Bundestagsrede von Monika Lazar 06.05.2009

Diskriminierungen im Fußballsport

Monika Lazar (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Wenn wir über Fußball reden, dann sprechen wir über eine der beliebtesten Freizeitaktivitäten hierzulande. Die Zahlen sprechen für sich: Im Deutschen Fußball-Bund sind über 6 Millionen Mitglieder in mehr als 25 000 Vereinen organisiert. Allein in der 1. und der 2. Bundesliga verfolgten 17 Millionen Fans die Spiele der letzten Saison.

Daneben können seit Jahren die negativen Begleiterscheinungen des Fußballs beobachtet werden. Leider werden immer wieder Spieler und Anhänger oder -innen Opfer von diskriminierenden Äußerungen und gewalttätigen Auseinandersetzungen. Gemeinsam mit den Vereinen, Verbänden und Fans wurden Initiativen gegen diese gesellschaftlichen Phänomene angeregt, welche die integrative Wirkung des Fußballs wieder stärken sollen. Die Aufgabenlage ist gesamtgesellschaftlicher Natur. Die Politik ist aufgerufen, ihren Teil zur Lösung beizutragen.

In den letzten Monaten besuchten wir, die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, zahlreiche Fanprojekte. Unter dem Titel "Rote Karte für Gewalt und Intoleranz im Stadion" informierten wir uns über die aktuelle Lage in den jeweiligen Fußballszenen und die Arbeit der örtlichen Fanprojekte. Die ganze Fülle an Informationen ist Inhalt des hier behandelten Antrages.

Wissenschaftliche Untersuchungen und die Aussagen von Multiplikatoren aus der Praxis belegen, dass in den letzten Jahren diskriminierendes sowie neonazistisches Verhalten der Fans zumindest in den Profiligen rückläufig ist. Diese Entwicklungen sind erste Anzeichen für den Erfolg von zahlreichen Antidiskriminierungskampagnen, wie beispielsweise der Kampagne "Gegen Diskriminierung im Fußball". Darin erklären sich die teilnehmenden Vereine und Verbände bereit, aktiv gegen jede Form von Diskriminierung vorzugehen. Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass dazu neben den bekannten Formen wie Rassismus und Antisemitismus beispielsweise auch Sexismus, Homophobie und Antiziganismus gehören.

So erfreulich die Entwicklungen der Verhaltensweisen von Fans in den Top-Ligen sind, muss an die unverändert hohen Quoten von Menschen, bei denen diskriminierende Einstellungen zum manifesten Bestandteil der eigenen Identität gehören, erinnert werden. Der Fußball als Brennglas der Gesellschaft ist davon ebenso betroffen. Die bereits genannten negativen Verhaltensweisen treten verstärkt in den unteren Ligen auf. Die antisemitisch motivierten Beleidigungen gegenüber den Spielern des Vereins TuS Makkabi Berlin stimmen nachdenklich. Die verhältnismäßig geringe Berichterstattung in den Medien sowie ein eher bescheidenes Interesse der jeweiligen Fußballverbände an derartigen Vorkommnissen dürfen über die vermutete Dunkelziffer nicht hinwegtäuschen. Darüber hinaus sind im Jugend- und Amateurbereich Neonazis aktiv, die an diese Einstellungsmuster andocken können. Durch eine Unterwanderung von Vereinen oder das Gründen eigener Clubs wird der Versuch unternommen, neonazistische Ideologie zu vermitteln.

Weitere Aspekte, die bei unserer Vorortreise immer wieder erwähnt wurden, waren die Gewalt der Fans und die Repression gegenüber diesen. Schon in den Anfangszeiten des modernen Fußballs gab es Gewalt. Das liegt unter anderem an seiner männerdominierten Milieustruktur und an den klaren Feindbildern, die er bietet. Dennoch war lange Zeit ein Rückgang von gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Fangruppen zu verzeichnen. Die Ursachen hierfür lagen in den sozialpädagogischen und ordnungspolitischen Maßnahmen, die im Nationalen Konzept Sport und Sicherheit - NKSS - formuliert wurden. Aber die Gewalt in und um die Stadien ist weiterhin virulent. In der Szene der aktiven Fußballfans, die derzeit maßgeblich durch die Ultrakultur bestimmt wird, entwickelt sich ein neues Feindbild. Die Polizei steht im Fokus der Kritik. Der Spieltag für einen "aktiven" Fan der oberen Ligen wird begleitet durch eine massive Präsenz der Polizei, Videoüberwachung in den Stadien und eine eingeschränkte Bewegungsfreiheit in den Städten bei Auswärtsspielen. Ebenso bestätigen Vertreter der Fansozialarbeit die teilweise unverhältnismäßigen und massiven Polizeieinsätze. Maßnahmen der Ordnungsdienste im Einlassbereich, wo sich Fans mitunter komplett entkleiden müssen, um die Mitnahme von Pyrotechnik ins Stadion zu unterbinden, ergänzen das Negativbild. Es stellt sich die Frage, ob die bürgerlichen Grundrechte auch für Fußballfans gelten. Hier bedarf es eines intensiven Dialoges, damit Freiheitsrechte und Sicherheits- und Verwertungsinteressen in Einklang gebracht werden können.

Für eine nachhaltige Verbesserung der Lage und die zunehmende Stärkung der Selbstregulationsmechanismen in den Fanszenen erachten wir eine adäquate Finanzierung der Fanprojektarbeit für unerlässlich. Derzeit werden nur sechs Projekte nach der Vorgaben des NKSS gefördert - ein absolut unhaltbarer Zustand, zumal über den Wert dieser sozialpädagogischen Arbeit kein Zweifel mehr besteht. Hier kann der Bund, wie im Antrag formuliert, durch das Auflegen von Sonderprojekten, die gegen Diskriminierung und Gewalt gerichtet sind, unterstützend eingreifen.

Die im NKSS formulierten ordnungspolitischen Bestimmungen zielen in erster Linie auf die kaum mehr im Stadion präsenten Hooligans. Diese Maßnahmen auf die neue Ultrabewegung anzuwenden, könnte diese Szene zunehmend radikalisieren. Daher regen wir zum gemeinsamen und institutionalisierten Dialog zwischen den gesellschaftlichen Gruppen an. Der Aufbau einer Ombuds- oder Clearing-Stelle, die unbürokratisch zwischen Fans, Verbänden, Vereinen, Fanprojekten und Sicherheitsbehörden, beispielsweise bei Stadionverboten, vermitteln kann, wäre ein weiterer wichtiger Schritt in Richtung konfliktlösender Verständigung.

Darüber hinaus fordern wir die Einrichtung einer "Antidiskriminierungsstelle Sport". Gesellschaftliche Phänomene wie Diskriminierung und Neonazis müssen auch weiterhin im Profifußball wie im Jugend- und Amateursport thematisiert werden. Es bedarf der verstärkten Unterstützung von Faninitiativen, die oftmals die ehrenamtlichen Seismografen in den jeweiligen Fanszenen darstellen und nicht selten Pioniere in der Antidiskriminierungsarbeit waren und sind. Im Breitensport können gewaltpräventive und antidiskriminierende Programme, wie sie bereits in einigen Bundesländern existieren, dafür Sorge tragen, dass die DFB-Vorgaben gegen Diskriminierung auch bis in die untersten Ligen vermittelt werden. Das gemeinsame Interesse aller Akteure sollte ein friedliches und tolerantes Stadion sein, gleichsam Freiraum und Erlebnisbereich für alle Gäste und Aktiven des Sports.

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