Bundestagsrede von Manuel Sarrazin 04.03.2010

Strategie Europa 2020

Vizepräsidentin Gerda Hasselfeldt:

Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen erteile ich das Wort dem Kollegen Manuel Sarrazin.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Manuel Sarrazin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Ich muss in meiner kurzen Redezeit eines klarstellen: Es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen den Fraktio­nen der FDP und der CDU/CSU und zwischen uns. Sie wollen gar kein soziales Europa.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)

Es steht im Koalitionsvertrag ausdrücklich, dass Sie kein soziales Europa wollen. Da helfen auch Schönwetterre­den nicht. Sie, Frau Molitor, sprechen davon, dass wir eine engere Zusammenarbeit brauchen. Das finde ich gut.

Wir hatten in der letzten Woche eine tolle Ausschuss­sitzung. In dieser Sitzung habe ich das Auswärtige Amt gefragt, ob die Handschrift der Bundesregierung in der Mitteilung der Kommission zu erkennen ist. Der kompe­tente Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes hat daraufhin gesagt, er könne beim besten Willen nicht wissen, was in der Kommissionsmitteilung enthalten sei. Zwei Tage später und noch vor der Veröffentlichung erfahren wir von einem Brief, den die Bundeskanzlerin Merkel an Barroso geschrieben hat, in dem sie davon spricht, die engere Koordinierung, die vorhin Frau Molitor ange­sprochen hat, gehe nicht und sei mit ihr nicht abgespro­chen gewesen. Da frage ich mich wirklich, ob Sie das, was Sie uns hier erzählen, selber glauben.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)

Mit Blick auf die Strategie "EU 2020" – ich verweise da auf unseren Antrag – müssen wir das Versprechen für ein sozialeres Europa tatsächlich ernst nehmen und dür­fen nicht mit leeren Worthülsen reagieren. Die Grund­rechte dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden, indem beispielsweise das Grundrecht auf Freizügigkeit für einen einfachen Arbeitnehmer plötzlich durch ir­gendeine Sozialklausel beschränkt werden soll. Es darf auch keine Einschränkungen bei den anderen Grund­rechten aus der Grundrechtscharta geben. Wir brauchen tatsächlich konkrete Aussagen und konkrete Handlun­gen, die wir und auch die SPD beschrieben haben.

(Dr. Johann Wadephul [CDU/CSU]: Sie reden nur über Umweltfragen!)

Wenn wir wissen wollen, was die Handschrift der Bundesregierung ist, dann schauen wir doch einmal in die Zeitung, wie Frau Molitor es getan hat. Es wird von "Madame No" gesprochen. Die Financial Times Deutschland schreibt, es bestehe die Gefahr, dass Deutschland die Debatte erstickt. Das ist der Eindruck, der von der Bundesregierung nach Europa transportiert wird. Sie haben nur eine Handschrift: Sie dementieren, Sie diskutieren nicht, sondern Sie ducken sich weg. Am Ende versuchen Sie nur noch, zu verhindern, und sagen: Ich finde das doof. – Das ist kein europäischer Stil, wie er sich gehört. Sie bringen sich nicht proaktiv ein.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Dr. Johann Wadephul [CDU/CSU]: Das ist un­ter Ihrem Niveau!)

Wir führen seit einigen Monaten die Debatte über die­ses Vorhaben der EU. Es gab dazu auch eine Stellung­nahme des Wirtschaftsministeriums. Ich muss sagen, eine solche dünne Stellungnahme habe ich selten gele­sen. Die Stellungnahme des Bundesrates hatte deutlich mehr Inhalt.

Die Konsultationsfrist wurde von Ihnen verschnarcht. Auf unsere Bitte, diese Frist etwas großzügiger zu ge­stalten und sich dafür bei Herrn Barroso einzusetzen, da­mit die Parlamente beteiligt werden können, hat Frau Merkel antworten lassen, das verstehe sie schon, aber es gehe leider nicht. Jetzt heißt es plötzlich, was die Kom­mission vorschlägt, gehe nicht, weil man die nationalen Parlamente einbinden müsse. Entscheiden Sie sich ein­mal! Sie wollen doch nur verhindern, dass endlich nach vorne gegangen wird.

Wir sagen nicht, dass uns das, was die Kommission aufschreibt, genug ist. Natürlich muss man Nachhaltig­keit viel genauer definieren. Natürlich muss Artenviel­falt viel ausführlicher besprochen werden. Natürlich muss das soziale Europa konkreter ausgestaltet werden. Natürlich müssen Sie energischer an Themen wie Kli­maschutz und erneuerbare Energien herangehen. Aber eines kann ich Ihnen sagen: Wer sich in Europa nicht proaktiv mit Gestaltungswillen einbringt, sondern nur mit bösen Briefen, der agiert nicht im Sinne einer stärke­ren Integration und im Sinne einer Lösung der Probleme, die wir jetzt haben. Er agiert letztendlich nicht euro­päisch.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)

Ich kann ja verstehen, dass sich die Bundesregierung im Rat manchmal wie auf einer Insel fühlt. Aber wer bei der derzeitigen Debatte gleichzeitig sagt, man solle die Berichte zur EU 2020 und zum Stabilitätspakt nicht ge­meinsam – im Sinne von zeitgleich – evaluieren, der hat nicht die grundlegenden Lehren aus der Krise von Grie­chenland gezogen.

Die EU-2020-Strategie wird wesentliche Weichen­stellungen vornehmen. Sie ist dabei noch nicht so kon­kret, dass man sie nicht weiter gestalten könnte. Ich habe leider nicht die Hoffnung, dass Sie sie positiv gestalten werden. Ihnen bleibt nur ein Ausweg: Nehmen Sie den Antrag der Grünen und meinetwegen auch den Antrag der SPD an.

Herzlichen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der SPD)

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