Bundestagsrede 26.03.2009

UN-Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung"

Dr. Uschi Eid (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Wir begrüßen, dass die Bundesregierung die internationale Gemeinschaft zur UNESCO-Weltkonferenz "Bildung für nachhaltige Entwicklung" nach Bonn eingeladen hat und vorher mit dem VENRO-Kongress "Global Learning, weltwärts and beyond" die Möglichkeit eröffnet, die internationale Sichtweise von Nichtregierungsorganisationen in die Weltkonferenz einzubringen. Es ist gut, dass der Deutsche Bundestag diese Konferenz zum Anlass nimmt, über den Stand der Umsetzung zur Halbzeit der UN-Dekade in Deutschland eine Zwischenbilanz zu ziehen.

Bei der Umsetzung kommt es vor allem darauf an, nicht nur interessante Dekade-Projekte auszuzeichnen, sondern - und hier sind insbesondere die 16 Länder und deren Bildungsministerien gefragt - eine Umsteuerung im Bildungssystem, im Curriculum, in der Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte und im Hochschulwesen vorzunehmen.

Der Bildungsleitgedanke der Nachhaltigkeit und neue Anforderungen an das Lernen in einer international vernetzten Lebenswelt sind in den nationalen Bildungsberichten, die alle zwei Jahre im Auftrag der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung erstellt werden, immer noch kein Thema. So wird Bildung für nachhaltige Entwicklung auch im jüngsten Bildungsbericht nicht erwähnt, ebenso wenig im Fortschrittsbericht 2008 der Bundesregierung zur nationalen Nachhaltigkeitsstrategie.

Wir müssen nicht nur in Deutschland unsere Hausaufgaben erledigen, um das Leitbild einer zukunftsfähigen Entwicklung in unserem Bildungswesen wirkungsvoll zu verankern, sondern auch einen Beitrag dazu leisten, das Menschrecht auf Bildung durchzusetzen und die Ziele "Bildung für nachhaltige Entwicklung" und "Bildung für alle" weltweit zu einem wirkungsvollen Programm zu verbinden.

Die Schritte auf dem Weg zur Erreichung des 2. Millenniumsziels - Grundbildung für alle - sind ungenügend. Bis ins Unerträgliche wachsende Klassengrößen, unzureichende Lernbedingungen, fehlende oder völlig unterqualifizierte Lehrerinnen und Lehrer und keine Priorisierung bei den Mittelzuweisungen in nationalen Haushalten oder im Rahmen der internationalen Zusammenarbeit stärken die Befürchtungen, dass dieses Millenniumsziel nicht erreicht wird. Wobei eines auch klar sei muss: Nicht nur die Quantität darf eine Rolle spielen, sondern auch die Lerninhalte!

Auch der UNESCO-Weltbildungsbericht 2009 macht überdeutlich, dass den großen Worten der Weltgemeinschaft angemessene Taten noch fehlen. Immer noch gehen 75 Millionen Kinder weltweit nicht zur Schule, in Afrika südlich der Sahara sind es sogar fast ein Drittel aller Kinder. 16 Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung können nicht lesen und schreiben. Zwei Drittel dieser Analphabeten sind Frauen. Die Weltgesellschaft ist hinsichtlich ihrer Bildungssysteme nicht zukunftsfähig. Dabei haben sich 164 Länder im Jahr 2000 auf dem Weltbildungsforum in Dakar verpflichtet, sechs Bildungsziele bis zum Jahr 2015 zu erreichen: Ausbau der frühkindlichen Förderung und Erziehung, Grundschulbildung für alle Kinder weltweit, Absicherung der Lernbedürfnisse von Jugendlichen und Erwachsenen, Halbierung der Analphabetenrate unter Erwachsenen, Gleichberechtigung der Geschlechter und Verbesserung der Bildungsqualität.

Der UNESCO-Weltbildungsbericht macht die riesigen Unterschiede zwischen armen und reichen Ländern deutlich und zeigt, dass es immer noch die gleichen Gründe sind, die dazu führen, dass die gesteckten Ziele verfehlt werden: erstens unzureichende Einkommen, zweitens Benachteiligung von ethnischen Gruppen sowie Mädchen und Frauen, drittens Sprachendiskriminierung und viertens Ausschluss von Behinderten.

