Bundestagsrede von Markus Kurth 28.05.2009

Delfinschutz

Undine Kurth (Quedlinburg) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Delfine sind aus vielfältigen Ursachen in ihrem Bestand weltweit bedroht und gehören daher zu Recht zu den besonders geschützten Meeressäugetieren. Durch Meeresverschmutzung, Überfischung und Klimawandel verlieren sie Lebensräume. Darüber hinaus sterben jährlich etwa 300 000 Wale und Delfine als Beifang in Fischereinetzen und werden zudem auch noch gezielt gejagt, um lebende Tiere zu bekommen.

Diesen Wildfang von lebenden Delfinen erachtet der Aktionsplan für Wale und Delfine 2002–2010 der Weltnaturschutzorganisation IUCN als eine potenzielle Bedrohung für das Überleben der wild lebenden Kleinwalpopulationen, und es gilt zu klären, wie man diesem Wildfang begegnen kann.

Die erhöhte Nachfrage nach Delfinen ist unter anderem auch durch die noch immer betriebenen Delfinarien zu erklären. Nachdem in den 1990er-Jahren die Mehrzahl der Delfinarien in Deutschland bereits geschlossen wurde, nahm das Interesse an ihnen seit dem Aufkommen der sogenannten Delfintherapie wieder zu. Bis heute konnten jedoch die therapeutischen Erfolge nicht wissenschaftlich nachgewiesen werden. Im Gegenteil wird darauf verwiesen, dass Therapien mit domestizierten Tieren, welche wesentlich kostengünstiger und zudem artgerechter durchführbar sind. Delfintherapien werden daher auch nicht vom Gemeinsamen Bundesausschuss anerkannt.

Die Dachorganisation der Mensch-Tier-Organisationen, IAHAIO, hat auf ihrem Weltkongress in Prag bereits 1998 eine Deklaration verabschiedet, wonach tiergestützte Therapien nur unter eng umschriebenen Rahmenbedingungen stattfinden sollen. Der Schutz der Tiere vor Übernutzung muss dabei ebenso sichergestellt werden wie die Sicherheit der Patienten. Nachdrücklich spricht sich die IAHAIO gegen den Missbrauch von Wildtieren – namentlich von Delfinen – zu sogenannten therapeutischen Zwecken aus.

Da Delfine hohe Anforderungen an Unterbringung, Fütterung und Beschäftigung stellen, sind diese intelligenten Meeressäuger in Gefangenschaft besonders schwer zu halten und leiden unter den Bedingungen der Gefangenschaft. Die Einrichtung der Gehege und Becken ist nicht an den Bewegungs-, Ruhe-, Schutz- und Ernährungsbedürfnissen sowie an den sonstigen essenziellen Verhaltensweisen der Tiere ausgerichtet. Dies ist überhaupt nicht möglich, da Delfine in Freiheit sehr weite Strecken schwimmen, täglich mehrfach in große Tiefen tauchen und sich über Echolot orientieren. Nachzuchten in Gefangenschaft gelingen daher so gut wie nie. Demzufolge müssen Delfinarien ihren „Bestand“ immer wieder durch Wildfänge „ergänzen“, was allen Artenschutzvorgaben widerspricht.

Bündnis 90/Die Grünen fordern daher in ihrem Antrag „Die Gefangenschaft von Delfinen unverzüglich beenden“ – Drucksache 16/9102 – die Bundesregierung unter anderem auf, Delfine und ihre Lebensräume verstärkt zu schützen, engagiert gegen den Lebendfang zu kämpfen, sich öffentlich gegen die Haltung von Delfinen in Gefangenschaft auszusprechen, sich auf europäischer und internationaler Ebene aktiv gegen die illegale Einfuhr von in freier Wildbahn gefangenen Delfinen und Walen einzusetzen, die Einfuhr von Delfinen nach Deutschland sowie den Handel mit Delfinen zu verbieten, die Haltung von Delfinen in Gefangenschaft – mit entsprechenden Übergangsregelungen – zu verbieten.

Hintergrund unseres Antrages ist auch die Tatsache, dass immer noch viele Tiere aus Wildfängen illegal nach Europa eingeführt werden. Der Zustand zahlreicher Populationen von Großen Tümmlern und Weißwalen, insbesondere jener, die vom Lebendfang für Delfinarien betroffen sind, ist bedenklich und ihre Erhaltung gefährdet. Die Neuerrichtung von Delfinarien und die dadurch notwendige Versorgung der Anlagen mit „frischen“ Delfinen und Walen erhöhen den Druck auf weitere Einfuhren wild gefangener Tiere.

Zu dem von der großen Koalition vorgelegten Antrag „Delfinschutz voranbringen“ – Drucksache 16/12868 – ist zu sagen: Wir freuen uns, dass sich die Koalition tatsächlich noch dieses Themas angenommen hat, nachdem in monatelangen Verhandlungen leider kein fraktionsübergreifender Antrag zustande kommen konnte. Doch leider geht der Koalitionsantrag in seinen Zielen und Forderungen definitiv nicht weit genug, um die Gefangenschaft von Delfinen zu beenden und für die derzeit noch in Deutschland befindlichen Delfine die Haltungsbedingungen deutlich zu verbessern.

So fordert die Koalition in ihrem Antrag lediglich die Stärkung bestehenden Rechts und den Einsatz gegen die illegale Einfuhr von in freier Wildbahn gefangener Delfine – das ist zwar richtig und gut, aber nichts Neues – und außerdem – und diesen Vorstoß begrüßen wir prinzipiell – die Anpassung der Haltungsanforderungen für Delfine im Rahmen des Säugetiergutachtens. Positiv ist, dass das bearbeitende Expertengremium paritätisch mit Fachkräften der Zoobranche, Tierschutzorganisationen und unabhängigen Gutachtern besetzt sein soll.

Inwiefern die Umsetzung der Forderungen des Antrages tatsächlich den Delfinschutz und die Haltung der Delfine in Deutschland verbessern kann und ob die Große Koalition tatsächlich Wort hält und ihre eigenen Forderungen umsetzt, bleibt dahingestellt. Zu einer Beendigung der Haltung von Delfinen in Deutschland – die wir fordern – wird er jedoch nicht führen. Um jedoch ein Signal zu setzen, lehnen wir Ihren Antrag nicht ab, sondern enthalten uns.

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