Bundestagsrede von Uwe Kekeritz 10.06.2010

Fußball-Weltmeisterschaft - Chance für Südafrika

Uwe Kekeritz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Davor können wir Deutsche uns kaum schützen: Sobald es um die Fußballweltmeisterschaft geht, tritt bei den Jüngeren das Sommermärchen 2006 ins Gedächtnis, und ältere Semester erinnern sich an 1954 oder zumindest an die Erzählungen daran. Das morgen beginnende Fest wird vermutlich wieder weit mehr als eine Milliarde Menschen in seinen Bann ziehen, und wir wünschen uns alle, dass damit ein Sommermärchen 2010 beginnt.

Es stellt sich allerdings die Frage, ob das Fest in der Lage sein kann, unser oftmals sehr negativ geprägtes Bild von Afrika zu überlagern. Afrika hat einen Anspruch darauf, dass wir diesen Kontinent differenziert betrachten. Leider haben sich bei uns über Jahre hinweg Klischees vom verlorenen, hoffnungslosen Schwarzen Kontinent verfestigt. Zum Teil ist dies verständlich, oftmals hat es allerdings mit den Realitäten in den 53 unterschiedlichen Staaten nur wenig zu tun.

Afrika ist schon lange mehr als eine entwicklungspolitische Herausforderung, denn das Afrika von heute ist in Bewegung. Das zeigt zum Beispiel die Gründung der Afrikanischen Union und eine Vielzahl von regionalen Entwicklungsinitiativen. Auch gibt es immer mehr demokratische Wahlen. Bei Reisen nach Afrika kann man heute fast überall deutlich vernehmen: Afrika entwickelt ein positives Selbstbewusstsein. Die vielen Menschen dort haben erkannt, dass Afrika sein Schicksal selbst in die Hand nehmen und kann und muss. Dabei dürfen wir unsere historisch begründete Verantwortung nicht außen vor lassen.

Die Weltmeisterschaft ist zweifellos geeignet, diese positive Entwicklung zu verstärken. Der WM-Titel 1954 hat auf die ganze deutsche Nation durchaus positiv gewirkt, hat die Verkrampfung gelöst und das Selbstbewusstsein gestärkt. Die Afrikaner sind im Allgemeinen genauso fußballverrückt. Deshalb könnte Ähnliches passieren.

Aber verschließen wir trotzdem nicht die Augen vor den negativen Realitäten: Tatsächlich relevante wirtschaftliche Verbesserungen von der Fußballweltmeisterschaft zu erhoffen, wäre angesichts der Probleme, mit denen Südafrika zu kämpfen hat, vermessen: Noch nie seit dem Ende der Apartheid-Ära 1994 hat es in den Städten so viele Proteste gegen die schlechte öffentliche Versorgung und die Korruption auf lokaler und nationaler Ebene gegeben. Die inoffizielle Arbeitslosenquote liegt bei 40 Prozent, es geschehen im Schnitt 50 Morde am Tag, 21 Prozent der erwachsenen Bevölkerung ist HIV-positiv und 70 Prozent der Kinder leben in Armut. Die Probleme sind jedoch nicht nur wirtschaftlich: Seit dem Mord an dem ultrarechten weißen Politiker Terre'Blanche am 3. April dieses Jahres geht das Gespenst des Rassenkonflikts wieder um. Julius Malema, der 29-jährige Chef der ANC-Jugendliga, hat das alte Kampflied "Bringt die Buren um, sie sind Vergewaltiger" wieder ausgepackt und ist damit zu einem der beliebtesten Politiker des Landes aufgestiegen. Rassismus ist in Südafrika weit verbreitet. Pretoria leugnet die Fremdenfeindlichkeit, obwohl im Frühjahr 2008 bei einer Hetzjagd auf Arbeitsimmigranten 60 Menschen zu Tode kamen. Zigtausende wurden aus Südafrika vertrieben.

Mit großer Traurigkeit müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass Mandelas hervorragende Ansätze zur Versöhnung nach seinem politischen Abgang nicht intensiv genug weiter verfolgt wurden. Die Gründe hierfür liegen zum Teil auch in unserer Verantwortung. 1993 hat der IWF Pretoria gezwungen, Schulden in Höhe von 25 Milliarden Euro zu übernehmen. Dieses Geld war Geld von Weißen für Weiße. Gleichzeitig wurde Südafrika ein neoliberales Wirtschaftsmodell aufgezwungen, das heißt weitgehende Privatisierung von Staatsvermögen. Der persönliche Reichtum ist zur Triebfeder der politischen Kaste geworden.

Wenn wir uns die Verhandlungen zu einem Wirtschaftspartnerschaftsabkommen zwischen der EU und dem südlichen Afrika oder das bestehende Freihandelsabkommen zwischen der EU und Südafrika anschauen, können wir feststellen, dass die EU und damit auch Deutschland auch heute noch der Logik der bedingungslosen Liberalisierung von Handelsbeschränkungen frönt. Nur ein Beispiel für die negativen Auswirkungen einer solchen Handelspolitik sind Hähnchen. Wir erinnern uns ja, wie berechnend und unverantwortlich wir die Hähnchenmast in Ghana und Kamerun mit unseren subventionierten, billigen Hähnchenteilen zerstört haben. Im Handelsabkommen mit Ghana sind Hähnchenteile nun nach massiven Protesten von der Liberalisierung ausgenommen; im südlichen und östlichen Afrika drohen hingegen weiterhin lokale Märkte zerstört zu werden.

Ich habe positiv begonnen, und ich möchte meine kleine Rede auch positiv beenden: Die Fußballweltmeisterschaft kann schaffen, was im Alltag vieler Südafrikaner noch die Ausnahme ist: Begegnungen zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Arm und Reich, nicht als Bergarbeiter oder Dienstmädchen, nicht als Hausherr oder Managerin, sondern schlicht als Fußballfans. 1995 gab der Slogan "One team – one country" bei der damaligen Rugby-Weltmeisterschaft in Südafrika den Startschuss in eine weltweit beachtete und sehr erfolgreiche Versöhnungsarbeit. Nelson Mandela gelang es damals, die Weltmeisterschaft zu nutzen, um die noch kurz vorher durch die Apartheid gespaltene Nation zu einen. Dies zeigt auch die Chancen dieser WM für Südafrika. 1995 wurde das südafrikanische Rugby-Team übrigens Weltmeister.

343512