Die nationalen Regierungen müssen höhere Investitionen in Bildung vornehmen und Anreize für Mädchen und benachteiligte Gruppen setzen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Wer nimmt denn ernst, dass fast 10 Prozent der Mädchen deshalb die Schule abbrechen, weil es in den Schulen keine oder keine getrenntgeschlechtlichen Toiletten gibt, die Schülerinnen aber zur Körperhygiene während ihrer Menstruation eine private Sphäre brauchen? Mit dem Bau separater Schultoiletten durch UNICEF konnte zum Beispiel in Bangladesch der Schulbesuch von Mädchen um 11 Prozent erhöht werden.

Selbstverständlich muss auch mehr Gewicht auf die Qualität von Bildungsinhalten gelegt und Toleranz, gegenseitiger Respekt und demokratisches Verhalten eingeübt werden.

Die Verletzung von Kinderrechten in anderen Teilen der Welt darf den Blick auf die Situation in Deutschland nicht verstellen. In unserem Land existiert ein nicht zu übersehender Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft sowie Migrationshintergrund und Bildungserfolg und damit ein markanter Unterschied hinsichtlich der Inanspruchnahme des Bildungsangebotes. Die Studie "Ungenutzte Potenziale" von 2009 hat in jüngster Zeit die prekäre Situation für die (meisten der) fast 20 Prozent der deutschen Bevölkerung mit Migrationshintergrund dargestellt: "Zugewanderte sind im Durchschnitt schlechter gebildet, häufiger arbeitslos und nehmen weniger am öffentlichen Leben teil als die Einheimischen." Dies hat meines Erachtens zwei verschiedene Ursachen. Zum einen gibt es Eltern, die es sich tatsächlich nicht leisten können, ihren Kindern eine gute Bildung zu ermöglichen, und zum anderen gibt es Eltern, die das Angebot nicht in Anspruch nehmen wollen! Gegen beides muss etwas unternommen werden, da hierdurch den Kindern Chancen genommen werden. Wichtig wäre eine hinreichende Integration von Migrantinnen und Migranten in die Gestaltung unserer Bildungsprozesse.

Eine erfolgreiche Bildungspartizipation ist ein wichtiges Element der präventiven Armutsbekämpfung. Darüber hinaus kann eine wirksame Strategie nur durch vernetzte und nachhaltige Zusammenarbeit der unterschiedlichen Träger und Einrichtungen für Bildung und Sozialarbeit ihre Kraft entfalten. Gleichzeitig gilt: Ohne ausreichende Bildung ist Integration nahezu unmöglich.

Eigentlich bedürfte es keines besonderen Hinweises darauf, dass in das Menschenrecht auf Bildung auch Menschen mit Behinderung eingeschlossen sind. Aber Menschen mit Behinderung gehören zu den Gruppen, die in den Bemühungen zur Umsetzung der Bildung für nachhaltige Entwicklung, in der Millenniumserklärung und in den Zielen des Weltbildungsforums in Dakar 2000 kaum Berücksichtigung finden. Nach Schätzungen der UNESCO besuchen in Entwicklungsländern weniger als 1 bis 5 Prozent der Kinder mit Behinderung eine Schule. 97 Prozent der Erwachsenen mit Behinderung sind Analphabeten. Der Umgang mit behinderten Menschen in unserem eigenen Bildungssystem entspricht durchaus nicht den Grundvorstellungen von Gerechtigkeit und Zukunftsfähigkeit. 85 Prozent der Kinder mit sonderpädagogischem Förderungsbedarf sind in Sonderschulen untergebracht und nur 15 Prozent werden an allgemeinbildenden Schulen unterrichtet.

Hans Jonas hat in seinem Buch "Das Prinzip Verantwortung" einen neuen kategorischen Imperativ geprägt: "Gefährde nicht die Bedingungen für den indefiniten Fortbestand der Menschen auf Erden, handele so, dass die Wirkungen Deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden." Wenn unser Bildungssystem in der Lage wäre, diesen Imperativ zu vermitteln, wären wir einen großen Schritt in unserem Bemühen um Zukunftsfähigkeit und Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft vorangekommen

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