist. Das ist auch klar, da man entsprechende Steigerungsraten erst einmal initiieren muss.

Damit sich das ändert, verweise ich auf ein erfolgreiches Konzept: Wir haben bei den erneuerbaren Energien mit dem 100 000-Dächer-Solarstrom-Programm und dem EEG gezeigt, dass man diese Einführungsschwelle mit einer strategischen Förderung überwinden kann. Wir befinden uns heute im Stadium der Marktreife und können sagen: Der Erfolg spricht Bände. Im Bereich der erneuerbaren Energien sind allein im letzten Jahr mehr Arbeitsplätze geschaffen worden, als Opel zum heutigen Zeitpunkt insgesamt an Mitarbeitern hat.

Wir sehen also, dass Marktanreizprogramme Sinn machen. Deswegen ist es auch konsequent, dass wir sagen: Wir wollen für Plug-in-Hybridfahrzeuge und für batterieelektrische Fahrzeuge bis zu 5 000 Euro Unterstützung gewähren, damit eine Markteinführung dieser Fahrzeuge ermöglicht wird.

Für mich ist auch die Frage der Stromdeckung sehr wichtig. Wenn ich davon ausgehe, dass die Zahl von 3 Terawattstunden für 1 Million Fahrzeuge stimmt - sie ist sehr reichlich bemessen -, dann entspricht das 0,3 Prozent des aktuellen deutschen Stromverbrauchs. Liebe Kolleginnen und Kollegen von der FDP, ihr müsst mir einmal vorrechnen, warum ihr dann über die Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke debattiert. Das ist völlig absurd.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN)

Es lohnt sich also immer. Bei 10 Millionen Fahrzeugen wären das gerade mal schlappe 3 Prozent. Bis 2020 decken wir das mit links aus erneuerbaren Energien ab.

(Horst Meierhofer [FDP]: Wir sind ambitionierter!)

Die entscheidende Frage im Zusammenhang mit der Elektromobilität wird die Reichweite sein. Damit kommen wir zur Automobiltechnologie. Lieber Andi Scheuer, du solltest dich mal mit der Technologie von Loremo befassen - das war schließlich ursprünglich ein bayerisches Produkt -: Gewichtsreduzierung, Aerodynamik und die Reduzierung des Bordstromverbrauchs, ob bei einem Verbrennungsmotor oder mit Elektroenergie. Genau das ist die Zukunft. Das gilt übrigens auch für Fahrzeuge mit konventioneller Antriebstechnik. Dahin müssen wir kommen. Das bringt einen Vorteil.

Ich möchte noch kurz auf neue Technologien wie die Radnabenmotoren eingehen. Dadurch wird auch eine Leistungsreduzierung bei Motoren möglich. Um einen 100-Kilowatt-Verbrennungsmotor zu ersetzen, verbraucht man nicht viermal 25 Kilowatt mit einem Radnabenmotor. Es ist eine deutliche Verringerung möglich, weil eine höhere Effizienz erreicht wird.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Last but not least brauchen wir eine bessere Batterietechnologie. In diesem Zusammenhang füge ich hinzu, lieber Ulrich Kasparick, dass 89 Millionen Euro aus dem Programm ein bisschen wenig sind. Die Amerikaner investieren 1,5 Milliarden Dollar in die Förderung der Batterietechnologie. Wenn wir nicht aufpassen, dann werden wir möglicherweise in diesem Bereich den Anschluss verlieren.

Wie gesagt, die Elektromobilität bietet uns Chancen; sie birgt aber auch Risiken. Wir Grünen sprechen das auch in unserem Antrag an vielen Stellen an. Aber wir gehen diesen Weg mit. Wir wollen der deutschen Automobilbranche durchaus eine Zukunft ermöglichen, aber wir gehen dabei nicht kritiklos vor. Insofern denke ich, dass wir in den nächsten Wochen noch spannende Diskussionen zu diesem Thema führen werden.

Danke schön.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

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