Bundestagsrede von 02.12.2010

Aktuelle Stunde "Zukunft des wissenschaftlichen Nachwuchses"

Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:

Das Wort hat die Kollegin Krista Sager von Bündnis 90/Die Grünen.

Krista Sager (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Herr Braun, Sie haben richtig festgestellt, dass unser wissenschaftlicher Nachwuchs Spaß an der wissenschaftlichen Arbeit hat. Aber das muss er nicht an deutschen Hochschulen machen. Das muss er noch nicht einmal in Deutschland machen. Sie haben offensichtlich überhaupt keine Ahnung, wie es für den wissenschaftlichen Nachwuchs an deutschen Hochschulen inzwischen aussieht.

(Widerspruch bei der CDU/CSU)

Befristete Arbeitsverhältnisse, Teilzeitarbeit, nebenberufliche Tätigkeit, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, und zwar für Leute, die Daueraufgaben in Forschung und Lehre leisten – das ist inzwischen der Normalfall. Für einen wirklich guten Postdoc gibt es kaum Möglichkeiten, durch den engen Karriereflaschenhals zu einer ordentlichen Professur zu kommen. Auf 30 Promovierte kommen 3 Habilitierte und eine ordentliche Professur.

(Dr. Petra Sitte [DIE LINKE]: Ja!)

Sie weisen darauf hin, dass wir so viele Graduiertenprogramme haben. Durch diese wird doch der Druck auf diesen engen Flaschenhals nur größer. Dadurch wird das Problem nicht gelöst.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

Sie haben für den wissenschaftlichen Nachwuchs überhaupt keine Berechenbarkeit, überhaupt keine Planbarkeit der Karriere geschaffen. Im Gegenteil: Der wissenschaftliche Nachwuchs läuft heute Gefahr, dass er im fünften Lebensjahrzehnt immer noch befristete Stellen hat, immer noch als Nachwuchs gilt und am Ende als Überqualifizierter und Gescheiterter im beruflichen Nirwana landet. Das kann doch nicht die Perspektive in unserem Wissenschaftssystem sein.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

Viele deutsche Postdocs arbeiten in den USA. Sie würden liebend gerne nach Deutschland zurückkommen; aber das ist für sie ein Hochrisikounternehmen. Wenn man in den USA ein guter Postdoc ist, nützt es einem nichts, wenn man gesagt bekommt, man könne auch bei uns Postdoc werden. Die Postdocs wollen wissen, was danach kommt. Herr Schulz hat recht, wenn er sagt, dass die Familiengründung in dieser Lebensphase eher schwierig ist.

(Beifall des Abg. Dr. Ernst Dieter Rossmann [SPD])

Es geht hier nicht um ein individuelles Problem einiger Hochqualifizierter, sondern um die Frage, wie attraktiv der wissenschaftliche Beruf in Deutschland ist. Dies betrifft nicht nur unsere Hochschulen und unsere außeruniversitären Forschungseinrichtungen, sondern dies ist ein existenzielles Problem unseres Wissenschaftssystems insgesamt. Es geht um dessen Wettbewerbsfähigkeit und Qualität in der Zukunft. Die Bundesregierung reagiert darauf mit Realitätsverweigerung. Wir haben eine Kleine Anfrage gestellt. Sie haben auf unseren Hinweis auf die rasante Zunahme von befristeten und nebenberuflichen Beschäftigungsverhältnissen noch am 10. November dieses Jahres geschrieben, dass die Beschäftigungsverhältnisse Ihrer Auffassung nach attraktiv und konkurrenzfähig sind.

Wenn man Bund, Länder und auch einen Teil der Wissenschaftsorganisationen betrachtet, sieht man, dass Wegschauen oder kollektive Verantwortungslosigkeit – man schiebt sich den Schwarzen Peter für das Problem gegenseitig zu – herrschen. Ich glaube, es ist überfällig, dass Bund, Länder und Wissenschaftsorganisationen die Fragen nach den Arbeitsbedingungen für hauptberufliche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an den Hochschulen in Deutschland und nach den Perspektiven unseres wissenschaftlichen Nachwuchses gemeinsam ganz oben auf die Tagesordnung setzen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

Dieses Problem ist weder beim Hochschulpakt, also dem Pakt für mehr Studienplätze, noch beim Pakt für Forschung und Innovation angesprochen worden. Die Grundfinanzierung in den Ländern bricht weg. Die Drittmittelfinanzierung des Bundes kann das nicht kompensieren. Wir haben dadurch eine rasant ansteigende Zahl befristeter Beschäftigungsverhältnisse. Die Personalstruktur ist im internationalen Vergleich extrem ungünstig: 14 Prozent ordentliche Professuren und darunter Nachwuchs und unselbstständiger Mittelbau mit unklaren Perspektiven in befristeten Beschäftigungsverhältnissen. Mit einer solchen Personalstruktur können wir in Deutschland nicht weiter erfolgreich sein im Wettbewerb um die besten Köpfe.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Deswegen sage ich Ihnen: Wir brauchen jetzt ganz dringend einen Pakt für den wissenschaftlichen Nachwuchs, einen Pakt für die Zukunftsperspektiven der hauptberuflichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Wir brauchen Änderungen im Wissenschaftszeitvertragsgesetz. Es hat nicht die gewünschten Ziele erreicht. Es ist gescheitert; das muss man heute anerkennen. Wir brauchen wissenschaftsgerechte Bedingungen. Wenn wir das nicht schaffen, wird uns der demografische Wandel böse einholen. Die jungen Leute sind heute viel internationaler orientiert, als es noch vor 20 Jahren der Fall war. So werden wir die besten Köpfe weder für die Wissenschaft gewinnen noch sie hier halten können.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN)
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