Bundestagsrede von Katja Dörner 16.12.2010

Gesundes Aufwachsen für Kinder

Katja Dörner (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Was sind die zentralen gesundheitsbezogenen Faktoren und Rahmenbedingungen für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen in der heutigen Zeit? Der 13. Kinder- und Jugendbericht gibt Antworten, zeigt Problembereiche auf und stellt gleichzeitig klar, dass die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen weitreichende Bezüge über den Kontext medizinischer Problemstellungen hinaus hat.

Dieser 13. Kinder- und Jugendbericht ist einzigartig in mehrfacher Hinsicht: Erstmals werden alle Kinder und Jugendlichen in Deutschland, mit und ohne Behinderungen, in den Blick genommen. Erstmals werden im Kinder- und Jugendbericht die Schnittstellen zwischen Kinder- und Jugendhilfe, Gesundheitshilfe und Behindertenhilfe berücksichtigt. Erstmals werden richtungsweisende Konzepte wie Salutogenese und Befähigungsgerechtigkeit als Basis für eine gelingende Gesundheitsförderung nutzbar gemacht.

Es ist gut, die Situation der Kinder und Jugendlichen durch Kinder- und Jugendberichte regelmäßig in den Mittelpunkt der parlamentarischen Debatte zu stellen. Aber ich möchte kritisch festhalten: Dieser Bericht hätte schon in der letzten Wahlperiode diskutiert werden müssen, denn so lange liegt er bereits vor. Viel Zeit ist ins Land gegangen, ohne dass Ergebnisse reflektiert, kritisch diskutiert oder tragfähige Konzepte entwickelt wurden.

Umso wichtiger ist es, jetzt genau dies und noch mehr zu tun. Es reicht längst nicht mehr, den Sachstand der Fachdiskussion wiederzugeben. Der Bericht sagt ganz klar: Es gibt großen Nachholbedarf bei der Gesundheitsprävention, es gibt Versorgungsbrüche zwischen den Systemen und zu viele Projekte und zu wenig integrierte Regelangebote. Die Bundesregierung ist in der Pflicht, diesen Prozess in Gang zu setzen. In unserem Antrag gibt es Vorschläge, wie zu verfahren ist und welche Konsequenzen gezogen werden müssen.

Positiv ist: Den meisten Kindern in Deutschland geht es gut. Aber es muss uns alarmieren, dass Kinder und Jugendliche, die auch in anderen Bereichen abgehängt sind, auch im Gesundheitsbereich Nachteile haben. Beispielsweise Kinder mit Behinderungen, Jugendliche mit Migrationshintergrund oder Kinder mit Traumaerfahrung. Gerade da besteht Handlungsbedarf.

So gibt es zum Beispiel schon seit einigen Jahren die kontrovers geführte Diskussion darüber, alle Leistungen für alle Kinder und Jugendlichen im SGB VIII zu konzentrieren und Synergieeffekte zu nutzen, die sogenannte Große Lösung. Angeregt hat die Bundesregierung in ihrer Stellungnahme genau diese einheitliche Verantwortung für alle Kinder und Jugendlichen in der Zuständigkeit der Jugendhilfe. Die ist angesichts der vor einem Jahr ratifizierten UN-Behindertenrechtskonvention auch nur konsequent. Denn Kinder sind vor allem Kinder und nicht Behinderte oder Nicht-Behinderte. Was ist in den 19 Monaten seit Veröffentlichung der Stellungnahme passiert, wie viele Ressourcen haben die zuständigen Ministerien in die Erarbeitung von Lösungsvorschlägen investiert? Wenig bis nichts.

Problematische Gesundheitsentwicklungen bei jungen Menschen sind gekennzeichnet durch eine deutliche Zunahme chronischer und psychosomatischer Erkrankungen und Entwicklungsstörungen. Die Frage nach Ursachen und vor allem auch nach möglichen wirksamen Strategien zur Vorsorge rückt viel zu oft in den Hintergrund. Genau darum muss es aber gehen, wenn wir Gesundheit und Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen verbessern wollen. Folgerichtig fordert der Kinder- und Jugendbericht insbesondere eine Verbesserung des Zusammenwirkens der drei Systeme Kinder- und Jugendhilfe, Gesundheitswesen und Behindertenhilfe ein. Er macht auch deutlich, dass es zwar gute Konzepte zur Prävention und Gesundheitsförderung gibt, die bestehenden Angebote jedoch in der Praxis nicht ausreichend und befriedigend miteinander koordiniert und abgestimmt sind. Deswegen bleiben sie hinter ihren Möglichkeiten zurück.

Wie unterstützt die Bundesregierung beispielsweise die Etablierung des Setting-Ansatzes für den Kita-Bereich, um gesundheitsfördernde Ressourcen zu identifizieren und zu stärken? Über die Schaffung gesundheitsgerechter Verhältnisse könnte die gesundheitliche Situation der Kinder und Eltern nachhaltig verbessert werden. Möglich wäre, unter aktiver Einbeziehung aller Beteiligten die jeweiligen Gesundheitspotenziale im Kita-Bereich zu ermitteln und im Setting einen Prozess geplanter organisatorischer Veränderungen anzuregen. Doch die Ministerin ist Antworten schuldig geblieben.

Bund, Länder und Kommunen tragen gemeinsam die Verantwortung für das gesunde Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen. Ein erster Schritt, dieser Verantwortung für das gesunde Aufwachsen gerecht zu werden, könnte die Einrichtung eines koordinierten Bund-Länder-Arbeitskreises sein, der eine gesundheitsförderliche Gesamtstrategie für Kinder und Jugendliche entwickelt und umsetzt.

Die Kinder- und Jugendhilfe kann und soll nicht gesundheitliche Präventionsaufgaben des Gesundheitssystems übernehmen. Aber sie braucht kontinuierliche Angebote, fachliche Standards und Evaluation der Praxis. Eine gesundheitsfördernde Gesamtstrategie, die die Potenziale der Jugendhilfe nutzt und stärkt, ist längst überfällig. Dieser Aufgabe muss sich die Bundesregierung endlich ernsthaft widmen. Vielen Dank.
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