Bundestagsrede von 11.11.2010

Bildungsmaßnahmen in Entwicklungsländern

Ute Koczy (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Bildung ist kein Geschenk, das nur Auserwählten zukommt. Nein: Bildung ist ein Menschenrecht für alle. Daher stehen die Regierungen in allen Ländern der Welt in der Pflicht, das Recht auf Bildung umzusetzen und zu garantieren.

Es stimmt: Beim zweiten Millenniumsentwicklungsziel – dem Zugang zu Grundbildung – wurden bereits viele Fortschritte erzielt. Und doch ist leider offensichtlich: Bis 2015 wird das zweite Millenniumsentwicklungsziel nicht erreicht. Gerade die ärmsten Länder werden das Ziel verfehlen. Besonders Kinder aus ländlichen Gebieten haben schlechte Bildungschancen – sie besuchen nur halb so oft die Grundschule wie Kinder aus städtischen Gebieten.

Neben der Frage des Zugangs zu Bildung quält uns insbesondere die Frage der Qualität der Bildung. Lehrer und Lehrerinnen sind weltweit die bedeutendste Ressource für das Lernen. Und gute Lehrerinnen und Lehrer sind eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Lernerfolg. An beidem herrscht gerade in armen Ländern ein großer Mangel. Allein in Subsahara-Afrika müsste beispielsweise zur Erreichung des Grundbildungsziels die Zahl der Lehrer und Lehrerinnen verdoppelt werden. Und viel muss investiert werden in Lehrerausbildung; denn besonders in ländlichen Gebieten mangelt es nicht nur an Lehrpersonal, sondern vor allem an qualifiziertem Lehrpersonal.

Wir wissen alle, dass Bildung eine Grundvoraussetzung zur Überwindung von Armut ist. Alle entwicklungspolitische Erfahrung lehrt uns, dass Frauen und Mädchen bei der Überwindung von Armut eine zentrale Rolle spielen. Doch noch immer sind Frauen bei der Bildung stark benachteiligt. Während sich in den Grundschulen schon einiges verbessert hat für Mädchen, stellt der Gender Gap im Bereich der Sekundarbildung ein noch viel größeres Problem dar.

In Mosambik habe ich Anfang des Jahres erfahren, dass zwar immerhin 95 Prozent aller Kinder eingeschult werden. Doch die Hälfte davon schafft den Primarschulabschluss nicht, und nur eine kleine Minderheit, 5 Prozent, geht bis zum Abschluss der Sekundarschule zur Schule. So erwerben nur sehr wenige Menschen in Mosambik die Qualifikation für eine Universitäts- bzw. Fachhochschulbildung oder einen höheren Ausbildungsberuf. Dieses Problem ist viel zu lange vernachlässigt worden.

Da die Sekundarbildung in der Regel kostenpflichtig ist, werden große Bevölkerungsgruppen vom Zugang ausgeschlossen. So auch in Mosambik: Die Regierung unterstützt den Besuch der Primarstufe für alle Kinder bis zur siebten Klasse. Doch ab der achten Klasse müssen Familien die Schulkosten für ihre Kinder komplett selbst übernehmen, das Schulgeld, die Unterbringung in einer weiter entfernten Stadt – oftmals sind Sekundarschulen bis zu drei Stunden von zu Hause entfernt – und die Kosten für Schulmaterial und Uniformen sind für viele Familien in Mosambik eine nicht zu bewältigende Anstrengung.

Und da die Gesellschaft in Mosambik noch immer meist patriarchalisch organisiert ist, scheiden gerade Mädchen und junge Frauen besonders häufig und frühzeitig aus der Schule aus. Argument: Sie werden für die Familienarbeit in der Landwirtschaft gebraucht. Es ergibt sich ein Kreislauf, in dem Frauen zu einer frühzeitigen Heirat gedrängt werden, früh viele Kinder bekommen und ihnen damit ein Lebensweg vorgeschrieben wird, der sich vor allem um die land- und hauswirtschaftliche Tätigkeit und die Versorgung der Kinder unter prekären sozioökonomischen Bedingungen dreht. Ein Leben in Armut ist damit auch für die nächste Generation so gut wie vorprogrammiert.

Um diesen Kreislauf zu durchbrechen und die strukturelle Benachteiligung von Frauen abzumildern, bedarf es der Förderung von Bildungschancen für junge Frauen, gerade auch in der Sekundarbildung.

Zum Antrag der Koalition. Viele der angesprochenen Fragen thematisieren Sie in Ihrem Antrag. Das ist gut. Doch gerade dort liegt auch das Problem: Sie thematisieren so viele dieser Fragen, ohne konkrete Lösungsansätze zu präsentieren, dass im Fazit der Antrag ein zahnloser Tiger bleibt. Wir können uns daher nur enthalten. Was zum Beispiel in Ihrem Antrag fehlt, sind konkrete Zahlen.

Es ist schön, dass Sie die dringend nötige Reform der Fast Track Initiative für Bildung unterstützen. Doch wenn die Fast Track Initiative greifen soll und die Grundbildungssituation in den ärmsten Ländern verbessern soll, dann muss sie – insbesondere ihr Catalytic Fund – mit ausreichender und vorhersehbarer Finanzierung ausgestattet sein. Hier ist Ihr Antrag eine Fehlanzeige. Wir Grünen haben im Entwicklungsausschuss Änderungsanträge zum Haushaltsplan des Entwicklungs-ministeriums eingebracht, unter anderem zur Aufstockung der Mittel des Catalytic Fund. Und was machen Sie von der Koalition? Für 2010 und 2011 fährt Deutschland seine Zusagen für den Catalytic Fund sogar noch zurück, und auch unsere Haushaltsanträge haben Sie leider abgelehnt.

Aus Ihrem Antrag spricht, dass Sie viel Hoffnung in die Privaten stecken. Nach Ihren Vorstellungen soll sich die deutsche Wirtschaft auch im Bildungssektor in Entwicklungsländern einbringen können. Doch es ist eine grundlegende Aufgabe des Staates, für ein funktionierendes Bildungssystem zu sorgen und Bildung für alle zu garantieren – Private können höchstens als Ergänzung, aber nicht als Ausrede dienen! Und vor allem: Es geht hier nicht in erster Linie um die Förderung der deutschen Wirtschaft, sondern um die Verwirklichung des universellen Menschenrechts auf Bildung!

Sie haben Recht damit, dass auch in die berufliche Bildung investiert werden muss. Doch darüber darf der enorme Nachholbedarf bei Grundbildung, insbesondere bei der bereits angesprochenen Qualität der Grundbildung, und bei der Sekundarbildung nicht vergessen werden. Wenn die Basis nicht stimmt, dann macht auch berufliche Bildung keinen Sinn! Das haben Sie leider in Ihrem Antrag vernachlässigt.
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