Bundestagsrede von 28.05.2009

Agrarwissenschaften in Deutschland

Cornelia Behm (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

"Krise" und "globale Herausforderungen" sind die Begriffe, die von Politik und Gesellschaft seit einigen Mo­naten geradezu inflationär gebraucht werden: Klimakrise, Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Ernährungskrise – allesamt Krisen der Nachhaltigkeit – sind die globalen Herausfor­derungen, die zu bewältigen sind – hier und weltweit, und zwar ohne Verzögerungen. Ein Schlüssel dazu ist die Agrarforschung. Denn die Landwirtschaft, besser die Landnutzung, hat sowohl bedeutenden Einfluss auf das Klima als auch auf die weltweiten Waren- und Finanz­ströme, auf die regionale Wertschöpfung und auf die Frage, wie erfolgreich Armut und Hunger begegnet wer­den kann. Aber mit einem "Weiter so" in der Landwirt­schaft werden die Probleme eher verschärft als gelöst.

Wenn der Klimawandel gebremst und trotz klimati­scher Veränderungen Land-, Forst- und Fischereiwirt­schaft im Jahr 2050 eine auf 9 Milliarden Menschen an­gewachsene Weltbevölkerung ernähren und mit Energie versorgen sollen, dann ist das nicht mit der züchterischen oder gar gentechnischen Bearbeitung von einigen weni­gen Kulturpflanzen getan. Es müssen vielmehr Maßnah­men ergriffen werden, die den Artenschwund – auch den Verlust von Kulturpflanzen und kommerziell genutzten Tierarten und -rassen – bremsen. Es dürfen nicht weiter Agrar- und Forstflächen durch den Bau von Siedlungs- und Verkehrsflächen der Nutzung entzogen werden. De­vastiertes Land und verschmutzte Gewässer müssen re­kultiviert werden.

Was wir tun müssen, ist also ziemlich klar; nur, wie wir es tun müssen, dafür besteht immenser Forschungsbe­darf. Die Agrarforschung sehe ich im Kontext von Klima­wandel und Welternährung als zentrale Säule in einem interdisziplinären Forschungsverbund. Doch die Agrar­forschung ist weder in Deutschland noch weltweit den an sie gestellten Anforderungen gewachsen. Anstatt die For­schung auszubauen und um neue Themenfelder wie Anpassung an den Klimawandel, klimafreundliches Wirt­schaften etc. zu erweitern, wird sie seit Jahren zusammen­gekürzt – und das weltweit. So lautet eine der Forderun­gen des Weltagrarberichts, der ja von UN und Weltbank unterstützt wurde: Rücknahme der Kürzungen bei der Forschung.

Der Antrag der Linken spricht in der Tat viele Punkte an, die im Argen liegen. Sowohl mit der Analyse der Situation der Agrarforschung in Deutschland als auch mit den For­derungen stimmen wir Bündnisgrüne in großen Teilen überein. Eine ressortübergreifende Koordinierung und bessere Vernetzung der agrarwissenschaftlichen Instituti­onen sind ebenso notwendig wie die Förderung des wis­senschaftlichen Nachwuchses. An der Neustrukturierung der Agrarressortforschung hatten wir Grüne seinerzeit ausdrücklich kritisiert, dass weniger die zu lösenden Auf­gaben als das begrenzte Budget Motor für die Verände­rungen war. Insofern könnte eine Evaluation der bisher umgesetzten Maßnahmen noch zu einer Verbesserung im Bereich der Agrarforschung führen. Dass für eine quali­tative und quantitative Verbesserung der agrarwissen­schaftlichen Lehr- und Ausbildung eine verbesserte Ko­ordinierung und Standardisierung der Lehrinhalte nötig ist, sehe ich nicht. Vielmehr lebt die interdisziplinäre For­schung durch die unterschiedliche Schwerpunktsetzung. Wir sollten das als Chance und nicht als Problem sehen.

Lassen Sie mich noch einmal zusammenfassen, worum es uns Grünen geht: Wir wollen den Ausbau der For­schung und neue Herausforderungen in bereits vorhan­dene oder neu zu begründende Forschungsfelder aufneh­men. Eine nachhaltige, das heißt zukunftsorientierte Landwirtschaft braucht ein höheres Forschungsbudget. Und die Agrarforschung braucht die strukturelle Einbet­tung in einen interdisziplinären Forschungsverbund zur Landnutzung, der die aktuellen Fragen, die uns Klima­wandel und Bevölkerungswachstum stellen, beantwortet.

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