Bundestagsrede von 07.10.2010

Baugebundene Kunst

Präsident Dr. Norbert Lammert:

Letzte Rednerin zu diesem Tagesordnungspunkt ist die Kollegin Bettina Herlitzius, Bündnis 90/Die Grünen.

Bettina Herlitzius (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Kunst am Bau, das ist ein sperriges Thema, und darüber sprechen wir jetzt auch noch zu so später Stunde. Dabei ist es ein ganz altes Thema. Seit über 90 Jahren hat sich der öffentliche Bauherr in Deutschland verpflichtet, 1 bis 2 Prozent einer Bausumme in Kunst am Bau zu investieren. Im Rahmen der baugebundenen Kunst – das ist ein schöner Fachbegriff – sind Kunstwerke, Objekte und Skulpturen entstanden. Dabei wurde sehr viel Geld investiert. Sehr viele Objekte sind über die Historie entstanden. Dabei sind öffentliche Gelder verwendet worden. Für diese Gelder haben wir Verantwortung. Wir haben Verantwortung für die Steuergelder, die dort hineingeflossen sind, aber wir haben auch eine Verantwortung vor den Künstlern, die diese Objekte erstellt haben.

Jetzt muss ich Ihnen leider sagen: Wenn ich an meinen Wahlkreis denke, fällt es mir sehr schwer, ein Beispiel für Kunst am Bau zu nennen. Mir fällt nur ein Objekt ein: ein Bergmann, vier bis fünf Meter hoch, in Fliesen an einer Wand in einem alten Rathaus. Er ist dokumentiert worden. Er fristet ein trauriges Dasein; aber er hängt dort noch. Selbst an diesem kleinen Beispiel kann ich erkennen, dass der Umgang mit Kunst am Bau sehr schwierig ist.

Wir sollten an dieser Stelle vorsichtig sein und uns nicht auf eine reine DDR-West-Diskussion einlassen,

(Beifall bei der LINKEN)

sondern wir sollten es als Ganzes betrachten. Denn wir haben auch in den anderen Bundesländern ein Erbe, das Unterstützung benötigt; dort sehen wir durchaus Bedarf.

Wir haben ein historisches Erbe, das Respekt und Wertschätzung verdient. Es dokumentiert unsere Wurzeln. Wir müssen vorsichtig sein, wenn es um die Frage geht, welchen Maßstab wir anlegen. Ich bin der Kollegin Grütters sehr dankbar dafür, dass sie sehr stark die fachliche Ebene, den Denkmalschutz, dargelegt hat, aber auch auf die Bewertung von Kunstwerken eingegangen ist.

Ich glaube, dass wir heute nicht unbedingt über den ersten Antrag der Linken reden müssen; er hat sich erübrigt. Wir müssen aber über den zweiten Antrag der Linken reden, in dem eine grundsätzliche Dokumentation verlangt wird.

Lassen Sie mich zuvor einen Schlenker machen und über dieses Gebäude sprechen. Gerade hier im Reichstag gibt es einige Bau- und Kunstobjekte, die ich sehr beeindruckend finde und die ich nur ungern missen würde. Jetzt sind sie aktuell. Aber wir wissen nicht, wie in 20 oder 30 Jahren über sie gedacht wird. Mit dieser Frage müssen wir uns beschäftigen und Regulative finden.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Eigentümerwechsel, die Unkenntnis der Bauherrin, aber auch die Ignoranz von Politik und Verwaltung führen in vielen Kommunalverwaltungen, Landesbauverwaltungen und Bundesbauten zum Verlust von Kunstobjekten. Wir müssen unserer Verantwortung für diese Objekte gerecht werden. Insofern muss überprüft werden, ob die Dokumentation, die bisher stattfindet, ausreichend ist. Ich verstehe den Antrag der Linken so, dass es Ihnen darum geht, dass wir über diese Frage noch einmal nachdenken sollten.

Wir müssen uns allerdings darüber im Klaren sein, dass wir nicht nach Himmelsrichtung entscheiden dürfen, sondern uns grundsätzlich über das Thema "Kunst am Bau" unterhalten müssen. Es kann nicht sein, dass Hausmeister über ein Kunstobjekt entscheiden – hop oder top –, sondern es muss katalogisiert und bewertet werden. Die Entscheidung, ob man es archiviert und für unsere Nachkommen bewahrt oder nicht, kann man, wie ich denke, ruhig Fachleuten und Künstlern überlassen. Darüber müssen nicht wir Politiker entscheiden.

Das Erbe, das wir haben, ist ein relativ großes, und es ist von ganz unterschiedlicher Qualität. Aber diese Frage steht im Moment, wie ich glaube, nicht im Mittelpunkt. Im Moment geht es vor allem darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass wir dieses Erbe bewerten und uns genau überlegen: Was davon wollen wir erhalten und für unsere Nachkommen sichern? Dies ist ein Gedanke, den wir aufgreifen sollten. Wie wir wissen, ist das Bauministerium an diesem Thema durchaus interessiert. In den verschiedenen Werkstattgesprächen hat es in den letzten Jahren einiges bewegt. Auf diesem Weg sollte man weitergehen.

Danke schön.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der LINKEN)
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