Bundestagsrede von Wolfgang Strengmann-Kuhn 21.05.2010

Risiken der Altersarmut

Vizepräsidentin Petra Pau:

Das Wort hat der Kollege Dr. Strengmann-Kuhn für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.

Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN):

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wer mit offenen Augen durch das Land, durch die Groß­städte geht, der sieht, dass die Altersarmut schon da ist; sie ist nicht nur ein Problem der Zukunft. Man sieht schon jetzt zunehmend ältere Menschen, die in Altglas­containern und Mülleimern herumstochern. Wir haben schon jetzt eine zum Teil extreme Altersarmut. Die Zahl der Grundsicherungsbezieher im Alter ist tatsächlich noch nicht sehr hoch; aber sie ist in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen.

Das ist nur die Spitze des Eisbergs: Trotz der Verbes­serungen, die wir unter Rot-Grün in diesem Bereich her­beigeführt haben, ist der Anteil der verdeckten Armut im Alter immer noch hoch. In dieser Altersgruppe ist die Spanne zwischen der Quote der relativen Einkommens­armut und der Quote der Grundsicherungsbezieher – das kann man im Antrag der SPD nachlesen – sehr groß. Schätzungen gehen davon aus, dass auf eine Person, die im Alter Grundsicherung bezieht, immer noch – früher waren es mehr – zwei bis drei weitere Personen kom­men, die unter Altersarmut leiden. Dann ist man nicht mehr bei 300 000, sondern bei 1 Million betroffenen Menschen. Wenn man die Einkommensarmutsgrenze be­rücksichtigt, kommt man auf anderthalb bis 2 Millionen Menschen. Das ist keine kleine Gruppe; man müsste ei­gentlich schon jetzt etwas für sie tun. Man muss es beto­nen: Die Altersarmut ist schon da.

Die Altersarmut wird ansteigen – das wurde von allen Rednern gesagt –, wenn wir jetzt nicht gegensteuern. Die Rente ist ein langsam treibendes Schiff. Das heißt, wir müssen jetzt Maßnahmen ergreifen, um die Altersarmut, die wahrscheinlich in zehn bis 15 Jahren besonders stark ansteigen wird, einzudämmen.

(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/ DIE GRÜNEN und der LINKEN)

Es geht aber um noch mehr – ich sehe hier diverse junge Leute –: Es geht um das Vertrauen in die Alters­sicherung insgesamt. Wir müssen da unbedingt herange­hen. Viele Menschen glauben nicht mehr, dass sie im Al­ter eine armutsfeste Rente erhalten werden. Hier müssen wir ansetzen: Wir brauchen eine Rente, die erstens ar­mutsfest ist, zweitens auf einfachen Regeln basiert – wir wollen keine undurchschaubaren Regelungen, wie es sie jetzt teilweise gibt – und drittens mit einer entsprechen­den Finanzierung unterlegt ist. Das sind die drei wesent­lichen Punkte, die wir bei der Rente erreichen müssen, um Altersarmut zu vermeiden; das sind für uns Grüne die wesentlichen Kriterien.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wenn ich mir die Anträge anschaue, die von SPD und Linken vorgelegt werden, erkenne ich, dass sie diese Kriterien – ich muss das sagen – leider nicht erfüllen. Ich mache das einmal am Beispiel der Rente mit Min­desteinkommen deutlich, die in beiden Anträgen vor­kommt und die meines Erachtens zu Recht ein Auslauf­modell ist. Es ist nicht armutsfest; es beschränkt sich auf eine Gruppe, die 35 Jahre eingezahlt hat. Bei ihnen wer­den eben Rentenansprüche aufgestockt, wenn sie im Durchschnitt unterhalb von 0,75 Entgeltpunkten liegen.

Rechnet man dies um, bedeutet es, dass auch Leute, die länger als 35 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt ha­ben und dann eine Aufstockung erhalten, nicht unbe­dingt eine armutsfeste Rente bekommen, denn 75 Pro-zent von einem Entgeltpunkt mal 35 Jahre ist gerade eben existenzsichernd, wenn man an die Grundsicherung herangeht. Herr Kolb hat gesagt, eigentlich müsste man für Armutsfestigkeit noch höher gehen. Wenn man nach den Maßstäben der Linken geht, müsste man noch deut­lich höher gehen.

Die Rente mit Mindesteinkommen ist also auch nicht unbedingt armutsfest. Das ist relativ kompliziert zu be­rechnen – wer weniger als 0,75 Entgeltpunkte kriegt, be­kommt auf die eigenen Entgeltpunkte die Hälfte noch einmal drauf – und für die meisten Leute nicht wirklich durchschaubar. Es ist also meines Erachtens nicht der richtige Weg. Außerdem ist es beitragsfinanziert; auch das halte ich nicht für vernünftig, weil die Umverteilung zur Sicherung vor Altersarmut steuerfinanziert sein sollte. Das ist auch die Maßgabe bei unseren Vorschlä­gen.

(Peter Weiß [Emmendingen] [CDU/CSU]: Richtig!)

Die Rente mit Mindesteinkommen wirkt dabei also nicht unbedingt.

Bei den Vorschlägen, die Sie hinsichtlich der Lang­zeitarbeitslosen machen, ist es ähnlich. 0,5 Entgelt-punkte sind noch weniger als 0,75; da brauchte man 60 Jahre, um eine existenzsichernde Rente zu bekom­men. Das hilft den Langzeitarbeitslosen natürlich ein bisschen – wir wollen das durchaus auch anheben –, ist aber nicht armutsfest. Finanzierungsvorschläge machen Sie hierzu auch nicht.

Da ich jetzt nur noch eine Dreiviertelminute habe, ganz kurz unsere Vorschläge zur Erwerbsminderungs­rente; das müssen wir dann im Ausschuss diskutieren. Unsere Vorschläge entsprechen diesen Maßstäben: Wir brauchen eine Rente, die armutsfest ist. Wir wollen jetzt mit Leuten anfangen, die langjährig versichert sind, und zwar 30 Jahre. Da sollte der Maßstab eine Rente sein, die höher ist als die Grundsicherung, also in der Größen­ordnung von etwa 30 Entgeltpunkten, und es sollte steu­erfinanziert sein. Wir nennen das Garantierente. Das ist der erste Punkt, der wichtig ist, um eine armutsfeste Rente zu erzeugen. Das kostet knapp 5 Milliarden Euro Steuermittel. Das halte ich für machbar.

Zweiter Punkt: Bei den Langzeiterwerbslosen wollen wir zu der Situation vor der Halbierung zurückkommen. Das heißt, wir wollen Langzeitarbeitslose mit Menschen gleichstellen, die 400 Euro Einkommen beziehen. Das ist übrigens auch ein Punkt, der bei beiden Vorschlägen, bei SPD und Linken, noch nicht berücksichtigt ist. Wenn man für die Langzeitarbeitslosen auf 0,5 Entgeltpunkte hochgeht, muss man natürlich überlegen: Was ist denn mit Erwerbstätigen, die weniger als 0,5 Entgeltpunkte haben? An dieser Stelle empfinde ich Ihre Vorschläge als einfach noch nicht zu Ende gedacht. Es ist nicht wirklich armutsfest, es ist zu kompliziert, und die Finanzierung ist auch nicht geklärt. Deswegen werden wir dazu noch unsere eigenen Vorschläge vorlegen, die besser als die von SPD und Linken geeignet sind, Armut im Alter zu bekämpfen.

Herzlichen Dank.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
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