Bundestagsrede von 11.11.2010

Schutz der biologischen Vielfalt

Krista Sager (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Die Taxonomie gehört zum Basiswissen für die Biodiversitätsforschung und damit für alle praktischen Maßnahmen, die auf biologische und ökologische Systeme zielen. Das Erkennen von Veränderungen im Ökosystem zum Beispiel bei der Artenzusammensetzung, beim Verschwinden von Arten oder dem Auftauchen von invasiven, gebietsfremden Arten und die Beurteilung ihrer Folgen sind wichtige Voraussetzungen dafür, dass Biodiversitätsforschung als Frühwarnsystem funktionieren kann.

Die Kenntnis der Arten und ihrer Eigenschaften in Interaktion mit ihrem Lebensraum ist unverzichtbar für jedes nachhaltige Populationsmanagment, ob im Naturschutz oder bei der Schädlingsbekämpfung. Artenkenntnis ist auch eine wichtige Grundlage, um zum Beispiel bei der Kooperation mit Entwicklungsländern, den optimalen Einsatz knapper Ressourcen für die Biodiversitätsforschung zu erreichen. Wenn für diese Aufgaben zunehmend die Expertinnen und Experten fehlen, wird Deutschland es schwer haben, seine Verpflichtungen aus dem Übereinkommen über die biologische Vielfalt (CBD) von 1993 zu erfüllen. Denn dieses hat im Prinzip die hinreichende Bereitstellung von Forschungsinfrastruktur und Forschungsressourcen zur Voraussetzung.

Die wachsende Bedeutung der Biodiversitätsforschung nicht nur für den Erhalt der Artenvielfalt, sondern auch für Ernährung, Land- und Forstwirtschaft, Klimaschutz, Medizin, Pharmazie, Bionik bis hin zur Vorbereitung internationaler Schutzabkommen wird inzwischen allgemein anerkannt. Die Biodiversitätsdebatte bietet im Prinzip auch gute Voraussetzungen, um die Taxonomie von ihrem etwas angestaubten Image zu befreien und für wissenschaftliche Nachwuchskräfte wieder interessanter zu machen. Das Handwerkszeug der Taxonomie ist zudem vielfältiger und anspruchsvoller geworden und reicht von der Molekulargenetik bis zur Teilnahme an Freilandexperimenten.

Das Hauptproblem in der Biodiversitätsforschung ist sicherlich das Auseinanderklaffen von wissenschaftlicher Erkenntnis und praktischem Handeln. Gerade mit Blick auf die bevorstehende Umstellung der EU-Landwirtschaftspolitik nach 2013 bekommen interdisziplinäre Praxisprojekte mit wissenschaftlicher Begleitung eine große Bedeutung. Gebraucht werden dafür zunehmend interdisziplinäre Teams mit Biologen, Taxonomen, Juristen und Ökonomen, die mit örtlichen politischen Akteuren und Praktikern kooperieren. Der Bund sollte durch ein entsprechendes Programm dafür sorgen, dass an Universitäten und Forschungseinrichtungen in Deutschland für jede Tier- und Pflanzenklasse mindestens ein spezifisches Kompetenzzentrum gesichert wird bzw. bestehende Lücken geschlossen werden.

In diesem Kontext sollte die Nachwuchssicherung im Bereich Biotaxonomie gefördert werden. Für die Ausbildung und Forschung im Bereich Biotaxonomie, aber auch als DNA-Banken und Archive des Lebens haben Sammlungen und Museen eine große Bedeutung. Der Leibniz-Verbund Biodiversitätsforschung umfasst 28 Leibniz-Einrichtungen. Es ist fraglich, ob eine fünfzigprozentige Bundesbeteiligung an der Finanzierung dieser nationalen Bedeutung noch entspricht, zumal der hohe Länderanteil zunehmend zur Entwicklungsbremse für diesen Bereich wird. Der Bund sollte auch auf internationaler Ebene gerade auch im Hinblick auf das deutsch-brasilianische Wissenschaftsjahr sich dafür einsetzen, dass die Möglichkeiten für die Grundlagenforschung für internationale Biodiversitätsforscher erleichtert und offener werden.
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