Bundestagsrede von 14.04.2011

Präimplantationsdiagnostik

Präsident Dr. Norbert Lammert:

Birgitt Bender ist die nächste Rednerin.

(Beifall des Abg. Pascal Kober [FDP])

Birgitt Bender (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Manche wundern sich, dass ich für ein Verbot der PID eintrete. Denn ich bin bekannt als eine Frau, die immer dafür ge­kämpft hat, dass der Staat auf den Zwang verzichtet, aus einer unerwünschten Schwangerschaft ein unerwünsch­tes Kind werden zu lassen, die also für das Entschei­dungsrecht der Frau eingetreten ist. Inzwischen ist es so­wohl Gesetz als auch gesellschaftlicher Konsens, dass der Staat unter gewissen Rahmenbedingungen in den ersten drei Monaten einer Schwangerschaft eine Abtrei­bung nicht kriminalisiert. Gleichzeitig bin ich für ein Verbot des Genchecks im Reagenzglas. Ich sehe darin keinen Widerspruch. Das eine ist die geduldete Entschei­dung gegen unbekanntes Leben im eigenen Körper, weil einer Frau zu einem bestimmten Zeitpunkt das Leben mit einem Kind nicht zumutbar erscheint. Das andere ist die bewusste und gewollte, nämlich künstliche Erzeu­gung von mindestens acht Embryonen zu dem Zweck des Aussortierens. Diejenigen Embryonen, die nicht ge­sund genug erscheinen, um dem Kinderwunsch zu genü­gen, werden verworfen, wie es heißt.

Ja, es geht dabei um den individuell durchaus nach­vollziehbaren Wunsch nach einem gesunden Kind. Aber das Verfahren der PID ist letztlich eine Entschei­dung – darum sollte sich niemand herumdrücken – über den Wert von jeweils mindestens achtfachem Leben. Herr Hintze, es geht dabei nicht um das Wissen. Wir wollen nicht die genetische Beratung, die potenzielle El­tern um ihr Risiko wissen lässt, verbieten. Worum es uns geht, ist die Option auf Selektion. Diese würde unsere Gesellschaft verändern. Deswegen wollen wir sie ver­hindern.

(Beifall bei Abgeordneten im ganzen Hause)

Meine Damen und Herren, wir sollten näher hin­schauen, was das Versprechen eines gesunden Kindes für die betroffenen Frauen bedeutet. Die Hormonbe­handlung ist mit hohen Risiken verbunden. Außerdem ist sie intensiver als bei einer normalen Reagenzglasbe­fruchtung, weil man für dieses Verfahren mehr Eizellen braucht. Höchstens zwei von zehn Frauen haben nachher überhaupt ein Kind. Die wenigen Schwangerschaften, die entstehen, sind häufig Mehrlingsschwangerschaften. Das Risiko von Frühgeburten ist hoch. Machen wir uns doch nichts vor: Es findet bei solchen Schwangerschaf­ten eine engmaschige pränataldiagnostische Überwa­chung statt, und späte Abtreibungen sind mitnichten aus­geschlossen. Das sehen wir in anderen Ländern.

(Beifall bei Abgeordneten im ganzen Hause)

Wieso, frage ich die Befürworter der PID, soll eine Frau in Zukunft eigentlich den Mut finden, sich für ein abseh­bar behindertes Kind zu entscheiden, wenn sie Anwürfe fürchten muss, die da lauten: Das hätte doch nicht pas­sieren müssen?

(Beifall bei Abgeordneten im ganzen Hause)

Einige hier im Haus mögen in der PID einen Zuge­winn an Freiheit für die Frauen erkennen. Ich sehe in erster Linie die Gefahr hohen sozialen Drucks für Frauen, sich einem solchen Verfahren zu unterziehen, und für die Gesellschaft als Ganzes den drohenden Ver­lust der Bereitschaft zum Miteinander, egal wie gesund, krank oder behindert wir sind. Beide Tendenzen möchte ich gerne verhindern.

(Beifall bei Abgeordneten im ganzen Hause)

 

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