Bundestagsrede von Kai Gehring 21.05.2010

Gute Lehre an Hochschulen

Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Gute Studien- und Lernbedingungen entscheiden maßgeblich über ein erfolgreiches Studium. Lehre muss Studierende motivieren und inspirieren, Forschungsinteresse wecken, Kreativität, eigenständiges Denken und wissenschaftliches Arbeiten fördern. Steigende Studierendenzahlen und eine fehlende Finanzierung der Bologna-Reform haben die Lehr- und Betreuungssituation an den Hochschulen aber vielerorts verschlechtert statt verbessert.

Mit durchschnittlich 60 Studierenden pro Professorin oder Professor – in einzelnen Fächern noch deutlich mehr – lässt sich nur schwer eine Lehre organisieren, die den Begabungen, Talenten und der Neugierde des Einzelnen gerecht wird. Gute Lehre darf nicht länger Kür für wenige, sondern muss Anspruch und Realität an allen Hochschulen werden. Wir brauchen von allen Akteuren – im Bund, in den Ländern, an den Hochschulen – gemeinsam getragene Strategien, wie wir für alle Studierenden endlich ein besseres Studium und einen transparenten, mobilitätsfreundlichen europäischen Hochschulraum verwirklichen.

Akzeptanz und Erfolg der Bachelor- und Masterabschlüsse hängen maßgeblich von einem deutlich verbesserten Betreuungsschlüssel ab. Diese Botschaft setzen wir Grüne und die Studierenden schon lange; sie muss endlich von den Wissenschaftsministerinnen und -ministern sowie der Bundesbildungsministerin nicht nur gehört, sondern auch in die Realität übersetzt werden.

Wir Grüne haben bereits in der letzten Legislatur eine umfassende Gesamtstrategie für gute Lehre gefordert und ein Konzept vorgelegt. Es ist traurig, dass fast vier Jahre verstrichen sind, bevor die Ministerin das Thema endlich anpackt. Zu einer Gesamtstrategie für gute Lehre gehört, dass der Hochschulpakt zwischen Bund und Ländern, der massiv unterfinanziert ist und noch nicht einmal die Kosten für unterdurchschnittliche Studienbedingungen trägt, endlich besser ausgestattet wird und dass mehr Studienplätze geschaffen werden.

Seit Monaten kündigt die Bundesministerin nun zwar ein "Qualitätsprogramm für die Lehre" an, dies reicht aber weder finanziell noch strukturell aus, die unzureichende Förderung, Ausstattung und Wertschätzung der Lehre zu überwinden. Schavans vages Bologna-Paket und der vollmundig angekündigte 2-Milliarden-Euro-"Qualitätspakt für die Lehre" drohen nun dem Rotstift der CDU-Ministerpräsidenten zum Opfer zu fallen. Wir brauchen einen Rettungsschirm für Hochschulen, keinen Koalitionskrach über Kürzungen.

Die Bildungsrepublik wird von Koch & Co abgerissen, bevor mit ihrem Bau ernsthaft begonnen wurde. Wer bei Bildungsinvestitionen kürzen will, versündigt sich an jungen Generationen, verhindert Teilhabe, vergeudet Zukunfts- und Innovationsfähigkeit. Nur Länder, die auch in Zeiten desolater Haushaltslagen die Priorität auf ein leistungsfähigeres Bildungs- und Hochschulsystem legen, können aus Krisen gestärkt hervorgehen.

Wenn Ministerin Schavan nicht als Ankündigungsministerin enden möchte, dann muss sie im Schulterschluss mit Kanzlerin Merkel auf dem Bildungsgipfel am 10. Juni einen festen Fahrplan für eine Reform der Bologna-Reform vereinbaren und einen echten Qualitätspakt für die Lehre schließen. Schavan darf die Studien- und Lehrreform nicht allein den Ländern oder Hochschulen überlassen, sondern muss ihrer Verantwortung als Bundesbildungsministerin gerecht werden.

Wir fordern von der Bundesregierung in Zusammenarbeit mit den Ländern ein verlässliches Gesamtkonzept zur Sicherung guter Lehrqualität. Zentrale Elemente sind eine dritte Säule im Hochschulpakt und ein Bundeswettbewerb für herausragende und innovative Lehre. Durch die dritte Säule sollen Bundesmittel zielgenau an die Hochschulen fließen für Professuren und Junior-Professuren mit dem Schwerpunkt Lehre, für Tutorien und Mentoring-Programme sowie für didaktische Fort- und Weiterbildung, Zentren für Fachdidaktik und für Personalmanagement, Qualitätssicherung sowie Lehrorganisation an den Hochschulen.

Nach all dem Gegenwind aus den Ländern hat Bundesministerin Schavan nun statt eines umfassenden Konzepts zur Stärkung der Lehre eine "Akademie für gute Lehre" angekündigt. Diese Idee halten wir für verfehlt und eindeutig zu kurz gesprungen. Durch die Einrichtung einer "Akademie" will die Bundesministerin nur die Mitsprache der Länder umgehen, indem sie die Hochschulen direkt beteiligt. Das ist keine tragfähige Lösung. Außerdem würde das, was die Ministerin bislang lediglich skizziert hat, mit großer Wahrscheinlichkeit dazu führen, dass die Förderung nicht an der Zahl der Studierenden ausgerichtet würde, sondern nur einige Hochschulen die Mittel unter sich aufteilten. Unser Vorschlag einer dritten Säule im Hochschulpakt bindet alle Verantwortlichen mit ein und leitet die Mittel zielgerichtet dort hin, wo sie gebraucht werden.

Mit unserer Gesamtstrategie sorgen wir dafür, allen Studierenden eine gute Lehre zu garantieren sowie die Einheit von Forschung und Lehre zu stärken statt aufzukündigen. Wir wollen die Reputation und Anerkennung von Lehre stärken und sie damit perspektivisch endlich auf Augenhöhe mit der Forschung bringen. Denn gute Lehre muss sich lohnen, sie braucht mehr Wertschätzung und klare Struktur- und Finanzentscheidungen der Politik. Daher bitte ich Sie: Stimmen Sie unserem Antrag zu.
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