Bundestagsrede von Sylvia Kotting-Uhl 06.05.2010

Kernfusionsforschung

Sylvia Kotting-Uhl (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Große Ideen üben große Faszination aus: als Mensch die Kraft der Sonne beherrschen, Grenzen überwinden und gemeinsam, ja völkerverbindend, für ein großes Ziel forschen. Es ist ja nachvollziehbar, dass die damit Befassten solche Träume nicht den schnöden Realitäten opfern wollen. Aber wir hier im Bundestag müssen uns den Realitäten stellen. Wir müssen nicht nur über die zukünftige Energiestruktur, die Maßnahmen zum Klimaschutz entscheiden, wir sind auch verantwortlich, mit den Steuergeldern unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger redlich umzugehen.

Tatsächlich ist die Fusionsforschung nichts als eine unendliche Geschichte von Versprechen. Schon in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts glaubte man, die Kernfusion in 20 bis 30 Jahren für die Energienutzung verfügbar machen zu können. Dieses durch alle Jahrzehnte wiederholte Versprechen auf eine Zukunftsoption ist unter Naturwissenschaftlern als Fusionskonstante bekannt: Es bleibt in der näheren Zukunft, ist zum Greifen nah; nur ein paar wissenschaftliche Wunder fehlen zum Durchbruch.

Bisher gibt es kein Material, was radioaktives und krebserregendes Fusionsplasma zurückhalten kann. Durch freigesetzte Neutronen wird im Inneren des Reaktors auch die Hülle, das sogenannte Blanket, radioaktiv kontaminiert und brüchig und muss immer wieder ausgetauscht werden. Damit sind radioaktive Kontamination und strahlende Abfälle eines der Hauptprobleme dieser Technologie. Ein Drittel dieses Atommülls wäre langlebig und müsste in ein geologisches Endlager. Der Traum von "unendlich viel Energie" hat jedenfalls die typischen Begleiterscheinungen einer Hochrisikotechnologie; von der Nähe zur Neutronen- oder Wasserstoffbombe, für die schon wenige Gramm Tritium reichen, ganz zu schweigen.

Beim nach der internationalen Raumstation zweitteuersten Forschungsvorhaben, dem ITER-Projekt, sind die Kosten gerade explodiert. Für Europa heißt das 1,4 Milliarden Euro Mehrkosten alleine in den Jahren 2012/ 2013. Mit ITER soll im südfranzösischen Cadarache erstmals demonstriert werden, dass sich mit Fusion Energie gewinnen lässt. 1985 wurde das Projekt angestoßen, für 2026 ist eine erste Fusion geplant. Falls ITER irgendwann funktioniert, soll mit dem Folgeprojekt DEMO im Versuchsmaßstab Elektrizität generiert werden. Erst wenn auch DEMO seine Tests besteht, kann es an den Bau eines stromliefernden Fusionsreaktors gehen. 2055 soll es so weit sein. Die Fusionskonstante lässt grüßen. Bis dahin werden die Forschungskosten auf mindestens 100 Milliarden Euro geklettert sein.

Im Kampf gegen den Klimawandel könnte die Fusionstechnik übrigens nicht helfen. Dieser Kampf wird nicht in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts entschieden, sondern in den nächsten Jahren. Selbst wenn die Fusionsenergie 2055 zur Verfügung stehen würde: Für die dann bereitzustellende Energieversorgung käme sie auf jeden Fall zu spät.

Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel. Es ist an der Zeit, das Notwendige zu tun und die Forscherkapazität auf zukunftsverträgliche Lösungen zu lenken. Wir haben nur eine Erde. Unser Lebensraum, ja selbst unser Leben sind begrenzt. Schon heute aber können wir die Kernfusion nutzen. Unser Fusionsreaktor ist die Sonne. Die Sonne schickt uns genügend Energie auf die Erde. Sie ist in jedem Land verfügbar. Wir müssen nur lernen, diesen Reichtum intelligent und naturverträglich zu nutzen.

Die Kernfusionsforschung ist ein Milliardengrab. Einer Forschung, die zukunftsfähige Lösungen sucht und den vielfältig verfügbaren natürlichen Reichtum sinnvoll nutzt, gehört die Zukunft – und in diese Zukunft gehören die Forschungsmilliarden. Es ist Zeit, aus der Fusionsforschung auszusteigen.

Deshalb fordern wir die Bundesregierung auf, darauf hinzuwirken, dass das ITER-Abkommen einvernehmlich aufgehoben oder, falls dies nicht kurzfristig erreicht werden kann, außerordentlich gekündigt wird, sowie unverzüglich damit zu beginnen, die Fusionsforschungsmittel aus dem Bundeshaushalt schrittweise auf die Erforschung der erneuerbaren Energien und der Energieeinsparung zu übertragen.
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