Bundestagsrede von Brigitte Pothmer 07.04.2011

Integration Älterer in den Arbeitsmarkt

Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Vielen Dank, Herr Präsident. – Meine Damen und Herren! Es ist ungefähr ein Jahr her, dass Frau von der Leyen gesagt hat, es gehe jetzt darum, den Silberschatz des Alters zu heben, und nicht etwa darum, die Älteren zu entsorgen. Ich finde, das klingt gut. Das hat etwas Prosaisches. Das Problem ist aber, dass – anders als im Märchen – in der Realität leider niemandem ein solcher Silberschatz einfach in den Schoß fällt. Dafür muss man etwas tun.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Anton Schaaf [SPD])

Wenn man sich die Zahlen dazu anguckt, dann sieht man, dass seit diesen bahnbrechenden Worten leider nicht viel passiert ist. Die Zahlen sprechen da eine deutliche Sprache. In 35 Prozent aller Betriebe gibt es keinen ein­zigen Beschäftigten über 50 Jahre. Ich gebe zu: Die Be­schäftigungsquote Älterer hat sich etwas verbessert. Aber es lohnt sich schon, sehr genau hinzugucken. In der Al­tersgruppe der 60- bis 64-Jährigen sind nur noch 38 Pro-zent überhaupt beschäftigt. Arbeitslose über 50 haben es besonders schwer, wieder einen Arbeitsplatz zu finden. Wenn sie einmal arbeitslos geworden sind, schlittern sie im Regelfall in die Langzeitarbeitslosigkeit. Das können wir uns angesichts des Fachkräftemangels nicht mehr leisten, insbesondere auch vor dem Hintergrund, dass diese Generation, deren Potenziale wir jetzt nicht nutzen, besser ausgebildet ist als die nachfolgenden Generatio­nen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Die Regierung geht offensichtlich davon aus, dass die durch den demografischen Wandel bedingte Nachfrage dieses Problem lösen wird. Ich kann Ihnen nur sagen: Wenn wir hier nicht mit einer konzertierten Aktion vor­gehen, wird sich gar nichts daran ändern. Wir sind ge­rade im Begriff, in eine Situation zu schlittern, die auf der einen Seite durch einen hohen Fachkräftemangel be­schrieben werden kann und auf der anderen Seite durch eine hohe Arbeitslosigkeit insbesondere der Älteren.

Ja, wir sind der Auffassung, dass die Lebensarbeits­zeit an die steigende Lebenserwartung angeglichen wer­den muss. Aber dazu muss man dann auch die Voraus­setzungen schaffen. Wir weigern uns, anzuerkennen, dass das Prinzip "Rente mit 67" zu einem Prinzip der Rentenkürzung durch die Hintertür wird. Das wollen wir ausdrücklich nicht.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Wir wollen Rahmenbedingungen, die es ermöglichen, dass die Menschen qualifiziert, motiviert und gesund das Rentenalter erreichen. Wir wollen dafür sorgen, dass Menschen, auch wenn sie mit über 50 Jahren arbeitslos werden, eine echte und realistische Chance haben, wie­der einen angemessenen Arbeitsplatz zu finden.

Der Antrag, der Ihnen heute zur Beratung vorliegt, enthält eine Menge von Vorschlägen zu diesem Problem. Wir wollen, dass kontinuierliche Qualifizierung in den Betrieben ansetzt. Es macht überhaupt keinen Sinn, mit den Maßnahmen zu beginnen, wenn die Menschen alt sind. Sie müssen beginnen, wenn man in den Beruf ein­steigt. Es geht darum, alters- und alternsgerechte Ar­beitsbedingungen zu schaffen, und es geht darum, die Vermittlung insbesondere der Älteren zu verbessern.

Ich habe nur vier Minuten Redezeit und kann deswe­gen nicht ins Detail gehen; aber drei grundlegende Vo­raussetzungen für die Kultur der Altersarbeit will ich Ih­nen nennen.

Das Erste ist: Wir müssen ehrlich sein. 90 000 Ältere sind arbeitslos und werden nur deswegen nicht als solche gezählt, weil sie über ein Jahr lang kein Angebot bekom­men haben. Das ist nicht ehrlich, das verschleiert das reale Problem.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Zweitens. Jetzt ist der Zeitpunkt, an dem in Qualifi­zierung investiert werden muss, weil es einen ansprin­genden Arbeitsmarkt gibt, für den wir die Menschen qualifizieren müssen. Liebe Kolleginnen und Kollegen von der CDU/CSU-FDP-Koalition, ich bitte Sie: Stop­pen Sie Ihren Finanzminister und Ihre Arbeitsministerin, die Mittel zur Arbeitsförderung um Milliardenbeträge zu verringern.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD)

Drittens. Wir wollen die Betriebe nicht aus der Ver­antwortung entlassen. Sie sollen die Älteren nicht nur schätzen, sondern auch einstellen.

Vizepräsident Dr. h. c. Wolfgang Thierse:

Frau Kollegin, Sie müssen zum Schluss kommen.

Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

Ich komme zum Schluss, Herr Präsident. – Wir müs­sen endlich aufhören, Menschen ab 45 als arbeitsmarkt­politische Methusalems zu behandeln. Damit werden wir ihnen nicht gerecht.

Ich danke Ihnen.

(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der LINKEN)

 

 

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