Bundestagsrede 05.03.2009

Spitzen- und Hochschulsport

Vizepräsidentin Dr. h. c. Susanne Kastner:

Ich gebe das Wort dem Kollegen Winfried Hermann, Bündnis 90/Die Grünen.

Winfried Hermann (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Hochschulsport ist lange Zeit nicht ins Blickfeld der Sportpolitik und auch nicht in das der Bundespolitik geraten. Das müssen wir heute mit dieser Debatte und mit diesem Antrag nüchtern feststellen. Ich sage das jetzt nicht mit Häme nach dem Motto "Die Große Koalition kriegt nichts hin",

(Detlef Parr [FDP]: Sie haben sieben Jahre Verantwortung hinter sich! Sieben Jahre hatten Sie Zeit!)

sondern ich habe einen Blick in den Sportbericht der Bundesregierung geworfen. In diesem Sportbericht findet sich in unserer Zeit - man schämt sich fast dafür - nicht einmal eine halbe Seite zum Thema Hochschulsport. Damit bestätigt sich, dass wir dieses Themenfeld nicht in den Blick genommen haben. Ich glaube, das war ein Fehler.

(Detlef Parr [FDP]: Ist das Selbstkritik?)

Insofern begrüße ich den Antrag der Großen Koalition, darüber nachzudenken, wie wir die Bedingungen für Sportler an der Hochschule verbessern können.

(Stephan Mayer [Altötting] [CDU/CSU]: Endlich ein vernünftiger Satz!)

Deswegen unterstützen wir auch die Debatte darüber.

Natürlich haben Sie mit Ihrem Antrag nicht alle Probleme der Hochschulen und auch nicht alle sozialen Fragen angesprochen, Kollegin Kunert.

(Katrin Kunert [DIE LINKE]: Das ist ein Hochschulproblem! Das hat etwas mit der Hochschulpolitik zu tun, Herr Kollege!)

Ich glaube auch, die Hochschulpolitik wäre überfordert, wenn sie in dieser Debatte gleich noch alle sozialen Probleme und sozialen Fragen der Hochschule auf einmal lösen sollte. Nein, das ist es nicht. Wichtig ist allerdings, dass aufgrund der zunehmenden Wichtigkeit der Qualifikation und Hochschulausbildung junger Menschen natürlich auch die Hochschule als Ort der dualen Karriere an Bedeutung gewinnt. Diesbezüglich sind die Bedingungen für Spitzensportler, die gleichzeitig studieren, sehr viel ungünstiger als die, die die Bundeswehr bietet, wobei die Bundeswehr nur wenige Berufsfelder anbietet. Wir halten es deswegen durchaus für sinnvoll, dass Spitzensportler an Universitäten bessere Bedingungen vorfinden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Sie haben selbst darauf hingewiesen, dass es einige Probleme gibt. Wir können als Bund nur begrenzt auf die Länder Einfluss nehmen. Wenn die Länder allerdings einen KMK-Beschluss fassen und eine Profilquote für Spitzensportler fordern, dann müssen sie auch die gesetzlichen Voraussetzungen schaffen, damit das möglich ist.

(Dagmar Freitag [SPD]: So ist es! - Dr. Peter Danckert [SPD]: Auf die Länder ist kein Verlass! Wir müssen die Hochschulpolitik in unsere Hände nehmen!)

Bisher ist dies nur in NRW möglich, sonst nirgends. Das ist zwingend; das müsste geschehen.

Die Hochschulen müssen selber aktiv werden. Hier gebe ich allerdings Frau Kunert recht: Die Hochschulen waren in den letzten Jahren mit so vielen anderen Problemen befasst - mit Finanzierungsfragen und sozialen Fragen -, dass der Spitzensport sozusagen an den Rand gedrängt wurde. Deswegen ist es auch unsere Aufgabe, den Hochschulen zu helfen, bestimmte Aufgaben im Bereich des Sports und der Sportorganisation anzugehen. Manche Hochschullehrer haben nämlich überhaupt keine Ahnung vom Sport; sie wissen nicht, unter welchen Bedingungen heutzutage Spitzensport betrieben wird.

Es wäre auch gut, wenn wir als Bund vorangingen und die Bundeswehrhochschulen zu Beispielen eines modellhaften Zusammenwirkens zwischen der Ausbildung an der Hochschule auf der einen Seite und dem Spitzensport auf der anderen Seite machen würden. Hier gibt es noch viel zu tun. Das könnte der Bund machen. Das kann die Bundeswehr anstoßen.

Wir können auch den adh stärker in die Pflicht nehmen und ihn bitten, Koordinationsaufgaben dort zu übernehmen, wo es beispielsweise Reibungspunkte zwischen Olympia-Stützpunkten, Universitäten, Studienabläufen usw. gibt. Da könnte man etwas tun. Da könnten wir den Sport unterstützen. Wir brauchen allerdings auch den Sport, damit er die Universitäten unterstützt, die das nicht als ihre eigene Aufgabe ansehen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wir sollten jedoch nicht nur über Spitzensport an Hochschulen sprechen. Der allgemeine Hochschulsport spielt seit den früheren Jahren bis zum heutigen Tage eine große Rolle, was die Identität mit der Hochschule anbelangt, was übrigens auch die Gesundheits- und Präventionsarbeit für die vielen Studierenden anbelangt. Des Weiteren sind im Hochschulsport über viele Jahre innovative Konzepte in der Methodik entwickelt worden. Neue Sportarten sind über den Hochschulsport überhaupt erst in die Gesellschaft gelangt. Volleyball und Basketball sind Sportarten, die in den 70er-Jahren über den Hochschulsport zum Breitensport entwickelt worden sind. Auch in diesem Bereich ist der Hochschulsport förderungswürdig, und auch hier sollten wir ihn unterstützen.

Dieser Antrag ist eine Vorlage für eine Debatte im Ausschuss. Eine Reihe von Problemen ist angesprochen worden. Wir haben in vielen Punkten noch keine wirklich überzeugenden Antworten. Im Ausschuss sind wir jedoch in der Pflicht, darüber differenziert nachzudenken.

Vielen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

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